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Milenko Goranovic „Vom Winseln der Hunde“ Geborstene Wirklichkeit

Milenko Goranovics Roman „Vom Winseln der Hunde“ erzählt von der Intensität des Flüchtigen.

08.01.2017 16:50
Anja Ruf
Sarajevo 1992: Bewohner auf der Flucht vor Heckenschützen. Foto: Reuters

Seine Sätze sind kurz, manchmal reiht er sie ohne Punkt aneinander. Dann klingen seine Worte, als müsse zu viel auf einmal heraus. Als gebe es zu viele Geschichten zu erzählen in zu kurzer Zeit – Geschichten, die einen verfolgen und die immer wieder kommen, egal was man macht. So formuliert es eine von Milenko Goranovics Romanfiguren.

Der Autor, Schauspieler und Regisseur kam 1994 aus dem damals belagerten Sarajevo nach Stuttgart. Seine Erlebnisse in der eingeschlossenen Stadt, in der er ein Kammertheater leitete, prägen bis heute seine Kunst, beispielsweise seine Theaterstücke. Sie fließen nun in seinen Roman ein, der teilweise auf Tatsachen und autobiografischen Erinnerungen basiert. Seine Erfahrungen bringen eine Sprache hervor, die auf beklemmende Weise schön ist: eine literarische, anschauliche, oft poetische Sprache, von Traumata durchdrungen.

Der Roman beginnt an einem Herbsttag im Jahr 2008. Die Welt ist voller Licht und Zauber. Alles ist möglich und alles ist gut. Doch das ändert sich schnell: Der Ich-Erzähler hört auf der Straße zufällig jemanden lachen, eine unbekannte Frau, laut, herzlich, ansteckend, aus dem Bauch und der Seele heraus. So wie seine Schwester Seka. Die ganze Straße lacht mit – nur er nicht. Denn er weiß plötzlich: Er wird Seka niemals wiedersehen. Seine Ahnung bestätigt sich kurz darauf: Die Dichterin aus Sarajevo und ihr Geliebter Kurt, ein Kriegsfotograf und Filmemacher aus Stuttgart, sind verschwunden.

Kurt hat lange nach einem jugoslawischen Partisanen mit einer Mundharmonika geforscht, der möglicherweise sein richtiger Vater ist. Der Ich-Erzähler will die verschollene Seka und ihren Geliebten finden und vollzieht dafür deren Suche nach Kurts Wurzeln nach. Die verschlungene Geschichte geht zurück bis ins Ungarn des Jahres 1914 und die Zeit des Ersten Weltkriegs.

So gut wie alle Personen in dem Roman haben traumatische Erlebnisse hinter sich oder werden von ihnen weiterhin beherrscht. Das auf fast allen Buchseiten präsente Kriegstrauma drückt Goranovics Erzählweise seinen Stempel und sein Tempo auf: Manchmal scheint sich alles zu überstürzen. Dann wieder ruht der Blick auf grausamen Ereignissen, als geschähen sie in Zeitlupe. Und zwar gerade jetzt, in diesem Moment. Auch Ereignisse, die er nicht selbst miterlebt hat, beschreibt Goranovic minutiös und versetzt seine Leser mitten ins Geschehen hinein.

Ein Panzerangriff auf die von Kurden bewohnte irakische Stadt Halabdscha etwa, im Jahr 1988, wird aus der Sicht zweier kleiner Jungen geschildert. Statt sich zu verstecken, bleiben sie stehen, um die heranrollenden Ungetüme zu bewundern. Einer der beiden überlebt das nicht. Der andere stirbt kurz darauf bei einem Giftgasangriff. Fünf Tage danach geht Kurt durch die Stadt und sieht die Leute liegen, so wie es sie erwischt hat: „beim Lachen, Teetrinken, beim Streit oder im Liebesakt, im Mantel, neben der Ziege, in der Küche, beim Zwiebelschälen, hungrig, nackt, im Gebet“.

Die Personen im Buch begegnen einander nie lange genug, um Teile eines Ganzen zu bilden. Sie bewegen sich in einem Raum in und zwischen Kriegen. Dort herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, Bewegungslinien überschneiden sich, führen ins Nichts, verlaufen im Sand. Es gibt Verflechtungen, Querverbindungen und viele lose Enden. So mag es im Leben von Menschen, in deren Ländern Krieg herrscht, tatsächlich sein: Heute begegnet man einander in großer Enge, etwa der eines Flüchtlingslagers; morgen ist man schon wieder auseinandergerissen. Die Begegnungen sind intensiv und doch auch flüchtig. Und nicht nur die äußere Welt fällt im Laufe eines Kriegs in Stücke, sondern auch die innere.

Der Versuch, Auseinandergefallenes zusammenzufügen, ist die Stärke, aber auch die Schwäche des Buches. Schon rein optisch spiegelt es eine geborstene Wirklichkeit wider: Es setzt sich aus Fragmenten zusammen, 56 an der Zahl. Die Jahreszahlen, Schauplätze und handelnden Personen wechseln ständig. Ohne die Stichworte über jedem Fragment und das Verzeichnis von Menschen, Namen, Orten am Ende des Buches wären die Leser verloren. Und auch so ist es schwierig, die Handlungsstränge zu verfolgen.

Eigentlich steht die Handlung auch gar nicht im Mittelpunkt, sondern es geht um die Suche. Dabei sind all die Nachforschungen des Ich-Erzählers wie auch die von Seka und Kurt letztlich eine Metapher für die Suche nach Sinn, den das Leben trotz allem Bösen und Schlimmen bieten kann. Und obgleich sich im Roman manche Rätsel lösen, scheint es am Schluss so, als sei das einzig Bleibende, die einzige Konstante, diese Suche.

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