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Neapel-Krimi Wenn Polizisten nach Hause gehen

„Frost in Neapel“: Maurizio de Giovanni erzählt zum vierten Mal von seinem unterschätzten Ermittlerteam.

Neapel
Neapel, in dessen Innen- und Außenräumen einiges passiert. Foto: imago

Der Italiener Maurizio de Giovanni schreibt eine Art von Krimi, die man alltagsphilosophisch nennen könnte und in der die Handlung die zweite, wenn nicht gar dritte Geige spielt. Die Auflösung wird auch diesmal, im Roman „Frost in Neapel“, etwas hastig aus dem Hut gezogen. Das Ermittlerteam dagegen ist einem schon fast ans Herz gewachsen beim nunmehr vierten, in Neapel spielenden Inspektor-Lojacono-Fall. Oder auch „Gauner von Pizzofalcone“-Fall, denn seit ein paar schwarze Kollegenschafe sich korrumpieren ließen, steht das ganze, eigentlich doch gesäuberte Kommissariat unter Verdacht und wird den Schimpfnamen nicht mehr los.

Auch diesmal schnappen andere nach den Fersen des Pizzofalcone-Teams, wollen ihm den spektakulären Fall wegnehmen – denn bestimmt kriegen diese Versager das nicht hin. Oder kriegen es zumindest nicht schnell genug hin; aber die Öffentlichkeit, die Medien machen bereits Druck. Denn ein junges Geschwisterpaar wurde ermordet. Er war ein hoffnungsvoller Wissenschaftler, sie eine Schönheit. Und es gibt auch gleich drei passende Verdächtige: den Freund der schönen Grazia, einen viertelerfolgreichen Musiker, der als Kellner jobbt; den Chef der Modelagentur, der offenbar besessen war von der jungen Frau; den Vater der Geschwister, der jahrelang im Gefängnis saß, weil er im Kneipenstreit einen Mann totgeprügelt hatte. Er ist wieder draußen und hat im Kaff, aus dem die Familie stammt, herumerzählt, dass er seine Tochter aus der Stadt und nach Hause holen wird.

De Giovanni hat einen Sack voll Typen entwickelt und begleitet sie stets ausführlich in ihr Privatleben – und diesmal auch in die in Neapel doch sehr ungewohnte Kälte. Er begleitet den an Prostata-Krebs leidenden Giorgio Pisanelli, der sicher ist, einem Mörder auf der Spur zu sein, der seine Morde an Einsamen und Lebensmüden geschickt als Selbstmorde tarnt (die Leserin weiß inzwischen: Pisanelli hat Recht). Die junge, energische, fähige Alex Di Nardo, die sich nicht traut, ihrem dominanten Vater zu sagen, dass sie lesbisch ist. Welche Ironie, da er sich immer einen Sohn wünschte. Den eitlen Marco Aragona, Polizeioberwachtmeister mit Elvis-Tolle und verspiegelter Sonnenbrille, der wie ein Teenager für eine Kellnerin schwärmt und keine Annäherung wagt. Oder natürlich Inspektor Giuseppe Lojacono, genannt „der Chinese“, von Sizilien nach Neapel versetzt wegen einer „nebulösen Geschichte mit der Mafia“. Seit seine halbwüchsige Tochter zu ihm gezogen ist und den Nachbarsjungen so nett findet, macht Lojacono sich ständig Sorgen um sie und behandelt sie wie ein Kind.

Immer wieder schiebt de Giovanni längere Passagen dazwischen, in denen er seine Ermittler-Truppe zum Beispiel in den Stunden nach dem Dienst, beim Frühstück oder in den Nachtstunden beschreibt. Das ist auch sprachlich geschickt und stilistisch einfallsreich gemacht auf Art von Zwischenspielen.

Könnte sein, dass es sich abnutzt, wenn das Kommissariats-Team vollends zu alten Bekannten wird. Mit Band vier ist schon eine gewisse Vertrautheit erreicht, aber allzu voraussehbar ist Maurizio de Giovannis Erzählen noch nicht. Und wer mit „Frost in Neapel“ erst einsteigt in seine Kriminalromane, der hat sowieso die Freude des Kennenlernens.

 

Maurizio de Giovanni: Frost in Neapel. Kriminalroman. Aus dem Italienischen von Olaf M. Roth und Susanne Van Volxem. Kindler 2017. 380 S., 19,95 Euro.

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