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Nachruf Es stachelte ihn an

Der Schriftsteller Wladimir Woinowitsch ist tot.

Was es bedeutet, wenn wieder einmal alles schief läuft, wusste kaum jemand besser als der praktisch veranlagte russische Schriftsteller Wladimir Woinowitsch. Der 1932 in Stalinabad im heutigen Tadschikistan geborene Autor hatte als Hirte, Zimmermann, Flugzeugmechaniker und Bahnarbeiter gearbeitet, ehe er das Personal seiner Romane durch die alltäglichen Unzulänglichkeiten der sowjetischen Gesellschaft vagabundieren ließ. Sein Roman „Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“ erinnert schon im Titel an Jaroslav Hašeks Helden Schwejk, den Woinowitsch gewissermaßen als Alter Ego namens Tschonkin durch eine vom Kalten Krieg geprägte russische Gesellschaft ziehen lässt. 

Das konnte nicht lange gut gehen. Hatte  Woinowitsch, der inzwischen hauptberuflich Rundfunkredakteur bei Radio Moskau geworden war, anfangs Erfolg mit seinen satirischen Texten, so geriet er mit seinen Erzählungen, die auch von Korruption und Staatsversagen handelten, in der Breschnew-Zeit bald unter Beobachtung und wurde zum zensierten und schließlich verbotenen Dichter. 

Das stachelte die Textproduktion aber nur noch an. Sein Ende der 80er Jahre erschienener Roman „Moskau 2042“ handelt von einem „Genialissimus“ des Sowjetreiches, der von einem Satelliten aus dem All heraus über seine Landsleute wacht. Die Schriftsteller dürfen zwar schreiben, was sie wollen, aber sie erhalten kein Papier, auf dem die Bücher gedruckt werden könnten. Gegen das Schicksal der Schriftsteller seines Romans weiß Woinowitsch sich zu wehren. Er nimmt eine Lesung des Buches auf, die über Tonbänder verbreitet und so zum Kulterfolg der Sowjetliteratur wird.

Auf Einladung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren korrespondierendes Mitglied er noch in Moskau geworden war, kam er nach München, wo er sich für einige Jahre im Vorort Stockdorf niederließ. Dorthin kehrte er auch zurück, nachdem er über einen Aufenthalt in den USA zum gefeierten Satiriker geworden war. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde Woinowitsch 1990 offiziell rehabilitiert und mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem russischen Staatspreis für den Roman „Aglaia Rewkinas letzte Liebe“. Seither pendelte er zwischen Moskau und München. Wladimir Woinowitsch ist, wie seine Familie der Agentur Tass mitteilte, im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines Herzanfalls gestorben.

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