Lade Inhalte...

Nachruf auf V. S. Naipaul Es liegt doch an uns, wie die Welt ist

Zum Tode des Schriftstellers und Nobelpreisträgers V. S. Naipaul, in dessen Texten immer das richtige Leben seinen Platz fand.

V. S. Naipaul
Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul ist im Alter von 85 Jahren gestorben. (Archivbild) Foto: dpa

Vergangenen Samstag dachte ich an Vidiadhar Surajprasad (V. S.) Naipaul. Ich überlegte, wie sehr ich seine Stimme vermisste, wie wichtig es wäre, dass er sich umschaute in der Welt von heute und uns von dem erzählte, was er darin sah. Er hatte das ein halbes Jahrhundert lang getan. Wir waren klüger geworden durch ihn. Er hatte uns die Welt gezeigt wie sie war, nicht wie wir sie gerne hätten. Er war neugierig und so sehr er es liebte, sich seine Gedanken zu machen, so sehr war er vernarrt ins Fragen.

Er reiste und sprach mit den Menschen. Mit Zufallsbekanntschaften und mit sorgfältig ausgewählten Personen. Er wollte die unterschiedlichsten Erklärungen für das, was er sah und er wollte gezeigt bekommen, was er übersehen hatte. Er war neugierig.

Ich sollte, so dachte ich vergangenen Samstag, darüber schreiben, wie sehr ich ihn vermisse. Wir tun das, dachte ich, immer erst wenn die Menschen tot sind. Wir sollten es ihnen sagen, solange sie noch leben. Als ich das dachte, lag V. S. Naipaul im Sterben oder war vielleicht schon tot. Jetzt schreibe ich doch keinen Gruß an ihn, sondern einen Nachruf.

Am 17. August wäre er 86 Jahre alt geworden. Auf die Welt kam er in Chaguanas auf Trinidad und Tobago. Seine Großeltern waren in den 1880er Jahren als Kontraktarbeiter aus Indien in die Karibik gekommen. Sein Vater arbeitete seit 1929 als Journalist und träumte davon, Schriftsteller zu werden. Seine Söhne V. S. und dessen jüngerer, bereits 1985 verstorbener Bruder Shiva Naipaul wurden es.

Zum Schulabschluss gewann V. S. Naipaul ein Stipendium, das ihm erlaubte, wo auch immer im britischen Empire zu studieren. Er entschied sich für Oxford. In Wahrheit aber wollte er nach London und Schriftsteller werden. Als sein Vater 1953 starb, zog im Jahr darauf V. S. Naipaul, ein unsicherer, schüchterner, von Depressionen geplagter junger Mann nach London. Er war auf dem Weg anzukommen. Darüber hat er eines der schönsten Bücher des vergangenen Jahrhunderts geschrieben: „Das Rätsel der Ankunft“. Das erste Kapitel ist ein Traum. Es passiert nichts darin. Es breitet sich nur langsam die Landschaft aus, in der Naipaul damals – unweit von Stonehenge – lebte. Es ist eine sich über einhundert Seiten hinziehende, keine Sekunde langweilige Meditation. Es ist der Naipaul, der gerne übersehen wird, wenn man nur seine witzigen frühen Romane oder seine Reiseberichte und Essays vor Augen hat.

Naipaul war ein Dichter. Er hätte sich lustig darüber gemacht, hätte ich es ihm gesagt. Er war hinter der Wahrheit her. Aber er wusste sehr genau, dass es sie ohne die Empfindung nicht gibt. Die einen doch immer wieder mit Blindheit schlägt. Naipaul liebte die Provokation. Er liebte es, Menschen zu beleidigen. Freund und Feind. Er war, war ihm das gelungen, besserer Laune. Ich habe ihn ein paar Mal getroffen und nie so erlebt. Aber wer immer etwas von ihm oder über ihn liest, weiß, dass er sich auf Schlimmste gefasst machen muss. Eine langjährige Geliebte erklärte in einem Brief an die „New York Review of Books“: „Vidia erklärt, dass er mich missbraucht habe, habe mir nichts ausgemacht. Es hat mir sehr wohl etwas ausgemacht.“

Als er 2001 den Literaturnobelpreis bekam, da gab es Stimmen in der muslimischen Welt, die darin nichts als eine weitere Beleidigung ihres Glaubens sahen. Naipaul hatte 1981 einen Bericht über eine Reise in den Iran, nach Pakistan, Malaysia und Indonesien veröffentlicht. „Among the Believers: An Islamic Journey“ war der englische Titel. Der deutsche war „Eine islamische Reise“. Das Buch hielt gnadenlos Gericht darüber, wie die „Gläubigen“ diese Länder heruntergebracht hatten. 1998 machte Naipaul noch einmal dieselbe Reise und schrieb wieder über seine Eindrücke: „Beyond Belief: Islamic Excursions Among the Converted Peoples“ („Jenseits des Glaubens: Eine Reise in den anderen Islam“) Das Urteil fiel noch verheerender aus. Das Problem des Konvertiten stand im Zentrum des Buches. Dessen also, der seine Herkunft verraten hatte und darum besonders fanatisch dem neuen Glauben anhing.

Es gab Leser, die darin ein Stück Naipaul erkannten. Verriet er nicht auch seine Herkunft aus einem hinteren Winkel der sogenannten Dritten Welt, wenn er sich als englischer Autor, als Meister der englischen Prosa stilisierte? Warum war er nicht solidarisch mit den Erniedrigten und Beleidigten? Warum redete er von Gustave Flaubert und Joseph Conrad und nicht von indischen Autoren? Er habe, hieß es, bei seinem Aufstieg immer mehr den kolonialen Blick angenommen.

Tatsächlich zeigt Naipaul nicht nur die Zerstörungen des Kolonialismus – auch nicht zuletzt die seelischen –, sondern er zeigt auch immer wieder, dass es den Menschen des einstigen britischen Empire nach dessen Zerstörung nicht besser ging. Er zeigt es, nicht indem er es behauptet, sondern indem er die Leute sprechen lässt über sich und ihre Leben. Der Plural war ihm wichtig. Naipaul verachtete Kollektive. Er verachtete nicht seine Herkunft. Er sorgte dafür, dass Erzählungen seines Vater veröffentlicht wurden. Die Bücher seines Bruders half er, auf dem Buchmarkt präsent zu halten. Man ist nicht dazu verdammt zu bleiben, der man ist. Das war die Erfahrung seines Lebens und das war die Botschaft eines jeden seiner Bücher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen