Lade Inhalte...

Nelia Fehn "Die Reise einer jungen Anarchistin ..." Ich war so unglücklich

Nelia Fehn liebt und reist in Griechenland: Marlene Streeruwitz schiebt den in ihrem Roman "Nachkommen" angekündigten Roman ihrer sympathischen jungen Heldin nach. Weit mehr als eine nette Kuriosität.

Umwölktes Athen, Ziel der Odyssee von Nelia Fehn. Foto: imago stock&people

Wie versprochen, ist jetzt Nelia Fehns Roman „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“ erschienen. Wie vorab bedauert, steht Nelia Fehns Schöpferin Marlene Streeruwitz mit auf dem Titel. „Marlene Streeruwitz als Nelia Fehn“. Wie damals nicht begriffen, ist das aber nicht schlimm. So großartig die konsequente Camouflage wäre, so reizvoll ist es, in der jetzt ja noch einmal etwas jüngeren, regelrecht jugendlichen Nelia Fehn in jedem Moment auch die erfahrene Schriftstellerin zu sehen. Denn wie in diesem Maße kaum erhofft, ist das kein Beiwerklein, sondern eine mutmaßliche Herzensangelegenheit, die sich zwanglos vermittelt. Man kann es auch einfach so lesen.

Wir aber erinnern uns. Nelia Fehn ist die junge Autorin, die in Streeruwitz’ Roman „Nachkommen“ mit ihrem Debüt „Die Reise einer jungen Anarchistin …“ auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gekommen ist. Sie gewinnt ihn nicht. Damals konnte man nicht mitreden. Jetzt lässt sich sagen, dass das Buch zumindest nicht durch Irrungen und Wirrungen nominiert wurde. Eine Jury, die ein solches Debüt ins Rennen schickt, braucht sich nicht zu genieren.

Das Spiel, das Streeruwitz mit den Lesenden treibt, in diesem Falle auch namentlich mit den professionell Lesenden, macht hier allerdings schon schöne Schlenker. „Die Reise einer jungen Anarchistin …“ wirkt so geradeheraus autobiografisch, dass es zur Literatur doch quasi erst wird, indem die Erzählerin ein Produkt der Fantasie ist. Dem steht die Gier nach dem Authentischen in der Literatur gegenüber, die sich erfahrungsgemäß umso heftiger äußert, je jünger die Autorin ist. Und Nelia Fehn ist ungefähr im Alter von Helene Hegemann, als sie „Axolotl“ schrieb (auch Nelia Fehn stammt aus einem intellektuellen Haushalt, ihre verstorbene Mutter war Schriftstellerin, bei S. Fischer, wie Streeruwitz). In „Nachkommen“ wird bereits deutlich, dass Nelia Fehn zwar intellektuell nicht ernstgenommen, aber umso neugieriger beäugt wird.

Schon da hat Marlene Streeruwitz auch klargemacht, dass das ein Fehler ist. Jetzt gibt sie der jungen Frau selbst Gelegenheit, das mitzuteilen. Sie wird zur Ich-Erzählerin ihres eigenen Romans, der ein Bericht über eine Reise durch ein zusammenbrechendes Land ist.

Nelia Fehn will ihren Freund Marios   in Athen treffen, um mit ihm an einer Demonstration für „die HIV Frauen“ teilzunehmen – ein Regierungsskandal von 2012. Offenbar war es ein Irrtum anzunehmen, „Nachkommen“ spiele 2011, dem Jahr, in dem auch Streeruwitz auf der Shortlist stand. Jedenfalls wird sie durch eine Belästigung, der sie sich strikt entzieht, aufgehalten. Sie verpasst ihre Fähre von Kreta aus (wo bekanntlich ihre Tante lebt), weiß schon, dass sie auch Marios dadurch verpassen wird. „Ich war schrecklich unglücklich.“ Wie in „Nachkommen“ ist Marios telefonisch nie zu erreichen.

Nelia Fehn gerät auf eine anstrengende Odyssee, auf der sie finsteren Gesellen und gütigen Helferinnen begegnet. Hier ist „Die Reise einer jungen Anarchistin ...“ ein klassischer Entwicklungs-, gar Bildungsroman. Nur dass die Heldin klug und gut informiert ist. Sie ist mit windigen Seglern unterwegs. Sie lernt eine reizende Hausangestellte kennen, die ihr zur Seite steht. Sie ist auf einer Fähre, die zu havarieren droht. Als sich zeigt, dass die Schwimmwesten samt und sonders verschwunden (verkauft worden) sind, müssen die Griechen an Bord furchtbar lachen.

Ähnlich wie in Frankfurt hat sie fast kein Geld. Sie ist aufmerksam, bürgerlich vorsichtig, politisch im Bilde, durch den Anarchisten Marios auch ein bisschen indoktriniert. Die bürgerliche Vorsicht hat ihr ihre verstorbene Mutter beigebracht. „Manchmal schaut überleben eben nicht schön aus, und Helden sind immer schon tot, wenn sie Helden genannt werden.“

Nelia Fehn ist empfindlich gegen die Schlechtig- und Aufdringlichkeit der Welt: Gegen die Firma Coca-Cola, die ihr Inhaltsstoffe unterjubelt, die für sie als Vegetarierin nicht „einwandfrei“ sind. Gegen den Mann, der sie belästigt hat (und der nicht der letzte im Buch sein wird). „Am Ende kosteten alle diese Übergriffe die Liebe“, erklärt sie, und: „Ich hasse es, wenn ich so von außen gehandhabt werde“.

Sie schildert nicht nur die Situation in Griechenland mit so gerechtem Zorn, dass man stumm wird. Sie erweist sich auch als die nüchterne Idealistin, die schon zu erahnen war. Nüchterner Idealismus ist ihr Geheimnis. Nelia Fehn ist der sozusagen lebende Beweis dafür, dass das eine weder naive noch eine romantische Lebenshaltung ist. Man könnte sich gut vorstellen, dass es Marlene Streeruwitz nicht gereicht hat, einen solchen Menschen als Romanfigur sprechen zu lassen. Sondern dass sie wollte, dass ein solcher Mensch da ist. Große Worte sind nicht länger hohl, wenn sie sie benutzt.

Nelia Fehn: Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland. Roman. S. Fischer. 192 S., 18,99 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen