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„Nachkrieg“ Das Gift der Erinnerung

Aber auch ihr Segen! Klaus-Jürgen Liedtkes „Nachkrieg“ ist ein Roman aus Dokumenten und über Heimat.

Bäuerin
Bäuerin bringt mit ihren Kindern Kaffee für Erntehelfer in Ostpreußen. Foto: Imago

Der erste Satz dieses bemerkenswert unordentlichen Buches: „Ich komme aus diesen Trümmern.“ Es sind nicht nur die Trümmer Ostpreußens, von denen der Berliner Schriftsteller und Übersetzer Klaus-Jürgen Liedtke ausführlich berichtet. Es sind die Trümmer der Erinnerung und Erzählungen, die zwar einen „Chor der Stimmen“ bilden, nie aber einen harmonischen, gleichklingenden. Die Trümmermusik, die bleibt, so zitiert dieses Buch die Dichterin Herta Müller, ist „eine Musik der Trostlosigkeit, die Halt gibt auf schmalstem Grat“. 

Liedtke wurde 1950 in Schleswig geboren, aber Teile seiner Familie, der Großvater, zwei Onkel, stammen aus Ostpreußen, aus jener Gegend im Nordosten Polens nicht weit von der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad und zu Litauen, aus der viele nach dem Krieg vertrieben wurden, viele auch starben und vieles von einst heute verschwunden ist. „Ein eigenes Volk waren die Ostpreußen wohl kaum. Eine eigene Kultur hatten sie schon.“ Es gebe davon lediglich noch „Überreste“, „Versprengte“. 

Liedtke zählt sich ihnen zu, als „ein in Berlin ansässiger Ostpreuße in der Verbannung“. Als ein Heimatvertriebener, der in der erzählten Gegend nie gewohnt hat und dennoch nicht von ihr loszukommen scheint. Heimat kann dort sein, wo man nie gelebt hat. Das Gebundensein, vielleicht auch das Gekettetsein an Geschichten, Gedächtnisse, Gelebtes. Ist das eine „Flucht aus der Gegenwart“ fragt er. „Oder eher eine Widerstandshaltung, wider alle Vereinfachungen, als Rückbesinnung auf eine verlorene Zeit?“ 

Es ist dies also ein Buch über Heimat. Liedtke spricht von ihr einmal als einer „angestammten“, einmal von einem „Komplex“. Er hat schon zuvor von seiner ostpreußischen Herkunft erzählt, in dem vor zehn Jahren erschienenen Band „Die versunkene Welt. Ein ostpreußisches Dorf in Erzählungen der Leute“. Damals aber ließ er vornehmlich die versammelten Stimmen sprechen, diesmal sind essayistische Passagen eingeflochten, Gedichte, Fotografien, Verweise auf andere Dichter, vergessene Bücher, Zeitungsartikel und eine Tagung an der FU Berlin mit dem Thema „War die ‚Vertreibung‘ Unrecht?“ Ein aus Bruchstücken kompiliertes Buch schwebte ihm vor, eine aus Notizen, Angelesenem, „Tagesresten“ komponierte Montage, eine „Perlenkette“, deren verbindende Fäden die „Tiefen der Vergangenheit“ sind. Liedtke zitiert den Aufklärungsdialektiker Johann Georg Hamann: „Wir leben hier in Brocken. Unsere Gedanken sind nichts als Fragmente.“ Es gibt keine Geschichte als Ganzes, es gibt „ein Netz von Erzählungen“. 

Das aber nimmt Liedtke nicht als Freibrief für Beliebigkeit. Er hat sehr genau recherchiert, ist nach Ostpreußen gereist (und berichtet in dem Kapitel „Wanderungen“ ausführlich davon), hat den Leuten zugehört, Tagebücher studiert, Dokumente gesammelt – und sich fremde Erinnerungen zu eigen gemacht, um die eigenen verstehen zu lernen. Die Grenzen zwischen Dokumentieren und Erzählen sind fließend wie jene zwischen kollektivem Gedächtnis und individuellem Erinnern. Heimat, ein „wucherndes Gelände“ (Herta Müller). 

Dass man dabei als Leser durchaus den Überblick verliert, sich im Gestrüpp der Kriegs- und Vertriebenengeschichten regelrecht verstrickt, verhindert das bloße Versenken ins Gestern. Dieses Buch ist weder sentimental noch verklärend, es gaukelt kein geordnetes und damit beschönigtes Erinnern vor, es führt im Untergrund eine „Wut darauf, keinen Ort mehr zu haben“. Es ist nicht nur ein Buch über Ostpreußen, sondern die „Ortlosigkeit“ einer globalen Welt, und es weiß dabei um den schmalen politischen Grat, auf den es sich begibt. Es gibt ja kaum einen Begriff, der momentan mit mehr ideologischem Ballast beladen wäre als den der Heimat. 

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