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Modiano „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ Er weiß es wieder und es hilft ihm nichts

Labyrinth der Erinnerung: Patrick Modianos intensiver kleiner Roman „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“. Heute feiert der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2014 seinen 70. Geburtstag.

Die junge Frau nimmt den kleinen Jungen mit auf ihre Flucht im Zug Richtung italienische Grenze. Foto: rtr

Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, setzt in seinem neuen Roman die langjährige Erforschung zweier Labyrinthe fort: das der Großstadt Paris und ihrer Umgebung und das der Erinnerung und seiner verwilderten, aber noch vorhandenen Wege. Wie anscheinend immer gelingt es dem Autor ohne weiteres, auf sehr engem Raum Platz für einen langen Atem zu schaffen; Beklemmung auszusprechen (Unruhe, Beunruhigung, Unwohlsein auf jeder Seite), ohne impertinent zu wirken; aus dem Stand einen Sog zu erzeugen.

Denn auch Leserin und Leser müssen hinein in dieses thrillerhafte Labyrinth. An seinem Anfang klingelt klassisch ein Telefon und ein Mann mit einer „weichen und bedrohlichen“ Stimme – der Angerufene kommt nicht umhin, dies immer wieder zu bemerken – stellt eine seltsame Frage. In seinem Zentrum (am Ende aber des Buches, welches eindeutig nicht den Ausgang aus dem Labyrinth bietet) wird ein Kind so zurückgelassen, dass man begreift, wie dieser schmale, eigentlich schlichte, spröde Roman auch eine Geschichte des Autors preisgeben kann, muss. Zumal Modiano eine private Keimzelle des Schreibens benennt: das Verfassen eines Buches als „Suchanzeige“.

Der Schriftsteller, aus dessen Perspektive „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“ erzählt ist, erklärt, er habe seinen ersten Roman geschrieben, um durch die Erwähnung eines bestimmten Moments einem Menschen aus seiner Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Die Suchanzeige erreicht ihr Ziel – ironischerweise ist die Vermisste eine Frau, die nie Romane liest, sie hat diese Stelle aber sofort gefunden, das Buch wimmelt von magischen Zufällen. Sie nimmt auch gleich, fast gleich Kontakt zum Schriftsteller auf. Was diesem jetzt, Jahrzehnte später, wieder einfällt.

Das Labyrinth der Erinnerung: Viele seiner Gänge liegen verschüttet da und etliche Schichten von Gängen lagern übereinander. Der Anrufer mit der „weichen und bedrohlichen“ Stimme hat das achtlos liegengelassene Adressbuch des Schriftstellers gefunden und fragt ihn nun nach einem der verzeichneten Namen. Der Schriftsteller, wie seltsam, erinnert sich an nichts. Nicht an den Namen, nicht an die Erwähnung des Namens in seinem ersten Roman (der Anrufer weist ihn darauf hin). Das Adressbuch ist ihm fremd geworden, es ist die Abschrift des Vorgängerbüchleins. Ohnehin hat der Schriftsteller, ein Mann an der Schwelle zum Alter, Außenkontakte weitgehend beendet. Warum hat er es denn dann erneut abgeschrieben, inklusive des scheinbar restlos vergessenen Namens?

Modianos Virtuosität mit dem Thema der Erinnerung zeigt sich am Adressbuch im Kleinen, in der beredten Verschwiegenheit des Schriftstellers im Großen. Tatsächlich begegnet man einem vereinsamten Mann, dessen Weigerung, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen (von der Gegenwart ist ohnehin keine Rede, auch liest der Mann nurmehr ausschließlich in Buffons „Naturgeschichte“, 36 Bände, 1749-1788), traumatische Züge hat.

Als es ihn jedoch anfängt zu interessieren, und er will, dass ihm wieder etwas einfällt, fällt es ihm auch ein. Die Zwanglosigkeit, mit der die Erinnerung zurückkehrt, gesteuert von einem lebhaft involvierten Unterbewusstsein, wird von Modiano ebenso frappierend abrupt präsentiert. Eben war noch nicht einmal der Name dem Schriftsteller ein Begriff, jetzt kann er schon eigenartigste Einzelheiten wiedergeben. Eine Fotografie, Namen, Adressen (Pariser Adressen), selbst ein höchst mysteriöses Kleidungsstück helfen weiter, so dass die innere Expedition an einen gewissen Punkt in der Vergangenheit geradezu bizarr nach außen gekehrt wird. Der Pariser Schriftsteller irrt durch die eigene Stadt wie durch sein Unterbewusstsein, und überall sind Bröckchen für ihn ausgelegt.

Raffinierterweise ist das zudem gewissermaßen bereits die Wiederholung einer solchen Expedition: Der Schriftsteller hat 15 Jahre nach dem bewussten Erlebnis schon einmal versucht, herauszufinden, was aus der Frau geworden ist, bei der er als kleines Kind einige Zeit lebte (eben konnte er sich nicht einmal an ihren Namen erinnern). Jahrzehnte später ist auch das, die Recherche, der Roman, vollständig verdrängt. Das Kind, im Paris der frühen fünfziger Jahre, wird von den nachlässigen Eltern (ein schlimmer, wunder Punkt, der auch lediglich kalt anklingt) vorerst bei einer jungen Frau, Tänzerin in einem windigen Etablissement, untergebracht. Sie gibt sich Mühe. Das Kind stromert durch die Straßen, aber es hat stets einen Adresszettel dabei, auf dem steht: „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“. Modiano schildert mit kühler Intensität die Angst des Kindes, dass die junge Frau es allein lassen könnte.

Sie hat Kontakte zu als kriminell geltenden Kreisen (reizvoller Anknüpfungspunkt an den zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman „Gräser der Nacht“). Es gibt einen ungelösten, rätselhaften Mordfall in ihrer Umgebung. Wir können dabei ausschließlich auf den Wissensstand kommen, auf dem der Junge von damals war (und später nicht mehr sein wollte) und dem sich der Schriftsteller von heute langsam wieder annähert. Mit dem Zug und mit dem Jungen flieht die junge Frau schließlich aus Paris Richtung italienische Grenze.

Der Schriftsteller erinnert sich also wieder. Nichts Heilsames liegt darin, kein Trost. Erinnerung ist möglich, aber sie hilft nicht weiter. Das Kind war allein, der Erwachsene ist allein.

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