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Navid Kermanis Roman "Dein Name" Das Ich und die Welt

Navid Kermanis fulminanter Riesentagebuchroman „Dein Name“ hangelt sich am Leben entlang: 1200 Seiten die "alles" umfassen, vom Burnout bis hinzu politischen, privaten und familiären Ingredienzen.

29.08.2011 17:06
Martin Ebel
Der Islamwissenschaftler und Autor Navid Kermani. Foto: dpa

ber den Zufall. Jean Paul, Hölderlin und der Roman, den ich schreibe“ – so war die Folge von fünf Poetik-Vorlesungen überschrieben, die Navid Kermani im vergangenen Jahr an der Frankfurter Universität gehalten hat. Anders als sonst üblich, wurden sie nicht in gedruckter Form herausgegeben. Die Begründung des Autors: Die Gedanken zur Poetik seien in den „Roman, den ich schreibe“ eingegangen und hätten sich mit dessen Stoff zu etwas Neuem verbunden.

Der Roman ist jetzt erschienen; er könnte einen ähnlichen, ja noch längeren Titel tragen, etwa „Über das Leben. Meine schwierige Ehe, meine Geldsorgen, das Leben meines Großvaters, die Geburt meiner zweiten Tochter, die Knebelung Persiens durch den Westen, Erinnerungen an liebe Gestorbene, Jean Paul, Hölderlin und Kafka, und wie daraus ein Roman werden konnte und warum er so lang werden musste“. Zusammenfassend böte sich an: „Über alles“. So steht es auch werbend im Hanser-Prospekt. Wenn man den Leser überzeugen will, viele Tage seiner Lebenszeit für ein einziges, 1200 Seiten starkes Buch herzugeben, dann muss als Gegenleistung einiges geboten werden. Oder eben: alles.

Navid Kermani ist kein Unbekannter und kein Debütant. Der 1967 in Deutschland geborene Sohn aus dem Iran eingewanderter Eltern ist einer der prominenten Intellektuellen Deutschlands. Seine Stimme fehlt selten, wenn Fragen der Integration, der Multikulturalität verhandelt werden. Als habilitierter Orientalist kennt er in aller Differenziertheit und bis ins historische Detail, was deutsche Islamkritiker wie -verteidiger gern über den Leisten ihrer Vorurteile schlagen.

Sein öffentliches Leben bewegt sich mitten in den Debatten, die die Republik in den letzten Jahren geprägt haben. Der Skandal um die Zuerkennung, dann Aberkennung, dann wieder Zuerkennung des Hessischen Kulturpreises 2009 wegen vermeintlicher „Herabwürdigung des Kreuzes“ ist noch nicht vergessen. Hier hatten sich Kirchenfürsten und Politiker blamiert.

Kermani ist gefragt – und muss auf die Fragen unentwegt Antworten geben, Meinungen absondern, auf Podien und in Vorträgen Positionen beziehen, um als Freiberufler das Geld einzuspielen, das eine 150-Quadratmeter-Altbauwohnung plus Büro plus Scheune im Bergischen Land, eine studentische Hilfskraft und eine vierköpfige Familie verschlingen. Außerdem ist er ein ehrgeiziger, wenn auch bisher nicht von großem Publikumszuspruch belohnter Romanautor.

Ein Buch, das am Leben entlang entsteht

Diese Situation führt, das zu konstatieren braucht man kein Arzt oder Psychologe zu sein, schnell zum Burnout. Auch Kermani, der noch von mannigfaltigen Krankheiten geplagt wird (Migräne, Rückenschmerzen, Hodenkrebs) und dessen Ehe unaufhaltsam dem Ende zugeht, steht kurz davor, dass „sein Leben aus den Fugen“ gerät. Die immer schneller getakteten Aufträge und Meinungsproduktionsanforderungen („heute nicht für Integration, sondern für Aufklärung gebucht“, schreibt er) führen zur Unfähigkeit, sich zu konzentrieren und klar zu denken. Nicht untypisch für diese Art Geistesarbeiter: Er lässt sich nicht in eine Wellness-Klinik einweisen, sondern zieht sich münchhausenhaft am eigenen Schopf aus dem Elend. Indem er es zum Stoff seines nächsten Werkes macht.

Aus der therapeutischen Absicht wird unversehens ein ästhetisches Projekt. Ein Buch, das am Leben entlang entsteht, das sich vom Zufall lenken lässt, nicht von literarischen Zielen. Das nicht von vornherein auf den Leser spekuliert, ja, das durch gezielte Intimitäten eine mögliche Veröffentlichung hintertreibt. Es ist der alte Traum: die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Keine Hierarchien der Gegenstände, alles gleich wichtig: der Vortrag beim Bundespräsidenten und das verstopfte Klo, das Sterben einer guten Freundin oder die Selbstbefriedigung vor dem Einschlafen. Peinlichkeit ist kein Ausschlussgrund, es ist nicht einmal eine Kategorie. „Am liebsten würde er auch die Tippfehler bewahren.“

Natürlich funktioniert das nicht. Werden sie aufgeschrieben, treten die Dinge in einen anderen Raum, eine andere Ordnung. Sie ordnen sich wie von selbst, finden ihre eigene Logik. Fast naiv mutet es an, dass dies Kermani, diesem klugen und belesenen Menschen, erst nach und nach aufgeht. Auch, dass er die Verwandlung steuern muss. Im Gespräch mit dem „berühmten Schriftsteller“ (hinter dem wir Martin Mosebach vermuten dürfen) bockt er noch. Als dieser die Flut der Nebensächlichkeiten rügt, wendet Kermani patzig ein: „Soll es etwa Kunst werden?“ „Es muss!“ lautet die apodiktische Antwort.

