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Neue Rechte „Wünschen wir uns die Krise!“

Volker Weiß liefert mit seinem Buch „Die autoritäre Rechte“ eine glasklare Analyse: Die Neue Rechte ist keine harmlose politische Randerscheinung, sondern ein Unterfangen, die Demokratie selbst abzuschaffen.

AfD
Denkt die AfD laut über ihre Nachwuchssorgen nach? Foto: rtr

Dies ist ein so wegweisendes wie erhellendes Buch. Es führt mitten hinein in die aktuellen Debatten, ist aber auf Tagespolitik nicht zu reduzieren. Es befasst sich mit Geschichte, ohne sie zur bloßen Vorgeschichte von Gegenwart herabzustufen. Es schildert Entwicklungen, stellt sie jedoch nicht als einfache kausale Zusammenhänge hin.

Das Thema ist die Neue Rechte, geschildert wird ihr Denken und ihr Vorgehen, das allerdings ohne jeden ideologischen Schaum vor dem Mund: Das Buch will aufklären im besten Sinne, es benennt Strategien und Protagonisten, ist aber nicht im Namen eines Parteiprogramms verfasst, sondern mit dem Ziel, die Politik dieser Neuen Rechten durchsichtig, begreifbar zu machen. Dass sie sich einer „Feindschaft gegen den humanistischen Universalismus“ verschrieben hat, steht deshalb am Ende des Buches – darauf läuft das Agieren der Neuen Rechten hinaus. Doch man versteht diese politische Stoßrichtung besser, wenn man die historischen und politischen Hintergründe kennt. Man kann sie damit auch genauer kritisieren.

Ein Unterfangen, die Demokratie selbst abzuschaffen

Das tut der Historiker und Publizist Volker Weiß: Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Neue Rechte nicht als harmlose politische Randerscheinung zu begreifen ist, sondern ein Unterfangen, die Demokratie selbst abzuschaffen. Wer dieses Buch gelesen hat, wird sich deshalb jegliche Naivität im Umgang mit der Neuen Rechten nicht länger erlauben dürfen.

Die Neue Rechte ist für Weiß kein einheitlicher politischer Block; sie ist bei der AfD genauso zu finden wie bei der NPD, zeigt sich im Aufkommen von Pegida wie im Umfeld von Donald Trump, hat ihre Repräsentanten in Thilo Sarrazin oder Götz Kubitschek. Sie ist für Weiß auch keine Erfindung der Gegenwart. Es gehört zu den großen Stärken dieses Buches, dass es größere historische Bögen zu schlagen vermag. Eines seiner zentrale Erkenntnisse ist dabei, dass sich die Gestalt der Rechten in Deutschland und Europa zwar geändert, in ihren Kernelementen aber unverändert geblieben ist. Gewandelt hat sich das Auftreten der Neuen Rechten. Den pöbelnden, dumpfen Neonazi gibt es nach wie vor, aber die einflussreichsten Kräfte kommen aus intellektuellen Kreisen.

Zum Zentrum des rechten Denkens in Deutschland ist das sachsen-anhaltinische Schnellroda avanciert, wo Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza das sogenannte „Institut für Staatspolitik“ betreiben, eine Zeitschrift herausgeben, einen Buchverlag unterhalten und so die Neue Rechte mit dem entsprechenden Weltbild versorgen, gepaart mit den Handreichungen, wie es verbreitet werden soll. Zentral ist hierbei, was Kubitschek bereits vor zehn Jahren geschrieben hat: „Wünschen wir uns die Krise! Sie bedrängt, sie bedroht unser krankes Vaterland zwar, aber gerade dies weckt vielleicht seinen Mut, ins Unvorhersehbare abzuspringen und das zu wagen, was den Namen ‚Politik‘ verdiente: Nur kein Rückfall ins Siechtum, ins Latente, ins Erdulden.“

Alles, was vorgeblich schwächt, gilt damit als Feind, von Flüchtlingen bis zu Homosexuellen, von „verweichlichten“ Humanisten bis zu den Kirchen. Solche rassistischen Ideen sind nicht neu, aber erst mit der AfD ist in Deutschland eine politische Kraft entstanden, die „das Potential besitzt, die gebündelten Ressentiments in ‚Politik‘ umzuwandeln“, wie Weiß schreibt.

Diese Politik basiert dabei auf „metapolitischen“ Annahmen, deren Außenseite jener Fremdenhass, Rassismus und Antihumanismus ist, der sich jetzt in der konkreten AfD-Politik überdeutlich zeigt. Im Kern geht es den Neuen Rechten dabei aber um einen großangelegten Kampf gegen den Liberalismus und damit gegen jede Form von „egalisierender“ Aufklärung. Dass „ein Volk“ am Liberalismus zugrundegehe, gehört durchweg zu den Glaubenssätzen der Neuen Rechten.

Vermeintlich konservative Revolutionäre als Vorbilder

Volker Weiß kann in diesem Zusammenhang eindrücklich zeigen, wie die Neue Rechte sich hier alter Vorstellungen bedient. Denen des 1925 in Berlin gestorbenen Rechtsextremisten Arthur Moeller van den Bruck vor allem, dem Weiß vor fünf Jahren bereits eine ungemein erhellende Studie gewidmet hatte („Moderne Antimoderne“, Verlag Ferdinand Schöningh). Oder denen jenes Schweizers Armin Mohler, der als Privatsekretär Ernst Jüngers, Einflüsterer von Franz Josef Strauß und Vorbild für Götz Kubitschek wahrscheinlich den größten Einfluss bis heute ausübt. Auf ihn gehen auch die wesentlichen Strategien einer Intellektualisierung des Rechtsextremismus zurück.

Mohler war es, der mit seiner 1949 erschienenen Doktorarbeit über eine „Konservative Revolution in Deutschland“ eine Zusammenstellung verschiedenster Denker wie Carl Schmitt, Hans Grimm oder Oswald Spengler lieferte, die alle für eine Revolution zum angeblichen Erhalt des Abendlandes gestritten hätten. Eine derartige Tradition einer „Konservativen Revolution“ hat es nicht gegeben, viele der von Mohler aufgeführten Autoren waren nicht Konservative, sondern Faschisten. Mohlers Doktorvater Karl Jaspers hatte das genau gesehen, er glaubte jedoch, dass diese Arbeit „bloß begrenzten Unfug“ stifte.

Das war ein folgenschwerer Irrtum. Bis heute liefern gerade die von Mohler als angeblich „konservative Revolutionäre“ präsentierte Autoren die Stichworte der Neuen Rechten. Der Erfolg der Neuen Rechten hat für Weiß deshalb auch mit einer immer wieder intellektuellen Unterschätzung dieser Denktradition zu tun. Es bestätigt sich für ihn, dass die Stärke der Rechten auch aus der Schwäche ihrer Gegner resultiert. Und zu dieser Schwäche gehört, dass man unter Linken wie Liberalen den Rechtsextremismus zu lange lediglich unter Ungebildeten und Frustrierten, bei Kleingeistern oder Gewalttätigen vermutete.

Dieses Buch zeigt dagegen, dass Rechtsextreme wie Kubitschek sehr genau wissen, was sie tun – und sehr genaue Vorstellungen haben von dem, was sie wollen. Sie benutzen Begriffe wie „Abendland“ oder auch „Islam“ als Kampfbegriffe, um eine gesamtgesellschaftliche Krise herbeizuführen – aus der heraus ein „erneuertes“ Land erstehen soll. Erneuert im alten Geist von Hass und Unmenschlichkeit.

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