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„Nächtliche Wege“ Die Melancholie des Exils

Der russische Autor und Taxifahrer Gaito Gasdanow erzählt vom Paris der Zwischenkriegszeit.

Gaito Gasdanow in den zwanziger Jahren in Paris.

Am Tag studiert er und in der Nacht erlebt er die dunklen Seiten von Paris. Der Roman „Nächtliche Wege“ von Gaito Gasdanow ist ein sehr persönliches Buch: Gasdanow, 1903 in Sankt Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, war einer von Tausenden russischen Flüchtlingen, die in der Zwischenkriegszeit nach Frankreich emigrierten. 1923 ging der Schriftsteller nach Paris, hielt sich mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser und fuhr schließlich über viele Jahre in der Nacht Taxi. Seine Erlebnisse verarbeitete er literarisch und schloss sein Manuskript 1941 ab. Elf Jahre später erschien es erstmals im New Yorker Tschechow Verlag.

Gasdanow lässt seinen namenlosen Erzähler die Erlebnisse auf den Straßen von Paris reflektieren. Das Taxifahren wirkt wie eine Metapher für die spontanen zufälligen Kontakte und Wege des Erzählers, der weder an Raum noch an genaue Zeitvorgaben gebunden ist – die Wege in der Nacht sind niemals gleich.

Die deprimierenden Erfahrungen führen ihn an den Rand der eigenen Existenz: „Die Tage (...) an denen ich dann doch im Bett blieb, statt gleich aufzustehen, waren die düstersten meines Lebens, weil ich nicht aufhörte, die Präsenz der nächtlichen Welt zu spüren, in der meine Arbeit vonstatten ging, und nicht aufhörte, an sie zu denken; mit den Jahren fiel es mir immer schwerer, davon loszukommen und den Übergang zurück zu jenem anderen Leben zu vollziehen, das ich mir trotz allem jeden Tag zu schaffen versuchte.“ Der Leser taucht ein in die Welt der Prostituierten, der Zuhälter und Diebe, der Glücksuchenden und Haltlosen und ihrem Versuch, der kleinen Existenz einen Sinn zu geben. Auf den Straßen von Paris herrscht Untergangsstimmung, das alte Europa existiert nicht mehr. Armut, Angst vor der Zukunft und Heimatlosigkeit beherrschen das Leben sowohl der Einheimischen als auch der russischen Emigranten.

Gasdanow beschreibt in immer neuen Skizzen die Schicksale verlorener Existenzen. Wie eine Perlenkette werden die Erlebnisse aufgezogen, immer wieder verbunden mit den Beschreibungen über drei Prostituierte, die zum Erzähler ein besonderes Verhältnis entwickeln und unterschiedlicher kaum sein könnten. Eine von ihnen ist Raldy, eine verarmte und alt gewordene ehemalige Luxusprostituierte, zu der er eine enge emotionale Beziehung aufbaut. Ihre Schülerin Alice soll in ihre Fußstapfen treten, den Weg von einer normalen Prostituierten zu einer „Halbweltdame“ gehen. Raldy versucht, ihr die gesellschaftlichen Gepflogenheiten beizubringen, doch alle Bemühungen erweisen sich als vergeblich.

Und schließlich Suzanne, die den Weg ins kleinbürgerliche Leben geschafft zu haben scheint. Sie heiratet den Exilrussen Fedortschenko, der nichts von ihrem Vorleben weiß. Doch das Glück währt nur für kurze Zeit. Das schleichende Gift der Sinnsuche, die großen Fragen treiben den Kleingeist Fedortschenko an den Rand des Wahnsinns und zerstören die mühsam aufgebaute Existenz.

Wie seine Protagonisten durchlebt der Erzähler täglich die Melancholie des Lebens im Exil: „Zuvor hatte ich mein Leben etliche Male neu beginnen müssen, (...) Bürgerkrieg und Niederlage, Revolution, Emigration, Schiffsreisen im Laderaum oder an Deck, fremde Länder, zu rasch wechselnde Umstände, mit einem Wort, ein schroffer Gegensatz zu dem, was ich mir nach alter Gewohnheit – seit Jahr und Tag, als hätte ich es in einem Buch gelesen – vorstellte: ein altes Haus, mit denselben Stufen vor denselben Türen, denselben Zimmern, denselben Möbeln, denselben Bücherregalen.“ Nüchtern schreibt Gasdanow über die Option, aus dem Leben zu gehen, die er nicht mit Gedanken an Selbstmord gleichsetzt, und über den letztlich siegendem Wunsch zu leben trotz aller Aussichtslosigkeit.

Gasdanow hat uns mit seinem auch stilistisch brillanten Roman ein Bild der Zwischenkriegsgesellschaft von Paris hinterlassen, das die große Verzweiflung und Entwurzelung ihrer Protagonisten unvergessen macht.

Gaito Gasdanow: Nächtliche Wege. Roman. A. d. Russ. von Christiane Körner. Hanser Verlag,
München 2018. 287 S., 23 Euro.

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