Und der Autor folgt dem Rat, ändert die Erzählhaltung vom „Ich“ zum „Er“, streicht, bearbeitet, ordnet neu, versucht dem von Tag zu Tag mit Datums- und Uhrzeitangabe in den Laptop getippten Material Struktur und Spannung zu geben. Er begreift – nicht zuletzt durch ausgiebige Jean-Paul-Lektüre –, dass Unmittelbarkeit nichts Gegebenes, sondern etwas Hergestelltes ist.

Nächste Seite: „Besser ein guter Mensch als ein guter Muslim“

Nur so kann das Buch ein Buch werden, nur so ist es lesbar. Die Spuren des ursprünglichen Vorhabens sind dennoch ausreichend erhalten, und die Verwandlung des Zufalls in Notwendigkeit wird zum Bestandteil des Schreibprozesses. Das „Schwappen eines mitteleuropäischen Kopfes“ hatte Peter Rühmkorf in seinem Tagebuch „TABU“ wiedergeben wollen, in Kermanis Riesentagebuchroman, der von 2006 bis 2011 reicht, schwappt es auch, mit anderen politischen, privaten und familiären Ingredienzen.

Das Auf und Ab der Ehe bis zur schließlichen Scheidung ist einer der roten Fäden. Ein anderer ist die schon genannte Hektik der Existenz eines öffentlichen Intellektuellen, der seine Meinungen zur Ware auf dem Medienmarkt machen muss. Mehrfachverwertung gehört dazu; große Reportagereisen schlagen sich in bereits veröffentlichten Essays nieder, aber auch in diesem Buch. Kermani ist ein exzellenter Beobachter, der in Afghanistan, in Kashmir oder im Iran (mitten im gescheiterten Aufruhr der „Grünen Bewegung“, unter erheblichem persönlichen Risiko) auf Absurdes wie Verwerfliches trifft. Der Großteil der Aufbaugelder, die nach Afghanistan fließen, bleibt als Profit zwischen Unternehmen der westlichen Welt hängen, stellt er fest; das importierte Wasser, das ein Berater trinkt, kostet täglich drei Dollar, das ist mehr, als ein einheimischer Arzt verdient.

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Doppelte Standards prägen auch den Umgang des Westens mit Persien. Kermani liest und kommentiert die Lebensbeschreibung seines Großvaters, eines rechtschaffenen, gottesfürchtigen Großgrundbesitzers aus Isfahan. Der handelte nach dem Grundsatz „Besser ein guter Mensch als ein guter Muslim“ und verzweifelte zusehends daran, dass die „gottlosen“ Christen dem friedfertigen, menschenfreundlichen Geist des Islam viel näher gekommen waren als seine eigenen Glaubensbrüder.

Entlang dieser Biografie erzählt Kermani die Geschichte des Landes, das sich 1906 die erste demokratische Verfassung des Nahen Ostens schuf, die aber von Briten und Russen ausgehebelt wurde. Er erzählt vom Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh, 1953 vom CIA in Szene gesetzt. Von der vielgerühmten „Weißen Revolution“ des Schah 1963, einer Landreform, die zum Ruin der Bauernschaft führte und den Iran vom Exporteur zum Importeur von Lebensmitteln machte; wovon vor allem amerikanische Agrarkonzerne profitierten. Für das herrschende Mullah-Regime hat Kermani nur Verachtung übrig; aber dass die Mullahs überhaupt an die Macht kamen, ist für ihn eine direkte Folge westlicher Machenschaften und „doppelter Standards“.

Und noch ein Dauerton durchzieht dieses Riesenbuch: Es ist das Totenglöcklein. Regelmäßig erscheinen, typographisch abgesetzt und in der Ich-Form, Nachrufe auf Personen, die im Erzählzeitraum gestorben sind. Freunde, Kollegen, Verwandte, aber auch ihm persönlich unbekannte Opfer iranischer Repression. Wie das Sterben der Anderen auf das Leben des Ich zurückschlägt, wie das Leben in der Beleuchtung des Todes zu betrachten ist, was es überhaupt wert ist, wenn es doch enden muss: Das beschäftigt den Autor bis zur Quälerei. Und den Leser nicht weniger.

Auch ein Buch muss enden, selbst ein solches. Notfalls sorgt der Verleger dafür. Hanser-Chef Michael Krüger hat, was Kermani natürlich ebenfalls protokolliert, nochmals Streichungen und Bearbeitungen durchgesetzt, die dritte Fassung ist die „öffentliche“. Krüger hat den Roman einen „Riesenknödel“ genannt. Ein passendes Bild. Man hat lange dran zu beißen und zu kauen. Er ist voller nahrhafter Zutaten, manche mit seltsamem Nachgeschmack. Er liegt schwer in der Hand. Aber nicht im Magen.

Navid Kermani: Dein Name. Roman. Hanser, München, 2011. 1228 Seiten, 34,90 Euro

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