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Nabokov-Fragment "Das Modell für Laura" Dabei sein oder Das Modell zum Sterben

138 Karteikarten: Daraus besteht Vladimir Nabokovs Romanfragment "Das Modell für Laura". Lange wurde es geheim gehalten - und stieg anschließend zum Weltbestseller auf. Oleg Jurjew liest aus den Karten seine Entstehungsgeschichte.

14.12.2009 00:12
Oleg Jurjew

1. Es war bestimmt eine schwierige Aufgabe, aus den 138 Karteikarten diverser Beschriftungsdichte ein Buch zu modeln. Meines Wissens wurde diese Leistung noch nicht gebührend gewürdigt. Die ganze Welt schimpft nur über den "Papierstapel", der lieber im Schweizer Schließfach bleiben sollte oder sogar, "gemäß dem letzten Willen", verbrannt werden, kauft ihn aber und liest. Doch was liest sie? Nach der Schätzung der Herausgeber soll der gesamte Text auf den Karteikarten 17 bis 34 Prozent des geplanten Romanumfangs ausmachen. Selbstverständlich kann das kein "letzter Roman von Vladimir Nabokov" sein und sogar keine Rohschrift dieses Romans - zu wenig Text ist vorhanden, zu wenig Information über Nabokovs Vorhaben. Ein "Romanfragment", wie es im Buch steht? Nur in sehr wörtlichem Sinne; ein in sich geschlossenes Fragment kann man es kaum nennen.

2. Was wissen wir sicher? In unserem imaginären, also in Vladimir Nabokovs geplantem Roman spielt ein Schlüsselroman, "Meine Laura" betitelt, eine wichtige Rolle (wird oft erwähnt, gelesen, wahrscheinlich auch zitiert). Als das Modell für jene Laura dient eine gewisse Flora, eine Dame entfernt russisch-jüdischer Abstammung, gefühllos und promisk, ihres Zeichens Gattin eines dicken, alten und halbwahnsinnigen Menschen, des berühmten Neurologen Philip Wild. "Meine Laura" soll von einem von Floras Liebhabern geschrieben worden sein und ist ein Bestseller.

Das Personal von Floras Familiengeschichte:

Der Großvater Lew Linde, ein im vorrevolutionären Russland berühmter Maler, der 1920 mit reichlich Vorrat an eigenen Bildern in die USA auswanderte. Die Bilder waren in der neuen Heimat nicht gefragt (nicht ganz klar, warum, der Beschreibung nach waren sie schlecht genug) und mussten sogar teilweise zurück nach Sowjetrussland verfrachtet werden; der Maler wurde zum Fotografen

Ihre Mutter, eine mittelmäßige Balletttänzerin, hatte den Sohn des Malers geheiratet, aber die Ehe hielt nicht ...

Der Stiefvater Hier wird die Sache interessanter. "Flos" Stiefvater hieß Hubert H. Hubert (!), und seine Annäherungsversuche, höchst ironisch mit vielen Parallelen und Perpendikeln zu "Lolita" dargestellt, wurden mit einem niederschmetternden Fußtritt direkt in die "Ursachengegend" beantwortet - so hat Flora Lolitas Schicksal abgewehrt. Ehrlich gesagt habe ich meine Zweifel, ob diese Episode, eine so offensichtliche Parodie auf den eigenen "Verkaufshit", in der Endfassung nicht in den möglicherweise (selbst-)parodistischen Schlüsselroman "Meine Laura" verbannt worden wäre. Auch die Beschreibung Floras (gewohnt plastisch: ein nacktes weibliches Tier, aus gewundenen Knochen zusammengebaut, eine trockene jüdische Schönheit, unschön und unwiderstehlich) wäre, glaube ich, viel günstiger im "inneren Roman" platziert, weil aus dem Blickwinkel eines mit ihr im Bett liegenden Liebhabers gegeben - des Autors von "Meine Laura"?

Die Romankonstruktion, vermutlich auf dem Zusammenspiel und gegenseitigen Widerspiegeln dreier Bücher aufgebaut - des Rahmenromans, des "Meine Laura" und des seltsamen, schaurigen Textes über die menschliche Selbstauslöschung, den, angedeutet, Philip Wild schreibt -, war in Nabokovs Kopf fertig, noch bevor er zum Karteikartenbeschreiben überging - so war sein Procedere. Selbstverständlich sind Vermutungen über diese Konstruktion und auch über die Funktionsweise dieses unfertigen Erzählmechanismus sehr verführerisch (und ich habe mich oben ein wenig verführen lassen), aber seien wir ehrlich: Nichts im vorhandenen Textumfang und auch in den sparsamen Andeutungen von Dmitri Nabokov erlaubt uns, darüber etwas Definitives zu sagen. Deshalb hören wir lieber auf, aus den Karten wahrzusagen, und begnügen uns mit dem Lesen der Karten, die wir in den Händen haben.

3. In den Händen haben wir zum Beispiel einen seltsamen Untertitel: "STERBEN MACHT SPASS". Er ist den Tagebüchern und Briefen Nabokovs entnommen und hat eigentümlicherweise viel mehr mit dem Buch zu tun als der Originaltitel. Mit dem Buch, das den Herausgebern gelungen ist und nicht mit dem, das Nabokov schreiben wollte.

Die Hauptperson dieses Buches ist nicht Flora, sondern ihr unglücklicher Mann, der berühmte Philip Wild. Unvergesslich: sein Ekel vor dem eigenen, fremd gewordenen Körper, gar vor der Materie, aus der dieser Körper besteht, seine gleichmäßige, starke, hoffnungslose Verzweiflung, seine Versuche, vermittels obskurer Experimente eine schrittweise mit den Zehen beginnende Entkörperung dieses Körpers zu erreichen und, gleichzeitig, die Furcht vor dieser Entkörperung; dann, sehr wahrscheinlich, der Beginn einer schrecklichen Krankheit ...

