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Michel Houellebecq Voltaire bringt man nicht um

Im intellektuellen Frankreich geht es dieser Tage drunter und drüber – aber es zeigt sich, dass es Errungenschaften der westlichen Gesellschaften gibt, auf die nicht mal der Zyniker Michel Houellebecq verzichten will.

13.01.2015 17:50
Von Martina Meister
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La Nation heißt der Platz, auf dem „Der Triumph der Republik“ steht. Foto: AFP

Anderthalb Stunden nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ am Mittwoch vergangener Woche war der Sitz des Pariser Verlagshauses Flammarion bereits geräumt. Reine Vorsichtsmaßnahme, wie es hieß. Es war Zufall, natürlich, und doch eine seltsame Koinzidenz, dass ausgerechnet am Tag des Attentats Michel Houellebecqs jüngster Roman „Unterwerfung“ in die französischen Buchhandlungen ausgeliefert wurde. Unterwerfung (oder: Hingabe) ist die wörtliche Übersetzung von Islam.

Ist das Buch islamophob? Ist es islamophil? Ist es womöglich beides in einem? Zwei Wochen lang liefen die Argumente kräftig durcheinander. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten nur wenige Journalisten und Literaturkritiker das Buch überhaupt lesen können, was der Heftigkeit der Diskussion keinen Abbruch tat. Von „literarischem Selbstmord“ sprach ein Kritiker. Das reaktionäre Magazin „Valeurs Actuelles“ zeigt auf seinem Cover eine mit Trikolore verschleierte Französin und titelt: „Angst über Frankreich. Und was, wenn Houellebecq recht hätte?“ Auch die Titelseite von „Charlie Hebdo“ war am vergangenen Mittwoch wie selbstverständlich der literarischen Provokation des Jahres gewidmet. Sie zeigt die Karikatur eines als Zauberer verkleideten Houellebecq mit Fluppe zwischen Mittel- und Ringfinger: „2015 verliere ich meine Zähne. 2022 mache ich Ramadan.“

Houellebecq ist, so viel ist sicher, einer der feinfühligsten Seismographen der französischen Gesellschaft. Das Bild, das er ihr entgegenhält, hat immer geschmerzt. Inzwischen hält er sie für so entleert, dass man es als Atheist in ihr eigentlich nicht mehr aushalten könne, wie er es formuliert. Ursprünglich hatte er geplant, dass der Protagonist seines Romans zum Katholizismus konvertiert. Aber für glühende Erweckungserlebnisse hat es nicht gereicht. Er wird aus ganz pragmatischen Gründen Moslem: mehr Geld, drei Frauen. Eine für die Küche, zwei fürs Bett. Fast könnte man „Unterwerfung“ als die fiktive Illustration des „französischen Selbstmords“ lesen, eine vor Hass triefende Streitschrift („Le suicide français“), die der reaktionäre Journalist und Publizist Eric Zemmour im Herbst vorgelegt hat und die sich seither 400 000-mal verkauft hat. Auch er rechnet mit der multikulturellen Gesellschaft ab, mit ihrem Hedonismus, ihrer Homo-Ehe, mit der Gleichstellung von Mann und Frau.

Doch nicht alle Voraussagen des Zauberers Houellebecq erweisen sich als richtig. Was „Unterwerfung“ betrifft, ist Frankreichs größter Gegenwartsautor durch die Ereignisse auf dramatische Weise Lügen gestraft worden. Frankreich als moderat-moslemische Demokratie? Undenkbar. Romane, so hatte Houellebecq sich vor den Attentaten gerechtfertigt, hätten den Lauf der Geschichte noch nie beeinflusst. Wohl aber die Geschichte die Lesart von Romanen, müsste man ihm jetzt entgegenhalten. Der Kontext ist jedenfalls ein anderer. „Unterwerfung“ sieht vor dem Hintergrund dessen, was Frankreich erschüttert hat, auf einmal etwas alt aus. Selbst der Marketingplan brach zusammen. Wie eine Wortbombe hätte „Soumission“ am Mittwoch explodieren sollen. 150 000 Exemplare lagen zur Auslieferung bereit. Und dann das. Das Unerhörte, das die Welt und Frankreich sprachlos machte.

Verstörend bleibt, wie eng beide Ereignisse miteinander zusammenhängen. Keine zwei Stunden vor dem Attentat saß Houellebecq im Studio des öffentlichen Radiosenders France Inter und beerdigte die Republik. „Die Republik ist tot“, verkündete er. Und mit ihr der Laizismus; der Atheismus; die Aufklärung: „Wir können drei Kreuze hinter der Aufklärung machen. Verstorben. Sie möge in Frieden ruhen.“ Die ausführlichen Interviews des besagten Morgens sind inzwischen von der Webseite von France Inter verschwunden. Kein Podcast, nirgendwo.

„Wieso diese Zensur?“, fragt ein Hörer, der einen Kommentar hinterlassen hat. Man hat ganz offensichtlich Angst, ideologisches Futter für Attentäter zu liefern. Dabei hat der Autor, der den Islam mal als dümmste Religion überhaupt bezeichnet hat, in „Unterwerfung“ ein so idyllisches Bild der fröhlich-französischen-moslemischen Demokratie gezeichnet, dass die Dschihadisten der Welt, wenn sie denn lesen würden, Houellebecq eigentlich auf ihren Hausaltar stellen müssten. Aber genau das ist zur Zeit das Problem: Jeder liest aus „Unterwerfung“ heraus, was er will.

