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Nationalbewusstsein Muslime der ganzen Welt

Eine Erinnerung an Aserbaidschans Nationalroman „Ali und Nino“, geschrieben auf Deutsch: Ein Trivialroman über eine Liebe, die über Religions- und Staatsgrenzen hinweg geht.

11.06.2015 16:44
Klaus Hofmann
Eine Flagge in Baku macht noch keine gemeinsame Identität. Foto: REUTERS

Wenn am heutigen Freitag in der Hauptstadt Baku „Europäische Spiele“ beginnen, wird abermals, wie schon im „Eurovision Song Contest“ 2012, das Bemühen Aserbaidschans um europäische Profilierung manifest. Seit 1991 ist das Land unabhängig, seit 2001 Mitglied des Europarats. Eine Gelegenheit, sich einer literarischen Brücke zu erinnern, die aus der Mitte Europas ins Zentrum aserbeidschanischer Kultur geschlagen wurde.

In den siebziger Jahren rückte der 1937 im Wiener Verlag E. P. Tal unter dem Verfassernamen Kurban Said erschienene deutschsprachige Roman „Ali und Nino“ in den Fokus aserbaidschanischer Literatur. Er wurde zu einem Anker des kulturellen wie politischen Nationalbewusstseins des Landes. Dass ein fremdsprachiger Trivialroman ins Zentrum nationaler Literatur rückt, läuft dem Verständnis zuwider, diese präsentiere sich in hehren Werken einheimischer Dichter.

„Ali und Nino“ wurde wahrscheinlich in Berlin geschrieben von Leo Nussimbaum, der in Baku aufgewachsen war. Sein Vater war als Sohn jüdischer Einwanderer aus Kiew oder Odessa im Öltransportgeschäft zu Reichtum gekommen. Vierzehnjährig flohen Leo und sein Vater aus Aserbaidschan, als Sowjetrussland 1920 die Macht in der kurzzeitig (1918–20) souveränen Republik übernahm. Seit 1921 lebte er in Berlin, wo eine Gedenktafel am Haus Fasanenstraße 72 an ihn erinnert. Nach 1936 lebte er in Wien und nach 1938 in Italien, wo er 1942 in Positano starb.

Unter dem Pseudonym Essad Bey – er trat 1922 zum Islam über – schrieb und publizierte er in den Zwanzigern und Dreißigern in Deutschland. Eine ausführliche Biografie bietet Tom Reiss in „Der Orientalist. Auf den Spuren von Essad Bey“. Der Autor bekräftigt, dass Nussimbaum der Autor von „Ali und Nino“ ist, entgegen den Bemühungen, zumal der Zeitschrift „Azerbaijan International“, einen einheimischen Schriftsteller, etwa Yusif Vazir Chamanzaminli, als Autor zu etablieren.

Nussimbaum mag der Vorstellung eines aserbaidschanischen Nationaldichters nicht genügen, doch dürfte „Ali und Nino“ selbst die Vorstellung eines Nationalromans komplizieren, gar untergraben oder revolutionieren. Setzt er sich doch über übliche ethnische, sprachliche, religiöse und politische Begründungen nationaler Identität hinweg, bzw. lässt er sich auf sie ein, um sie ins verwirrend Unschlüssige zu treiben.

Die Liebesgeschichte „Ali und Nino“ gewinnt Profil und Spannung durch die Umstände, die das Paar umstellen und unter denen sich der Staat Aserbaidschan formiert. Am russischen Gymnasium von Baku sitzen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Klasse Ali Khans, des Sohns der alteingesessenen Adelsfamilie Schirwanschir, „dreißig Mohammedaner, vier Armenier, zwei Polen, drei Sektierer und ein Russe“. Das Gemisch religiöser und ethnischer Bestimmungen deutet die Problematik einer nationalen Identifizierung bereits an. Die muslimischen Aserbeidschaner bewohnen das Land als Untertanen des Zaren zusammen mit russischen, armenischen, georgischen Christen.

