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Nachruf Das Glück und der böse Blick

Von guten Absichten und bösen Blicken: Die Darmstädter Schriftstellerin Gabriele Wohmann sezierte die ungemütlichen Dinge hinter bundesdeutschen Gardinen. Jetzt starb sie im Alter von 83 Jahren.

23.06.2015 16:47
Sabine Rohlf
Gabriele Wohmann ist tot. Das Foto zeigt sie 2010 bei einem Interview. Foto: © epd-bild / epd Mitte-West / J

Gabriele Wohmanns Spezialität war das unfrohe Treiben hinter den Gardinen adretter Einfamilienhäuser in der BRD. Sie schrieb über reaktionäre Spießer mit deutscher Dogge wie in „Die Bütows“, oder aber über „aufgeklärte“ Bildungsträger: Lehrer, Musiker und Journalisten wie in „Paulinchen war allein zu Haus“.

Mit bester Absicht, aber ohne jede Wärme exerzieren in diesem Roman zwei selbstgerechte Gutmenschen die Lehrsätze der antiautoritären Erziehung, bis ihr unglückliches Adoptivkind in ein Internat flüchtet. Ein ätzendes Lehrstück über die Theoriegläubigkeit der siebziger Jahre und typischer Text einer Autorin, die ein feines Gespür für die kleinen und großen Gemeinheiten, den Trübsinn und die Langeweile der gehobenen Mittelschicht hatte.

Ihre Bücher zeichnen ein derart unerfreuliches Bild deutschen Familien- und Ehelebens, dass man nicht glauben kann, dass Wohmann selbst eine „unheimlich glückliche“ Kindheit erlebte. Als Tochter des Pfarrerehepaars Guyot 1932 in Darmstadt geboren, wuchs sie mit drei Geschwistern in einem Haushalt auf, der zusammenhielt und sich gegen die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten stemmte. Nach eigener Aussage musste Wohmann, anders als viele Autoren ihrer Generation, nicht mit ihrem Elternhaus abrechnen. Von ihrem Ehemann Reiner Wohmann nach Kräften in der Arbeit unterstützt, führte sie auch keine Ehe, die Vorbild für trübselige Schilderungen despotischer Gatten und Väter hätte sein können.

Nach abgebrochenem Germanistikstudium, kurzer Lehrtätigkeit und ersten Veröffentlichungen in den fünfziger Jahren wurde Gabriele Wohmann schnell zum literarischen Profi. In der sechziger Jahren war sie als schreibende Frau und als Mitglied der Gruppe 47 eine beachtete Ausnahmeerscheinung. Der große Erfolg kam in den Siebzigern. Sie schrieb gerne und viel, Gabriele Wohmann bezeichnete sich selbst – ein bisschen ironisch und oft zitiert – als „Graphomanin“. Die Zahl ihrer Texte – Romane, Erzählungen, Drehbücher und Hörspiele – ist imposant, sie publizierte kontinuierlich, oft mehrere Bücher pro Jahr, erntete Literaturpreise und das Bundesverdienstkreuz. Erhitzte Debatten und Schlagzeilen produzierte sie nicht.

Kühler Ton, genauer Blick

So etwas hätte auch gar nicht gepasst zu einer Autorin, deren größte Stärke ihre Sachlichkeit, ihr kühler Ton und ihre Genauigkeit waren, mit denen sie sich der Abgründe des „normalen“ Lebens annahm. In nüchternen Sätzen malte sie dessen Tristesse bis ins kleinste, kleinlichste Detail aus, sezierte akribisch bedrückende Beziehungen und bürgerliches Mittelmaß. Manche Leser fanden das unerträglich, andere, darunter Marcel Reich-Ranicki, erklärten sie zu einer der besten Erzählerinnen ihrer Generation.

Sie selbst meinte einmal, dass der ihr von Kritikern attestierte „böse Blick“ voraussetze, dass man selbst stabil und einigermaßen froh sei: „Um das Schöne, um Glücksgefühle, Trostgefühle wegzulassen, muss es einem vielleicht ziemlich gut gehen.“ Und so passt es, dass sie nach dem Tod des geliebten Vaters und einer psychischen Krise begann, nicht nur hässliche Begebenheiten zu schildern, sondern auch nach dem „Richtigen“ zu fragen. Zuerst in ihrem Roman „Schönes Gehege“, der einen übersatten, melancholischen Schriftsteller auf die Sinnsuche schickt, danach in mehreren Büchern über Krankheit und Tod.

Über diese Themen wurde sie nicht zur salbungsvollen Verfechterin des Wahren, Guten, Schönen, sie behielt die Abgründe zwischen Knabbergebäck, Fernsehsesseln und Ehebetten fest im Blick. Mit der Zeit wurden allerdings eine gewisse Sympathie für ihre Figuren und ihr Humor immer deutlicher. Gabriele Wohmann war bei aller gnadenlosen Beobachtungsgabe keine Zynikerin, sondern so menschenfreundlich wie man eben ist, wenn man ein Paulinchen von ihren herzlosen Eltern befreien und den satten Bürgern ihre Erbärmlichkeiten nicht durchgehen lassen will.

Am Montag ist die Schriftstellerin Gabriele Wohmann, wie der Aufbau Verlag am Dienstag mitteilte, nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren in Darmstadt gestorben.

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