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Nachruf auf Oleg Jurjew Die russische Fracht

Zum Tod des Frankfurter Lyrikers, Schriftstellers und FR-Autoren Oleg Jurjew.

Oleg Jurjew
Mit seinen Romanen, seiner Prosa und den Gedichten blieb Oleg Jurjew stets ein Außenseiter des Literaturbetriebes – und doch hätte er es verdient gehabt, in der ersten Reihe seiner Generation zu stehen. Foto: Rolf Oeser

Er hat bis zuletzt im Frankfurter Ostend gelebt – und zwar dort, wo es noch nicht das neue, durchgeknallte Luxus-Quartier um die Europäische Zentralbank ist. 1991 kam Oleg Alexandrowitsch Jurjew mit seiner jungen Ehefrau Olga Martynova dort an. Sie hatten die auseinanderbrechende Sowjetunion hinter sich gelassen, wo das Überleben immer schwieriger wurde, und blieben in Frankfurt – in einer kleinen, vollgestopften Wohnung, durch die stets die Rauschschwaden der Zigaretten zogen. 

Wer sie besuchte, erlebte die intensive Beziehung von Autorin und Autor, die nicht nur ein Liebes-, sondern auch ein Arbeitsverhältnis war. Jurjew zog den Besucher sofort hinein in seinen Kosmos, eine Welt überbordender, schräger Ideen und Gestalten. 1959 in Leningrad geboren, hatte er früh begonnen, Gedichte zu schreiben und Theaterstücke zu verfassen. Sein Brotberuf war aber der eines Übersetzers aus dem Englischen. 1988 hatte er mit dem Stück „Komische Geschichten für Schattentheater“ den Wettbewerb des sowjetischen Theaterverbandes gewonnen.

Doch die Perspektiven für ein freies, selbstbestimmtes Leben erschienen dem Paar in Russland immer schlechter, die Lage immer prekärer – und so entschieden sie sich für ein Leben in Frankfurt am Main, das sie schon von Besuchen her kannten. 

Mit seinen Romanen, mit seiner Prosa und den Gedichten blieb Jurjew stets ein Außenseiter des Literaturbetriebes – und doch hätte er es verdient gehabt, in der ersten Reihe seiner Generation zu stehen. Schon sein erster Prosaband „Spaziergänge unter dem Hohlmond“ von 1993 ließ mit seinen Sprachbildern aufhorchen und wurde für den russischen Booker-Preis nominiert. 24 kleine Prosa-Stücke, in denen ein Ich-Erzähler die Endzeit der Sowjetunion durchlebt und vieles beobachtet, auch „das fünfeckige Insekt, das über die erhabene Tapetenbotanik“ krabbelt. 

Der Suhrkamp Verlag wurde auf den Schriftsteller aufmerksam, dort erschienen die Romane, die ihn bekannt machten. „Der neue Golem oder der Krieg der Kinder und Greise“ (1998) ist eine bitterböse Satire. Der Erzähler Jurik Goldstein versucht, den verlorengegangenen künstlichen Menschen wiederzufinden und taucht ein in die europäische Kulturgeschichte. Doch Jurjew misstraut allen Heilsversprechen: „Der Mensch der neuen Epoche wird ein roter grüner rosa schwarzer Jude-Christ-Moslem sein oder er wird nicht sein.“ 

Einige Jahre später erscheint „Die russische Fracht“ (2009), eine aberwitzige Geschichte über ein Geisterschiff, das lebende Leichen der Geschichte an Bord mit sich führt, allesamt Flüchtlinge: Vom estnischen Grenzsoldaten bis zum Historiker, der nach der untergegangenen Ostseestadt Vineta sucht. 

„Die russische Fracht“: Das ist die Last des Lebens und seiner bösen Erfahrungen, die Jurjew nicht abschütteln kann. Der Roman wird in Frankfurt vom Schriftsteller-Kollegen Harry Rowohlt öffentlich gelesen, der auch ein begnadeter Rezitator ist. Jurjew singt und spielt dazu auf der Gitarre russische „Ganoven-Lieder“. 

 Im Schatten der Prosa bleiben seine Gedichte, und das ist schade. Sie erscheinen zum Beispiel im „Literaturboten“, der Zeitschrift des Hessischen Literaturforums in Frankfurt, dessen häufiger Gast Jurjew ist. Er besteht auch darauf, alljährlich am 16. Juni den „Bloomsday“ zu feiern, zum Gedenken an Leopold Bloom, die Hauptfigur aus dem Roman „Ulysses“ von James Joyce, den Jurjew verehrt. Denn der Schriftsteller ist einer, der gerne Freunde um sich versammelt. Legendär sind die Weihnachtsfeiern im Hause Jurjew/Martynova. 

Regelmäßig schreibt er Texte für die FR. Und natürlich erinnert Jurjew dabei an vergessene Figuren der Literaturgeschichte, wie etwa noch im Frühjahr 2018 an den jiddischsprachigen Schriftsteller Moische Kulbak. Auch sein letztes Buch, die „Unbekannten Briefe“, sind Autoren gewidmet, die Opfer politischer Verhältnisse wurden, die aber auch mit sich selbst zu kämpfen hatten. Der Außenseiter der Goethezeit, Jakob Michael Reinhold Lenz, ist einer von ihnen. 
Als Harry Oberländer 2016 als Leiter des Literaturforums in Ruhestand ging, schenkte ihm Jurjew ein Gedicht. Damals wusste er schon um seine Krankheit. Er schrieb: „Weint nicht um mich,/ vergesst die Namen,/ in freudlosen Tagen verwilderter Rede/ versuchte ich den Blasebalg, /den löchrigen, zu füllen.“ 

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag  ist Oleg Jurjew in Frankfurt gestorben. Er wurde 58 Jahre alt. 

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