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Mit Fledermausgehör

Man glaubt es kaum: Dorota Maslowska rappt die "Reiherkönigin"

20.06.2007 00:06
INSA WILKE

Eh Leute, kommt aus'm Arsch, Marsch jetzt und aufgewacht", fällt Dorota Maslowska in ihrem zweiten Buch, einem Rap namens "Die Reiherkönigin", über ihre Leser her. Wenig schutzbedürftig, spielt Maslowska in ihren Texten mit der gefräßigen Medienmaschinerie, die Inter- und Subtext der "Reiherkönigin" ist. Als Person aber verweigert sie sich all dem, ganz entgegen dem Zeitgeist: In Polen tritt sie kaum auf, zur Politik äußert sie sich selten. "Man verzettelt sich sonst", sagte sie kürzlich im Literarischen Colloquium in Berlin, alle Kraft müsse in ihre Literatur fließen. Als Spielball der Politik wolle sie sich nicht missbrauchen lassen.

Wie schnell bekommt man ärgerliche Etiketten wie "Fräuleinwunder" oder "Wunderkind" verpasst, wenn man wie Dorota Maslowska zu den stärksten Stimmen der polnischen Gegenwartsliteratur zählt und dazu nun einmal Jahrgang 1983 ist. Trotz - oder gerade wegen - ihres Widerstands hat die Person Maslowska inzwischen Formen eines Phänomens angenommen. Dessen Ursprünge liegen im Jahr 2002, in dem die Tochter einer Ärztin und eines Seefahrers mit ihrem Debüt-Roman, auf Deutsch "Schneeweiß und Russenrot", einen Bestseller schrieb.

Damals war sie 18 und machte gerade Abitur. Über Nacht wurde sie der Star des Warschauer Szene-Verlags Lampa, dessen ambitionierte Projekte Maslowskas Erfolg inzwischen zu keinem geringen Teil (mit)finanziert. Keiner traute einer Abiturientin unserer Tage diese explosive Sprachgewalt, dieses radikale Formbewusstsein zu. 2006 stand Maslowska mit der "Reiherkönigin" auf der Short-List für den wichtigsten polnischen Literaturpreis Nike neben Autoren wie Adam Zagajewski, Andrzej Stasiuk und der Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska und - bekam den Preis!

Obwohl sie seit ihrem Debüt eine Ikone in Polen ist, kam das dann doch überraschend. Nicht nur, weil ihr Werk noch überschaubar ist, sondern auch vor dem Hintergrund der katholisch-konservativen Entwicklung der polnischen Regierungspolitik.

Wenn es möglich ist, die Leselisten der Oberstufenschüler auf Wunsch des Erziehungsministers um Autoren wie Witold Gombrowicz zu erleichtern, dann sähe mancher wohl auch Maslowska, die in Polen extrem polarisiert, gern auf dem Index. Denn ihr Material findet sie auf der Straße. Vor allem aber: Ihr Blick ist ungewöhnlich scharf für eine noch nicht ganz Vierundzwanzigjährige.

Dem in täuschender Leichtigkeit rhythmisierten Prosa-Lied der "Reiherkönigin" über den sinkenden Stern des einst prominenten Sängers Stan Retro verleiht dieser Blick Komplexität. "Manchmal ist mir alles so zuwider, dann will ich im Traum die Augen schließen und habe plötzlich keine Lider", schreibt Maslowskas gleichnamiges Alter ego. Die Lidlosigkeit ist eine Haltung und zugleich Teil einer sich bereits jetzt abzeichnenden Poetik der Maslowska. "Ahistorisch" sei ihre Literatur und die ihrer Generation, urteilte ihr Kollege Wojciech Kuczok, ebenfalls Nike-Preisträger. Ahistorisch? Mitnichten.

Sicher, ihr Ausgangsmaterial findet Maslowska in Sprachen der Gegenwart, street speech, Jugendslang, den Hohlformen der Halb- und Vollzeit-VIPs, die durch den Medienzirkus kreisen. Das drastische Vokabular ("nur medizinische Fachausdrücke", so Maslowska entrüstet) brüskiert die einen und amüsiert die anderen. Ihr Röntgenblick auf die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge in Polen aber zeugt von einem historischen Bewusstsein, das sich zwar nicht an konkreten Traumata der europäischen Geschichte wund reibt, sehr wohl aber die Gegenwart als ein knisterndes Gespinst vorführt, das assoziative Spuren in Vergangenheit und Zukunft legt.

Außerdem - und dies muss die Scharen ihrer Nachahmer hoffnungslos scheitern lassen - ist ihr Rohstoff glanzlos, banal und leer. Wer in der U-Bahn, im Park oder bei Parties den Gesprächen zuhört, weiß: Dies ist noch keine Poesie. Erst Maslowskas "Fledermausgehör" (Olaf Kühl) für Sprache und Rhythmus und die strenge Bearbeitung des Materials setzt die Worte unter Spannung und erschafft die hochartifizielle, auch sehr komische Prosa, die sie über andere Autoren ihrer Generation weit hinaus hebt.

Die Konstruktion einer Kunstsprache, die die Gossensprache aller gesellschaftlicher Schichten durch Wortschöpfungen und inflationären Einsatz ("Penis, Penis, Titten und Vagi noch mal") ihrer Bösartigkeit beraubt und sie durch Floskeln aus Politik und Medien potenziert, steigert Gegenwartsphänomene ins Groteske. Mit eingestreuten Kommentaren wie "Unser Ziel war es, ein Lied zu produzieren, frei von Diskriminierungen und allen Themen, die beschränkte Leser kränken oder Kinder bei der Integration behindern könnten" macht sich Maslowska ebenso über europäische Integrationsrhetorik wie über die Eingriffe in die kulturelle Mündigkeit der Bürger lustig.

Es gebe etwas, das aus ihr spreche und über die Person Maslowska hinausgehe, meint ihr Übersetzer Olaf Kühl, der sie inzwischen neben die ganz Großen der polnischen Literatur stellt: Gombrowicz, Schulz, Witkiewicz. Maslowskas deutsche Leser haben dem zu Recht preisgekrönten Kühl eine Menge zu verdanken, auch deshalb, weil er die Autorin auf Lesereisen vom Lesen und Reden überzeugt. Den harten, fordernden Rhythmus des Rap spielt Kühl, der die "Reiherkönigin" mit Unterstützung einer E-Gitarre übersetzte, im Gegensatz zum Original bis zum Schluss durch.

Wenn sie in der U-Bahn sitze, so habe Maslowska ihm erzählt, falle sie manchmal in eine Art Erstarrung. Dann werde ihre Haut durchlässig, alles ströme in sie ein. Das ist die unkontrollierbare Seite ihres Schreibprozesses, dem die disziplinierende Bearbeitung gegenübersteht. Erstaunlich ist dabei die Distanz Maslowskas zu ihren Texten. Nach wie vor rattert sie bei (den wenigen) Lesungen ihren Text herunter als wäre er nichts, wundert sich über die eigene Sprache, ihre Figuren.

Tadeusz Bartos, Philosoph, Theologe und Mitglied der Jury des Nike-Preises, hat Maslowska "einen Gottesbeweis" genannt. Für diejenigen, die an Gott trotzdem nicht glauben mögen, ist sie ein Beweis für die Autonomie und das kreative Potential von Kunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

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