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Mitteleuropa Im Kernland

Peter Rosei schickt in seinem neuen Roman „Karst“ ein eigenartig klischeebeladenes und äußerst mitteleuropäisches Personal in eine verwickelte Beziehungsgeschichte.

Radrennfahrer
Radrennfahrer bei Grado im italienischen Teil der Alpe-Adria-Region. Foto: rtr

Benvenuti alla spiaggia di Mitteleuropa“ steht groß an der Straße durch die Lagune von Grado, auf einem Plakat mit einer jungen Frau in einem Badeanzug der dreißiger Jahre. So etwas hat um 1990 einmal Touristen angezogen. Vielfach sehnte man sich damals, im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, nach dem Postnationalen und stöberte dabei gern im Pränationalen, Imperialen. Triest boomte, und Claudio Magris nannte sich auf dem Türschild seines Abgeordnetenbüros „mitteleuropeo“. Es entstand, unter Wiener Patronage, eine „Mitteleuropäische Initiative“. Nach Berlusconi, Orbán und Strache ist der Zauber verflogen. Alpe-Adria, der Name der Kernregion und das Kennwort für ein Europa ohne Blöcke und ohne Nationen, ist heute den meisten nur noch als Name einer Skandalbank bekannt.

In seinem neuen Roman führt der Wiener Peter Rosei das Personal rund um die Alpe-Adria zusammen – die Region. Die Zentralfigur ist Jana, die berechnende, ebenso anspruchsvolle wie geistlose Tochter eines tyrannischen KP-Günstlings aus der Slowakei. Janas Liebhaber sind – teils zugleich, teils nacheinander – ein schleimiger, antisemitischer Stehgeiger aus Budapest, ein aufgeblasener neureicher Menschenhändler aus Linz an der Donau, ein empathiefreier Bauernjunge aus Slowenien, der als Kellner und Autodieb in Venedig beginnt und es zum Stricher in Wien bringt, und, Krone der poetischen Schöpfung, ein Journalist, wie ihn die grausamsten Presse-Karikaturisten, von Gustav Freytag über Martin Walser bis Norbert Gstrein, nicht zustande gebracht haben: Kalman, böser Kolumnist eines schamlosen Boulevardblatts, ein „Adabei“, Trittbrettfahrer der Bussi-Bussi-Society, alternder Zyniker.

Wer da Klischees wittert, wittert recht. Wenn Rosei seinen Gestalten dann und wann doch menschliche Anwandlungen zugesteht, dann nur, weil sie so ihre Emotionen, Träume und Wünsche mit in den Schmutz zu ziehen, in dem sie allesamt zu Hause sind. Wenn Jana sich verliebt, ist das ein Argument gegen die Liebe, und wenn Kalman sich großzügig zeigt, macht das skeptisch gegen Gunstbezeigungen jeder Art. Kalman ist schwul, so dass man gar nicht in Versuchung kommt, seinen Wunsch, sich von jungen Frauen bewundern zu lassen, mit Liebe zu verwechseln. Jude ist er auch irgendwie – sei es, um das Wien-Klischee abzurunden, sei es, um seine individuelle Verkommenheit am erhabenen Schicksal seines Volkes zu messen.

Kern des imaginären Mitteleuropas ist also die Alpe-Adria-Region, wo germanische, romanische und slawische Traditionen einander treffen. Das klingt reizvoll, aber was es bedeutet, bleibt immer, nicht nur bei Rosei, im Ungefähren. Die Romanfiguren kommen aus der Slowakei, Slowenien, Italien, Österreich, Ungarn und müssten alle verschiedene Sprachen sprechen. Sie tun es aber offenbar nicht (nur an einer Stelle sind die Deutschkenntnisse von Tonio, dem italienischen Slowenen, ein Problem). Im Romankontext stört das nicht weiter. Aus einer imaginären Region müssen keine echten Figuren hervorgehen.

Kern der Alpe-Adria-Region wiederum ist der Karst, eine wundersame, etwas unheimliche Landschaft im Hinterland der Küste, wo wenig wächst, Wasser gleich versickert und sich riesige Höhlen auftun. Der Karst ist Metapher für alles mögliche: für Künstlichkeit, für verdrängte Geschichte, Geheimnis, Sprachlosigkeit. Und für das Verschwinden von Menschen. Der Roman endet mit einem Mord. Janas erster Liebhaber, der verklemmte Ungar, ist dann, ganz am Ende, zur rechtsextremen „Garde“ gegangen und hat jetzt öfter mal „was zu erledigen“.

Quellcode nennt Peter Rosei seine Paralipomena zu dem schmalen Roman. Ein Quellcode ist die für Menschen lesbare Oberfläche eines Computer-Programms, hinter dem endlose Zahlenreihen verbergen. Das Nachwort enthält einige alte Reiseeindrücke des Autors aus Sarajevo, der Herzegowina, Piran, Venedig, Budapest und der Hohen Tatra. Den eigentlichen Quellcode aber stellt die Erinnerung an eine Reise in die landschaftlich reizvolle, sozial verödete Grenzregion von Ohio und Kentucky dar. „Es gibt da uralte, vor mehr als tausend Jahren von den Ureinwohnern errichtete Erdarchitekturen, insbesondere eine in Form einer großen Schlange.“ Amerikanern ist die Gegend vor allem als Schauplatz der rätselhaften „Rhoden Family Murders“ im Bewusstsein. Womit die Metapher die Metapher erklärt und die Lektüre am Ende doch schal wird.

Ein politischer Roman, der „Karst“ doch wohl sein sollte, ist er nicht geworden. Romane machen uns schlauer, wenn sie von Gegenständen handeln, die sich nicht auf Begriffe bringen lassen; nicht, wenn sie von etwas handeln, für das der Autor den passenden Begriff bloß nicht gefunden hat.

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