Lade Inhalte...

Nachruf Gerd Fuchs Der Schriftsteller Gerd Fuchs ist tot

Am Drehkreuz: Zum Tod des Schriftstellers Gerd Fuchs, der 83-jährig in Hamburg gestorben ist. Er hinterlässt das Werk eines Mannes, der nicht nur am Schreibtisch gesessen hat.

27.04.2016 16:51
Jürgen Verdofsky

Gerd Fuchs durfte im Übersee-Club lesen, eine Ehre, die man in Hamburg sehr selten vergibt. Ausgerechnet Gerd Fuchs. Aber er traf mit seinem Roman „Die Auswanderer“ auf ein ausgestelltes Thema der Hansestadt: „Hamburg Emigration. Link To Your Roots“. Hamburgisches flagrant: Großreeder Ballin, Auswanderungswellen, Cholera-Epidemie. Fuchs hoffte auf Debatte, aber: „Ich las, man hörte artig zu und anschließend haben wir gegessen. Das war alles.“

Nur einmal fühlte er sich so fremd. Bei einer Tagung der Gruppe 47, wo er 1962 eine seiner ersten Erzählungen las, tanzte er den halben Abend mit einer ihm fremden Schönheit, bis Reinhard Lettau ihm bedeutete, ob er nicht „mit einer anderen Dame tanzen könnte als mit Frau Grass“. Auf dem Foltersessel des Lesenden dagegen fühlte er sich „wie das Kaninchen, das ich beschrieben hatte“.

Seine Ignoranz des Literaturbetriebs war entwaffnend. Das Auszeichnungswesen schlief, doch den Italo-Svevo-Preis bekam er. Unter seinen literarischen Freunden, Nicolas Born, Uwe Timm, Hermann Peter Piwitt, wurde er gehört und galt.

Zeitweilig zog es ihn weit nach links, was vielleicht zu seinem Habitus, aber weniger zu seiner Empirie, seinem Toleranz-Begriff passte. Was zählt: Seinem sinnfrohen Erzählen hat er nie eine marxistische Vorwölbung zwischen die fleischigen Beine geworfen. Ein opulenter Erzähler von Anbeginn, nicht nur weil er intensiv lebte, sondern weil er mit Döblinscher „Tatsachenphantasie“ nach dem Unerledigten der Geschichte griff.

Geschichte von unten

1932 in Nonnweiler/Saar geboren, in Hermeskeil/Eifel, aufgewachsen, hat das Kriegs- und Nachkriegskind den Weltschreck früh aufgenommen, fortan bekam bei ihm alles mit allem zu tun: Die NS-Zeit und ihre Vorgeschichte, das Schweigen danach, das Wirtschaftswunder, die Schrecken der Provinz, das vereinigte Deutschland. Die Geschichte von unten – wie er sie kannte, auch als mittelloser Student, der im Bergwerk arbeitet oder Arno Breker Modell steht. Seinen Romanen ist anzumerken, dass da einer nicht nur am Schreibtisch saß.

Schon mit „Beringer und die lange Wut“ gilt es, sich aus der Unbestimmtheit einer Herkunft zu befreien. Hier schon kommt zum erzählten Detail die Genauigkeit der suchenden Sprache. In „Stunde Null“ steht nach einem Kriegsende und dem Weitermachen nichts für sich allein, ein Unbeteiligtsein schon gar nicht.

„Schinderhannes“ gewinnt aus dem Wildwuchs einer Räuberpistole geschichtsordnende Verdichtung. In „Katharinas Nacht“ wird die Saarabstimmung von 1935 zum Waagepunkt einer Liebe. Mit „Schußfahrt“ wagt Fuchs etwas für ihn Neues: Satire bis zur Ambivalenz. Ein furioser Schelmenroman mit allen Nervensträngen der Lebensgier. Wie hellwach Gerd Fuchs sich am Drehkreuz der Zeitläufte bewegte, wallt in den autobiografischen Skizzen „Heimwege“ auf.

Im Alter von 83 Jahren ist Gerd Fuchs, wie erst jetzt bekannt wird, am 13. April in Hamburg gestorben. Ein selbstloser, unbestechlicher, unerschrockener Mann, dem Leben zugewandt und zugleich gefangen im Labyrinth seines Erzählens. Schreiben war für ihn gesteigertes Leben. Zuletzt hat seine Novelle „Liebesmüh“ berührt. Und seine Violine…

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen