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„Mit der Faust in die Welt schlagen“ Wo die Wut aufwächst

Unterwegs mit Lukas Rietzschel, der einen Roman über Jungs in Ostsachsen geschrieben hat.

Lukas Rietzschel
Der Autor auf historischem Pflaster. Foto: Gerald von Foris

Also, ich bin der Lukas und ich habe dieses Buch hier geschrieben.“ Der junge Mann vorn im Bus stellt sich so ulkig vor, als säße er in einer Kuppelshow des Privatfernsehens. Lukas Rietzschel ist aber nicht der Bachelor, der sich eine Frau aussuchen möchte, sondern der Autor eines Romans, der einigen Wirbel in diesem Herbst verursachen könnte. Nicht nur wegen seines kraftvollen Titels. „Mit der Faust in die Welt schlagen“, heißt er. Die zwei Zeilen, die der Verlag auf die Rückseite gedruckt hat, deuten an, warum: „Zwei Brüder, ein Dorf in Sachsen und eine Wut, die immer größer wird.“

Der Verleger drückt es in seiner Einleitung zu den Vorabexemplaren noch klarer aus: „Mit 23 Jahren hat er den Roman für unsere Zeit geschrieben.“ Es ist die Zeit, da sich eine Stimmung zusammenbraut, die den Frieden im Land bedroht.

Knapp zwanzig Leute sitzen in dem Bus, der in Berlin vor dem Ullstein-Verlag in der Friedrichstraße abfährt. Dabei sind einige Verlagsmitarbeiter darunter, so die Vertreterin für den Buchhandel in den neuen Bundesländern. Ute König bespricht mit Buchhändlern von Mecklenburg bis Thüringen, welche Titel sie in welcher Anzahl ordern möchten. Obwohl das Gebiet ihrer Zuständigkeit sehr groß ist, bleibt die Zahl der Läden, die sie besucht, überschaubar. Nach dem Ende des Volksbuchhandels der DDR verkaufte die Treuhand die meisten Geschäfte an große Ketten. Seit vielen Jahren dominiert Thalia den Buchhandel im Osten. Deren Einkauf bestimmt in der Regel die Zentrale und nicht das Geschäft vor Ort – obwohl gerade dieses in kleinen Städten so wichtig für den Austausch über Befindlichkeiten ist.

Lukas Rietzschel kann zwar den lustigen Vogel mimen, aber man sollte ihn deshalb nicht für oberflächlich halten. Er hoffe, auf der Reise ein bisschen in den Hintergrund seines Romans führen zu können, sagt er. Rietzschel gehört zur ersten Generation, die komplett im wiedervereinten Deutschland aufgewachsen ist. Geboren wurde er 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen, nicht weit von Kamenz und Bautzen, in einer Region, die seit dem Ende der DDR radikalen Veränderungen unterworfen war. Die Industrie verschwand, Kinder erlebten, dass ihre Eltern sich von Job zu Job hangelten, junge Leute gingen in die alten Bundesländer. Im Westen, in Kassel, hat auch Rietzschel studiert. Aber er ist zurückgekommen. Er lebt in Görlitz. Literatur habe ihn erst spät interessiert, sagte er, als sein Verlag im Juni zur Programmvorstellung in Clärchens Ballhaus einlud. Das war, als er bei Liebeskummer Rat suchte. Auf Gute-Frage.net wurde die Lektüre von „Anna Karenina“ empfohlen.

Tolle Geschichte. Aber ob sie stimmt? Als Lukas Rietzschel im Jahr 2015 am Treffen junger Autoren der Berliner Festspiele teilnimmt, schreibt er unter der Rubrik „Der Autor über sich“ nicht etwa seinen Lebenslauf, sondern wie er als Kind mit seinem Bruder Steine verkauft und den Kopf eines toten Rehs in Cola eingelegt habe. Ob das stimmt? Brüder sind auch die Helden in seinem Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“, Philipp und Tobias. Die Konkurrenz beim Aufwachsen könnte also autobiografisch sein. Die Kleinstadt, in der das Buch spielt, gibt es nicht. Wenn man liest, was sich vor den Läden abspielt, dass die Schule mangels Schüler geschlossen wird, merkt man, dass der Ort aus Elementen der Wirklichkeit gebaut ist – so wie sie Anfang des 21. Jahrhunderts in vielen Gegenden zu erleben ist, die zur DDR gehörten.

Mit seinem Buch ist er noch vor Erscheinen zum Experten für den Osten geworden. Am vergangenen Dienstag hatte Deutschlandfunk Kultur Lukas Rietzschel zu den Ereignissen in Chemnitz befragt. Er erlebe nicht, was Ministerpräsident Kretschmer sage, dass für Extremismus in Sachsen kein Platz sei, so Rietzschel im Interview. „Sachsen hat ein ganz klares, strukturelles Problem mit Rassismus und Rechtsextremismus.“ Als Nährboden für den Rechtsextremismus sieht er die Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Die Route für den Literaturbus hat Lukas Rietzschel mit den Verlagsleuten geplant. In Südbrandenburg wird der Internetempfang schlecht. In Weißwasser wachsen Bäume, wo Wohnblocks standen. Die Glasindustrie, die lange die Stadt prägte, ist weg. Die Bevölkerungszahl hat sich halbiert: Wurden im Jahr 1988 rund 38000 Einwohner gezählt, waren es 2013 nur noch 17000. Der Bund fördert hier nicht den Neu-, sondern den Rückbau von Wohnungen. Aus Weißwasser stammt der AfD-Bundestagsabgeordnete Tino Chrupalla, der 2017 das Direktmandat im Wahlkreis Görlitz gewann. Er nahm es einem CDU-Politiker ab, dem jetzigen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer.

Vom Turm zum Schweren Berg 

Kurz hinter Weißwasser liegt der erste Halt. Hier könnte Lukas Rietzschels Buch spielen. Die Orts- und Straßennamen sind auf Deutsch und auf Sorbisch. Die sorbische Minderheit, deren Vertreter in der DDR immer zu Ostern ins Fernsehen kamen, in Trachten Volkstänze aufführend und traditionell bemalte Ostereier vorzeigend, die deshalb eher belächelt wurden, hat einen gesetzlichen Schutzstatus. Heutzutage führt das zu Konflikten, die etwa bei Fußballspielen aufbrechen, wie Rietzschel erzählt. Im Roman werfen die jungen Leute den Sorben ihre Sonderstellung vor, reich seien die, arrogant. Und wenn dann genug Alkohol getrunken wurde, wenn schon eine Weile Sprüche geklopft wurden, dann geht es gegen die „Sorbenschweine“. Dass der Vater der Familie dennoch das Brot lieber beim sorbischen Bäcker kauft, gehört zu den vielen Ambivalenzen nicht nur in der Handlung, auch in der Region.

Vom Turm zum Schweren Berg kann man über das Tagebaugelände zum acht Kilometer entfernten Kraftwerk Boxberg schauen, Fließbänder und Förderbagger stehen auf der aufgerissenen Erde. Die Landschaft sieht aus wie das Szenenbild für den Film „Gundermann“. Klar, von hier kam der Sänger und Baggerfahrer, den Andreas Dresen porträtiert. Lukas Rietzschel zeigt auf eine Fläche, wo zarte Bäumchen in Reihen stehen, viele davon sind gelb. Die Trockenheit der vergangenen Wochen hat dem Versuch, das Land der Natur zurückzugeben, nicht gut getan. Hier wird aber auch durch die Flutung der Tagebaurestlöcher die größte zusammenhängende künstliche Seenlandschaft Europas entstehen, das Lausitzer Seenland.

Die Journalisten und Blogger sollten noch unterwegs eine Erklärung unterschreiben, dass sie einverstanden sind, während der Reise fotografiert und gefilmt zu werden. Ob Lukas Rietzschel etwas Ähnliches unterschrieben hat – als Schriftsteller zum Anfassen und Ausfragen? „Stell dich bitte so hin, dass man den Tagebau sieht und halte dein Buch hoch.“ Er erfüllt den Wunsch.

Eigentlich war die Landpartie als „Bloggerreise“ oder „Bloggerbus“ betitelt, deshalb sind mehrere dabei, die auf ihren eigenen Webseiten oder auf Instagram von ihren Lesevorlieben berichten. Doch wegen des großen Interesses an Lukas Rietzschel haben sich auch Journalisten traditioneller Medien eingefunden, ein Kollege vom Magazin „Stern“ zum Beispiel trifft Rietzschel für sein Porträt nun schon zum dritten Mal. Unterwegs kommt kurz eine Debatte auf über den Gegensatz zwischen „richtigen Journalisten“ und Bloggern. Für Verlage beginnen die Grenzen zu verschwimmen. Eine Rezension in der Zeitung oder im Radio ist zwar nach wie vor wichtig für die Wahrnehmung der Bücher. Doch viele Blogger und Instagrammer gelten inzwischen als „Influencer“, also auf ihre Art als Meinungsbildner. Viele schreiben nicht nur kurze Tipps, sondern setzen sich ausführlich mit den Büchern auseinander. Auch deshalb lädt also Ullstein Blogger zum Ausflug ein: Dieser Roman soll möglichst bekannt werden.

Als Poster an der Wand das „Grand Budapest Hotel“

Der Verleger Gunnar Cynybulk sitzt im Informationszentrum neben dem Turm, über ihm preist ein Plakat: „Boxberg: Energie für Generationen!“ Cynybulk ist neu im Amt. Das Manuskript zu „Mit der Faust in die Welt schlagen“ gehört zu den ersten, die er im Herbst vergangenen Jahres für Ullstein prüfte. „Es ist uns einen Tag nach der Bundestagswahl angeboten worden.“ Alle wollten es damals haben. Alle wollten nach den Erfolgen der AfD wissen, wie der Osten tickt. Cynybulks Einsatz für Rietzschels Buch wirkt heute wie die Erfüllung eines Anspruchs, den er auf der Buchmesse im vergangenen Jahr in Frankfurt am Main formuliert hatte: Ein deutschsprachiger Spitzentitel würde herausragen und viel Rückenwind vom Verlag bekommen. Der Autor selbst traf letztlich die Entscheidung zwischen Ullstein, dessen Programm sehr breit zwischen Unterhaltung und Belletristik aufgefächert ist, und einem renommierten Literaturverlag, der etliche preisgekrönte Schriftsteller in seinen Reihen hat.

Gunnar Cynybulk war zuvor 18 Jahre beim Aufbau-Verlag, er kennt den Osten, hat selbst einen Roman über eine Familie in der DDR geschrieben. „Jetzt starten wir gemeinsam neu“, wird Lukas Rietzschel später über ihn sagen. Aber erst einmal soll er einen Auszug vorlesen. Er blättert im ersten Teil des Buches, das in den Jahren 2000 bis 2004 spielt, zum 11. Kapitel. Die Jungen sitzen mit den Großeltern im Auto. „Tobi blickte durch die Windschutzscheibe, und das war die Landschaft, die er schon immer kannte. Mit den sandigen und steinigen Böden, manchmal lehmig und asphaltiert, oder mit Betonplatten zugedeckt.“ Sie fahren in Hoyerswerda an einem Haus vorbei, dessen verkohlter Balkon die Blicke der Jungs anzieht. „Der ganze Block stand leer. Da, wo die Fenster in Wurfweite waren, waren sie mit Steinen eingeschlagen worden.“ Das Haus trägt noch Spuren der brutalen ausländerfeindlichen Angriffe der 90er-Jahre. Die Jungen im Buch wollen wissen, was dort passiert war, die Großeltern reagieren nicht auf die Fragen.

Einen ganz anderen Eindruck macht die Stadt Görlitz, die schon lange viel denkmalpflegerische Zuwendung erfährt.   Zwar gibt es auch hier nicht genug Arbeitsplätze, um all die Wohnungen zu füllen, die noch leer sind, aber die Stadt hat ein touristisch belebtes Zentrum und viele Bürger, die sich engagieren. Die kleine Reisegruppe besichtigt als erstes das 1913 im Jugendstil erbaute Kaufhaus, das seit 2009 nicht mehr zum Einkaufen genutzt wird, als „Grand Budapest Hotel“ zur Filmgeschichte gehört und nun von einem Unternehmer umgebaut wird. Der Projektleiter Jürgen Friedel führt durch das Haus und erläutert die ehrgeizigen Pläne, hier wieder Luxus anzubieten. Er spricht in hohen Tönen von dem neuen Besitzer des Kaufhauses, dem Unternehmer Winfried Stöcker.

Dem steht Lukas Rietzschel aber, so sehr er der Stadt Görlitz den Aufschwung wünscht, kritisch gegenüber. Das kann man anschließend beim Spaziergang heraushören: Frauen- und ausländerfeindlich sei dieser Winfried Stöcker. Das ist schnell gesagt. Belege dafür finden sich allerdings ebenso schnell. In der Weihnachtsansprache vom Dezember 2017 an die Mitarbeiter seiner Firma Euroimmun, im Internet öffentlich zugänglich, verhöhnt er die MeToo-Debatte, ereifert sich über „die indoktrinierten Nachrichtensprecher des Fernsehens“ und ermuntert die Mitarbeiter, viele Kinder zu zeugen, „dass wir dem mutwillig herbeigeführten, sinnlosen Ansturm unberechtigter Asylanten etwas entgegensetzen können“.

Rietzschel ist in Görlitz zu Hause

Der Unternehmer unterstützt mit solchen Worten fremdenfeindliche Vorbehalte, die sichtbar gewachsen sind. Lukas Rietzschel hat diese Gemütslage über lange Zeit beobachtet, hat sie eingefangen. Er erzählt, er beschreibt, er nimmt seine literarische Sprache, um dem Weg von zwei Brüdern zu folgen auf der Suche nach einem Platz im Leben. Es gibt Figuren im Roman, die in der Provokation ein Zuhause finden, weil die Alternativen nichts taugen. Der Autor vermittelt den Lesern eine Ahnung, was er mit dem Nährboden meint, von dem er im Interview spricht – eine Ahnung nur, denn sein Buch ist kein politisches Pamphlet.

Ein Investor anderen Typs hat die ehemalige Synagoge in der Langenstraße gekauft, die seit 1911 als Malsaal und Requisitenlager des Theaters genutzt wurde. Lukas Rietzschel wohnte 2015 gegenüber, als er Rainer Michel regelmäßig auf dem Grundstück arbeiten sah. „Brauchen Sie Hilfe?“, habe er gefragt und tatsächlich bald mitgeholfen. Mittlerweile ist das Erdgeschoss so ausgebaut, dass es bereits als Saal für das neue Literaturhaus genutzt werden kann. Die Bauarbeiten gehen weiter, und längst müssen dafür Fördergelder eingeworben werden. In der oberen Etage sind Michel und seine Frau, beides Theologen aus Köln, die sich in die Stadt Görlitz verliebt haben, gerade eingezogen. Rainer Michel führt durch den loftartigen Wohnraum mit riesiger Bibliothek, in dem noch Umzugskisten stehen, Kleidung und Hausrat sich stapeln. „Dass ich hier alles zeige, das mache ich nur für ihn“, sagt er und klopf dem jungen Autor auf die Schultern. Sogar eine Stadtschreiberwohnung wird noch ausgebaut.

Die braucht Lukas Rietzschel nicht. Er ist in Görlitz zu Hause, führt deshalb die Gäste aus Berlin noch zu anderen markanten Orten, zum Flüsterbogen am Untermarkt zum Beispiel und über die Brücke in den polnischen Teil, ins Lieblingsrestaurant von Bill Murray. Das gerahmte Poster des Films „Grand Budapest Hotel“ mag der für die Wand gestiftet haben. Lukas Rietzschel hat seine Premierenlesung am kommenden Freitag nicht in Berlin, wo sein Verlag sitzt, sondern in Görlitz, in der Commenius-Buchhandlung. An deren Tür hängt die Ankündigung mit dem Buchcover. Hinter einem dicken Kreuz scheint eine sächsische Landschaft von Caspar David Friedrich durch. Eine gestörte Idylle.

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