In diesem Buch ist Flora mit ihrer kalten Hurerei, mit ihrem ständigen Verschwinden und Wiederauftauchen im immer lichter werdenden Leben von Philip Wild, sogar mit ihrem angedeuteten Tod auf der Bank einer Schweizer Bahnstation mit dem seltsamen Namen Sex - mit dem angelesenen Buch "über sich" auf dem Schoß - einfach eine der schmerzhaften Erscheinungsformen der absterbenden Materie.

Dieses Buch ist furchteinflößend und traurig, denn das ist im Grunde genommen kein Buch über das Sterben eines Menschen, heiße er Philip Wild oder Vladimir Nabokov. Das ist eher das Sterben selbst, das sich in die Karteikarten eingeprägt hat. Auch die materielle Form des berühmten "Manuskripts aus dem Schweizer Schließfach", ein Karteikartenstapel, demonstriert das: immer lichter, immer schwächer gespannt - zunächst ein zusammenhängender Text, dann Ausschnitte, Auszüge, dann Entwürfe, Notizen, am Ende einzelne Wörter. Das ist nichts anderes als ein fortschreitender Abbau, eine fortschreitende Abschwächung der Materie, des Lebens, des Textes ... Bei der Lektüre spürt man dieses Erlöschen fast physisch ...

Dem Buch ist nicht zufällig eine Auswahl aus Nabokovs Biographie von Brian Boyd nachgestellt. Hier wird die Krankheits- und Sterbensgeschichte von Nabokov erzählt, vor dem Hintergrund seiner Versuche, "Das Modell für Laura" zu schreiben. Dabei zeigt die ganze Chronologie deutliche Parallelen zu dem "experimentellen Selbstauslöschen" Philip Wilds. Diese Geste der "Buchautoren", das heißt Dmitri Nabokovs und seiner Berater, nehme ich als Indiz dafür, dass sie sehr wohl wussten, was sie aus dem Schweizer Schließfach genommen und veröffentlicht hatten: Nabokovs Sterben.

4. Man kann das nicht bestreiten: Das war eine herausragende Geschäftsoperation, eine Schachkombination fast, für viele Züge und viele Jahre im Voraus komponiert: Einen kleinen Stapel von Entwürfen, der normalerweise zu einem leisen Dasein in einem Universitätsverlag verdammt wäre, von einer Handvoll Philologen erforscht und von einem überschaubaren Kreis von "Nabokovianern" bewundert, zum Welt-Bestseller zu machen! Es ist übrigens sehr bemerkenswert und nicht ohne gewisse Ironie, dass ein im Endergebnis sehr avantgardistischer, keine "klare Geschichte" erzählender, sehr grobmaschig zusammengesetzter Text gerade in unserer der "komplizierten" Literatur gegenüber eher feindlich gestimmten Zeit dank dieser genialen Verkaufsstrategie vom "Massen-Publikum" gekauft und sogar gelesen wird!

Dmitri Nabokovs Beziehung zu seinem Vater, zum Nachlass seines Vaters, zum Geist seines Vaters gehen nur ihn und sonst niemanden an. Wenn er auch dem Massenpublikum ein etwas falsch etikettiertes Produkt verkauft hat, belog er keinen über den Inhalt der Packung: 128 Karteikärtchen diverser Beschriftungsdichte, fotografiert und abgebildet. In gewissem Sinne gehörte das zur Methode seines Vaters: "Lolita" war auch etwas falsch etikettiert, unter dem Anschein von schlechter Literatur, fast von Pornographie, wurde eine sehr gute Literatur verkauft und eine im Endeffekt höchst moralische Liebestragödie. Über den Nabokov-Junior zu nörgeln (manche Moralextremisten gehen so weit, dass sie zum Boykott von "Das Modell für Laura" aufrufen) bedeutet, eine Humorlosigkeit an den Tag zu legen, die fließend in die Lächerlichkeit übergeht. Was ist ach so Schlimmes passiert? Einige Millionen Menschen haben ein wenig Geld statt für eine Flasche Schnaps oder für einen Hollywood-Film oder für eine Popmusik-Platte für ein paar Worte eines sterbenden alten Mannes ausgegeben.

Man könnte sogar so weit gehen und Nabokovs Sohn eine nie da gewesene Großtat der Sohnesliebe attestieren: Im Grunde genommen zwang er "die ganze Welt", das Sterben seines Vaters mit ihm, dem Sohn, zusammen mitzuerleben - als tägliches Grauen vor dem immer fortschreitenden Lebensverlust eines geliebten, leidenden, hoffnungslos scherzenden, hoffnungslos über sein Buch, das nie vollendet sein wird, denkenden, schweigenden, erzählenden Menschen. Wenn nicht Tag für Tag, dann Seite für Seite.

5. Sterben macht selbstverständlich Spaß (ein Scherz!), aber wie ist es, bei diesem Spaß dabei zu sein? Nicht darüber zu lesen, sondern buchstäblich dabei zu sein, es mitzuerleben? Das ist die Funktion, das ist der "Mechanismus" dieses Buches.

Ich kann nicht sagen, dass die Lektüre mir Spaß gemacht habe. Ich kann nicht einmal sagen, dass ich erschüttert sei. Aber dieses "Dabei-Sein" wurde sofort zu einem Bestandteil von mir.

Für lange Zeit, wenn nicht für immer.

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