Der russische Gymnasiallehrer wirft, in den ersten Sätzen des Romans, die Problematik der Zugehörigkeit des Landes zu Europa oder zu Asien auf und provoziert das Aufbegehren Ali Khans: „Ich fühle mich in Asien ganz wohl.“ Gleichwohl plant Ali, in Moskau am Institut für orientalische Sprachen zu studieren, um den Status zu erreichen, der ihn als Ehemann Ninos, Tochter der in Baku ansässigen georgischen Familie Kipiani, akzeptabel macht. Als Alternative behält er sich einen weniger zivilen Weg vor, im Buch als „asiatischer“ zu verstehen: „Und wenn sie nicht will? Nun – dann hole ich mir ein paar wackere Männer, werfe Nino über den Sattel, und rasch hinaus über die persische Grenze nach Teheran“.

Politisch-Militärische Trennlinien

In prägnanten Strichen deutet der Autor die Komplexität der Romanwelt an. Sie ist durchzogen von religiösen und ethnischen Differenzen und Antagonismen, die aber nicht als unüberwindliche Barrieren zwischen den Menschen gelten, eher als Kriterien, auf die man sich besinnt, um Beziehungen zu knüpfen oder aufzukündigen. Sie sorgen für Freundschaft und Feindschaft, Solidarisierung und Distanzierung. Alis Liebe zur Georgierin Nino hebt die Gegnerschaft zu den Georgiern nicht auf.

Als Ninos Vater zunächst nicht in die Ehe einwilligt, erinnert sich der wütende Ali Khan an das Wüten seiner muslimischen Ahnen im christlichen Georgien. Als sich nach dem Ersten Weltkrieg unter Alis Teilnahme eine muslimische Junta bildet, sieht sich Melik Nachararjan, „aus der edelsten armenischen Familie von Karabagh“, der sich als Brautwerber Alis dessen Dankbarkeit und Vertrauen erworben hat, als christlicher Armenier missachtet. Er zieht Nino auf seine Seite: „Wir müssen zueinanderhalten, wir, die wir vom Schwerte Osmans bedroht sind. Wir, die Botschafter Europas in Asien. Ich liebe Sie, Prinzessin. Wir gehören zueinander … Auch ich schätze Ali Khan, aber er ist ein Barbar, ewig gefangen im Banne der Wüste.“

Beide wollen nach Schweden fliehen. Ali holt zu Pferd das Auto des Freundes und Rivalen ein, tötet ihn und flieht vor der Justiz und der Blutrache der Nachararjans. Nino findet zu ihm zurück. Sie heiraten. Die Liebe hebt mitnichten die ethnischen und religiösen Gegensätze auf; vielmehr haben die Partner in ihnen ihre Verankerung. Persien, das Land, dem Aserbaidschan einst zugehörte, bietet Ali und seinem Vater Zuflucht und Rückhalt. Nach Tiflis flieht Nino zuletzt mit ihrem Töchterchen, während Ali im Kampf um die Republik fällt.

Im Politisch-Militärischen zeichnen sich entsprechend die Trennungslinien ab: Ali und seine Freunde sind dem Zaren zur Loyalität verpflichtet. Als Muslime sympathisieren sie mit den Kriegsgegnern des Zaren, den Türken. Als Schiiten sind sie fanatischer Feindschaft gegenüber den sunnitischen Türken fähig. Diese Gegnerschaft wird überlagert von der Solidarität der Turkvölker, die schon die Sprache anmahnt: Azeri, die Sprache Aserbaidschans, ist eine Turksprache.

Mit der „turanischen“ Solidarität konkurriert die Idee einer kaukasischen Solidarität, die Aserbaidschan, Georgien, Armenien einen soll, wogegen sich die Aserbaidschaner empören, die im Armenier den Erbfeind sehen. Die Umrisse eines islamischen Staats zeichnen sich ab, wenn Ali Khan am Ende mit der Hilfe nicht nur des Heeres von Kemal Atatürk rechnet: „Nein, … nicht fünfundzwanzigtausend, zweihundertfünfzig Millionen marschieren. Muslims der ganzen Welt. Aber Gott weiß, ob sie rechtzeitig ankommen.“ Sie kommen nicht rechtzeitig an, noch marschieren sie überhaupt.

Gegen den Wunschtraum des Todgeweihten hält der Roman am Unentschiedenen fest. Im Marsch der zweihundertfünfzig Millionen ginge das unter, worin die Protagonisten Halt und Glück finden wollen, nicht zuletzt die Republik Aserbaidschan, die dieser Marsch erretten soll.

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