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Nachlass einer Großmutter

Birgit Rabischs Schwarze Rosa

14.12.2005 00:12
RAPHAELA KULA

"Paul Schulz hat jetzt die graue Gefängnisfarbe, er gestikuliert nervös und fahrig, aber seine Aussage ist zusammenhängend und konzentriert. … Zögernd gesteht er zu, dass Anno Diaboli 1923 auch die Behörden ungesetzliche Maßnahmen getroffen hätten. Und warum haben die Behörde die geheimen Morde nicht verfolgt, warum ließen sie die Akten liegen? Schulz fragt das immer wieder. Die Urteilsbegründung attestiert Schulz, Großes für den Staat geleistet zu haben." Diese Sätze stammen aus einem Artikel Carl von Ossietzkys, der am 27. Dezember 1927 in der Weltbühne zu lesen war. Birgit Rabisch, 1953 in Hamburg geboren, fand diesen Artikel über Fememorde während der Weimarer Republik im Nachlass ihrer Großmutter, die im Juli 1975 verstarb. Bis zu diesem Zeitpunkt war diese Großmutter, Rosa Krause, geborene Klapproth, für die Enkelin Bestandteil des Alltags und absolut unverdächtig: "Sie war meine Wärme und meine Sicherheit, mein Essen und Trinken, mein Halt und mein Wegweiser."

Wer aber war dieser Paul Schulz, über den ein unrühmlicher Zeitungsausschnitt so lange aufbewahrt wurde, und in welcher Beziehung standen dieser Mann und Rosa Krause, geborene Klapproth? Diese Fragen versucht Rabisch so authentisch und ehrlich wie möglich in ihrem Buch Die Schwarze Rosa zu beantworten. Sie recherchierte dazu sowohl die eigene Familiengeschichte als auch die Geschichte der Reichswehr in der Weimarer Republik. Hätte sie ihrer Großmutter "die klassische Frage stellen können, ,Was hast du in der Nazizeit gemacht?', hätte ihre ehrliche Antwort gelautet: ,Ich bin Hausfrau und Mutter gewesen. Ich habe mich um meine Kinder und um meine alten Eltern gekümmert, habe auf dem Hof meines Bruders mitgeholfen, dann kam der Krieg, dann kam die Vertreibung.' Ich wäre beruhigt gewesen. (…) Jetzt weiß ich, dass meine Beruhigung völlig fehl am Platz gewesen wäre."

Carl von Ossietzky kommentiert in dem gefundenem Artikel die Urteil in den Fememordprozessen gegen Mitglieder der Schwarzen Reichswehr. Sowohl Paul Schulz als auch Erich Klapproth, der Bruder Rosa Klapproths, wurden wegen Mordes beziehungsweise Anstiftung zum Mord zum Tode verurteilt. Paul Schulzs Urteil wurde nach Intervention führender Offiziere in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, schon 1929 war er gegen Zahlung einer hohen Kaution wegen angeblicher Haftunfähigkeit wieder frei. Dieser Paul Schulz war Kopf der Schwarzen Reichswehr, eines illegalen Arms der Reichswehr, unterstützt und gefördert von höchsten Regierungs- und Militärkreisen.

Der Versailler Friedensvertrag, der von den meisten Deutschen, erst recht von den "im Felde Unbesiegten", als Schande aufgefasst wurde, reglementierte unter anderem die Stärke der deutschen Reichswehr, diese Armee sollte nicht mehr als 100 000 Mann umfassen. In der illegalen Parallelarmee herrschte eine aggressive Stimmung der gegenseitigen Verdächtigungen, vermeintliche Verräter wurden ohne Chance der Verteidigung liquidiert. Erich Klapproth war eifriger Vollstrecker solcher Fememorde. Doch auch er musste nicht lange im Gefängnis sitzen. Nach den Reichtagswahlen vom September 1930 waren 107 Abgeordnete der NSDAP Mitglieder des Reichtages, nach kurzer Zeit wurde ein Amnestiegesetz erlassen und alle wegen der Fememorde Verurteilten, auch Klapproth, wurden freigelassen.

Rosa Klapproth war mit Paul Schulz verlobt, lebte mit diesem zusammen und hatte weiterhin regelmäßig Kontakt zu ihrem Bruder Erich. Es ist davon auszugehen, dass Rosa Klapproth in diesem intimen, familiären Kreis die Tätigkeiten und Pläne ihres Verlobten und ihres Bruders nicht verborgen blieben, liest man die Rekonstruktion ihres Lebensweges: geboren in einer armen Weberfamilie 1899 im Harz zu Zeiten der Industrialisierung der Spinnerei, Neuanfang 1920 in Posen als Bauern, Vertreibung nach dem Ersten Weltkrieg aus Polen und wiederum ein Neuanfang als Kneipiers in Pommern. Es ist anzunehmen, dass sie deren repressive rechtsradikale politische Arbeit guthieß, eventuell sogar persönlich unterstützte und sich somit zum Gegenpol der Roten Rosa, nämlich der Schwarzen Rosa entwickelte.

Birgit Rabisch nähert sich der persönlichen Geschichte ihrer Großmutter geschickt an, sie bietet eine lesenswerte Mischung aus Fakten und Fiktion, sie nimmt die historischen Quellen zur Grundlage ihrer Phantasie, wie es "gewesen sein könnte" und eröffnet damit wertvolle Einblicke in die Verknüpfung der Weimarer Republik mit der NS-Zeit. "Mein familiärer Abgrund liegt im Vorher", resümiert Rabisch, "der vermeintlich harmlosen Zeit der Weimarer Republik. Aus diesem Vorher ist das monströse Nachher erwachsen."

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