Wenig später ließ der Autor durch seinen Agenten wissen, die Ereignisse hätten ihn so niedergeschlagen gemacht, dass er den Medienmarathon abbreche und sich ins Grüne oder in den Schnee zurückziehen werde. Das große Interview, das er Donnerstag dem Fernsehsender Canal Plus geben wollte, wurde aufgezeichnet und erst am Montag ausgestrahlt: Houellebecq ist darin den Tränen nahe. Er hat durch das Attentat einen Freund, den Wirtschaftsexperten Bernard Maris verloren, der gerade ein Buch über ihn geschrieben hatte („Houellebecq économiste“). Ob er als Autor nicht spätestens jetzt Verantwortung übernehme müsse, fragt ihn der Moderator. Nein, erwidert Houellebecq. Es dürfe für die künstlerische Freiheit keine Grenzen geben. „Null Grenzen. Man kann nicht auf der einen Seite sagen, du bist frei. Auf der anderen: Du musst Verantwortung übernehmen. Das funktioniert nicht.“ Die Leute, so sagt er mit müder Stimme am Ende des Interviews, müssten endlich verstehen, dass Fiktion nunmal Fiktion sei und Fiktion bleibe.

Houellebecq hat recht. Aber interessanterweise hat er recht gegen sich selbst. Durch den Angriff auf die Meinungsfreiheit zeigt sich nämlich, dass es Errungenschaften der westlichen Gesellschaften gibt, auf die nicht mal er, der Zyniker, verzichten will. Er, der nicht nur als Autor, sondern deutlicher noch als Kommentator seines jüngsten Buches auf die Aufklärung pfeift und nur im Glauben einen Ausweg sieht, nimmt das Recht auf freie Meinungsäußerung mit derselben Selbstverständlichkeit in Anspruch wie die Kollegen und Zeichner von „Charlie Hebdo“. Der Tabubruch siedelt sich nur auf zwei unterschiedlichen Ebenen an: Von Charbs Karikaturen konnten sich gläubige Moslems beleidigt fühlen; von Houellebecqs Unterwerfungsfantasien diejenigen, welche die rationale und freiheitliche Basis unserer Gesellschaft für einen Grundwert halten, hinter den es kein Zurück gibt.

„Voltaire verhaftet man nicht“, hatte Charles de Gaulle seinem Innenminister entgegnet, als dieser Sartre ins Gefängnis stecken wollte. Voltaire verhaftet man nicht – noch weniger bringt man ihn um. Lange nicht schien der Vordenker von Religionsfreiheit und Toleranz von solcher Aktualität wie in diesen Tagen. Lange nicht schien die Aufklärung dermaßen à l’ordre du jour. Dem Provokateur Houellebecq hat der alte Voltaire sogar beim Buchverkauf gerade den Rang abgelaufen. Der Verlag Folio berichtet, dass er in den vergangenen Tagen 120 000 Exemplare von Voltaires Abhandlung „Über die Toleranz“ verkauft habe und im Begriff sei, nachzudrucken. Zusammen mit Kugelschreibern und Stiften wurde sein Traktat auf die Straße gelegt.

„Unser Land erlebt einen historischen Moment“, notiert die Publizistin und Feministin Elisabeth Badinter. „Die Erben von Voltaire sind nicht wie er in ihren Betten gestorben, sondern an ihrem Arbeitsplatz exekutiert worden. Ihr Tod schreibt Geschichte, denn was die Meinungsfreiheit betrifft, sind sie von nun an unser Bezugspunkt.“

Entgegen Houellebecqs Prophezeiungen ist die Republik alles andere als tot. Sie hält zusammen. Am Sonntag hat sie ihr schönes, stolzes, ihre vielfältiges und vor allem entschlossenes Gesicht gezeigt: Frankreich marschiert für Meinungsfreiheit. Ein Land geht für seine Ideale auf die Straße. Geschlossen. Es ist schwer zu sagen, ob dieser republikanische Elan von Dauer sein wird. Im Augenblick sieht es so aus. Die Gefahr besteht, dass langfristig die terroristische Bedrohung den Riss zwischen Frankreichs Parallelgesellschaften noch größer machen könnte.

„Ich habe alle Attacken überlebt“, titelt das Nachrichtenmagazin „Nouvel Obs“ auf seinem Houellebecq-Cover. Der Titel lag am Mittwoch bereits am Kiosk. Es wirkt inzwischen ein wenig geschmacklos. Eine sehr kluge Analyse findet sich allerdings im Heft. Der Psychoanalytiker Fethi Benslama erläutert darin, wie nahe Houellebecqs Protagonist den jungen Dschihadisten ist und wie sehr sich ihr Diskurs ähnelt. Ersterer verzichtet auf Freiheit, unterwirft sich, lässt seine Niedergeschlagenheit und Selbstzerstörungslust hinter sich und schließt sich einer höheren Sache an. Letztere bilden sich ein, durch ihre Taten Gleichgültigkeit und Bedeutungslosigkeit überwinden zu können und zu so etwas wie Inbrunst zu erlangen. „Der Islamismus ist die letzte Utopie des 21. Jahrhunderts, der noch ein inbrünstiges Engagement für eine Sache anbietet“, notiert Benslama. „In diesem Sinn erweist sich Houellebecq als trübseliger Dschihadist. Sein Roman spielt mit dem Islamismus, als wäre er ein Heilmittel gegen die Krankheit des dekadenten Okzidents.“

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