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Moral und Aufklärung Vorwärts zurück zu Kant

Susan Neiman räsoniert über Moral nach acht Jahren US-Präsidentschaft von George W. Bush und Aufklärung - ein Leitfaden für Idealisten.

30.12.2010 20:11
Sven Hanuschek
Immer wieder Kant, erst recht in Kaliningrad/Königsberg. Foto: Getty

Ein „Leitfaden“, wie er im Untertitel des Buches angekündigt wird, ist eine Orientierungshilfe, die günstigstenfalls auch handlungsleitend werden könnte. Susan Neimans Buch „Moralische Klarheit“ ist keineswegs fadendünn, sondern 500 Seiten stark; Orientierung wird zweifellos geboten, die Handlungsappelle bleiben allerdings ziemlich allgemein.

Das Buch ist ein Traktat über die moralischen Folgen der acht Jahre währenden US-Präsidentschaft von George W. Bush. Es wird eine fulminante, philosophisch grundierte Kritik geboten, in der sich die Autorin nicht scheut, ihre Distinktionen für das Böse an dieser Regierung zu gewinnen. Zwar war der Anschlag auf die Twin Towers böse, böse seien aber auch Bushs Reden danach gewesen, in denen er das Ereignis als „trifecta“ bezeichnet hat, einen unwahrscheinlichen Sieg beim Pferderennen – als habe er auf die ersten drei Plätze richtig gewettet: Er konnte die Staatsverschuldung hochfahren, die Kriegsindustrie ankurbeln, die Sozialausgaben senken (und Krieg führen).

Neben Bushs Scheinheiligkeit vor dem Kongress bei gleichzeitiger Verachtung für das menschliche Leid nennt Neiman noch andere Beispiele, nicht alle so bekannt wie die Folterungen in Abu Ghraib, die für sie auch ein Thema sind. All das führt zu der mindestens suggerierten Schlussfolgerung, dass nicht nur einzelne Soldaten und Soldatinnen, sondern der ehemalige Präsident mitsamt einiger seiner Minister vor Gericht gehörten.

Die Aufklärung soll von den grassierenden Klischees befreit werden

Großenteils ist „Moralische Klarheit“ aber ein Versuch, den Konservativen den Moralbegriff wieder abzunehmen, auf utopischen Werten zu bestehen und das gute Halbjahrhundert seit der „Dialektik der Aufklärung“ durchzuarbeiten – als Gegenentwurf zur Aufklärungs-Kritik von Adorno/Horkheimer bis Foucault. Die Aufklärung soll von den grassierenden Klischees befreit werden, damit sich mit ihrer Hilfe – hin und wieder wenigstens – moralische Klarheit einstellen kann. Den „Nichteinmischungspakt“ der Philosophen will Neiman aufkündigen, die Intellektuellen sollen ihre Rolle im öffentlichen Diskurs gefälligst wieder annehmen und sich nicht auf Fachdiskurse beschränken.

Ihre Eideshelfer bezieht Neiman aus der Bibel (Abraham und Hiob), der Antike (Sokrates und Platon), vor allem aber aus der Aufklärung selbst: Voltaire, Rousseau und Kant, immer wieder Kant. Keine Epoche habe bislang verwirklicht, was Kant unter Aufklärung verstanden hat. Die Klischees zeigten ein Gespenst von Aufklärung, eine Erfindung.

Neimans Ehrenrettung ist argumentativ überzeugend: Alle späteren Einwände waren in der Aufklärung schon da, die eine eminent selbstreflexive Epoche gewesen ist. Kein ernstzunehmender Philosoph der Aufklärung habe den Fortschritt für unvermeidlich gehalten, allenfalls für wünschenswert. Nicht die Religionen seien das primäre Feindbild der Aufklärer gewesen, begründen die Religionen doch nicht die Vorstellungen von Gut und Böse, sondern zeigten lediglich Wege, damit umzugehen. Die Aufklärer hätten sich gegen den Aberglauben gewandt, gegen die Folter und gegen ererbte Vorrechte. Jeder sollte ein Recht auf Glück haben, auf eine Welt, in der sich in Freiheit und Gerechtigkeit leben ließe.

Auch dem wohl stärksten Einwand gegen die Aufklärung, ihrem unkritischen Umgang mit technischem Fortschritt, widerspricht Neiman; für jede überflüssige Erfindung lässt sich eine finden, die man für unverzichtbar hält, vom Toaster bis zur Impfung gegen Kinderlähmung. In jedem Falle müsse neu entschieden werden, ob diese Werkzeuge das Leben verbessern oder ihr Missbrauch zu verlockend ist. Unzweifelhaft habe Fortschritt durch aufklärerische Ideen stattgefunden: Die Sklaverei ist abgeschafft, Frauen sind emanzipierter als vor 1800, öffentliche Hinrichtungen durch Folter gibt es nicht mehr (Abu Ghraib zeigt, dass jeder Fortschritt umkehrbar ist).

Odysseus als positiver Held – das muss einen nicht überzeugen

Dass Ideale wie Freiheit und Gerechtigkeit der empirisch-politischen Alltagswelt nicht entsprechen, war für Kant kein Einwand: „Dazu sind Ideen ja da. Ideale sind nicht daran messbar, ob sie der Realität entsprechen; die Realität wird danach beurteilt, ob sie den Idealen gerecht wird.“ Die alltagssprachlich oft gehörte Aufforderung „Sei realistisch!“ sieht Neiman nicht als Zeichen des Erwachsenseins, sondern der Trägheit: „Die Aufforderung, die Welt, so wie sie ist, zu akzeptieren, ist kein Zeichen von Reife, es ist schlicht Kapitulation.“

So stark viele Sätze in Neimans Buch sind, so überzeugend der politische Teil ausfällt – „Moralische Klarheit“ ist keine allgemeinverständliche Programmschrift à la „Was ist Aufklärung?“. Neiman vermeidet zwar den Fachjargon und gönnt den Lesenden hin und wieder eine Pointe, vor allem aber räsoniert sie, sie reiht materialreich und nicht ohne Wiederholungen in den philosophischen Teilen ihre Sätze aneinander, bis sich zeitweilig die Argumentation verläuft.

Neiman schließt mit dem Lob auf positive Helden: In Odysseus erkennt sie den ersten modernen Menschen. Er ist unvollkommen und kann die Welt nicht vom Leiden befreien, seine Motive sind so ambivalent wie unsere. Nun hat Odysseus ja auch einige auf dem Gewissen, es ist ein blutiger Held, der seine Freunde nicht mit nach Hause bringt, die bleiben auf der Strecke; vielleicht hätte Neiman doch lieber James Joyce’ Leopold Bloom ernennen sollen. Aber für die Gegenwart porträtiert sie vier Lebende, die sich im Nahost-Konflikt, in Afghanistan oder in politischen Skandalen uneigennützig und moralisch klar verhalten haben; wie diese vier soll man mit offenen Augen durch die Welt gehen – auch wenn es moralische Klarheit nur momenthaft gibt, das Heldentum „unrein, diffus und verstrickt“ ist.

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