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Michael Stavaric „Brenntage“ Ins Berginnere

Der namenlose Ich-Erzähler in Michael Stavarics „Brenntage“ wächst nach dem Tod seiner Mutter bei Onkel und Tante auf. Nachts schlagen Äste gegen das Haus, und in den Birken vermutet man Geister. „Brenntage“ spielt so leichtfingrig auf der Klaviatur romantischen Bildmaterials, dass man es kaum merkt.

22.02.2011 14:24
Anja Hirsch
Michael Stavarics "Brenntage" spielt in einer von Aberglauben geprägten Gegend, wo die Menschen aus Wolken die Zukunft lesen. Foto: dpa

Lange rätselt man, was die Menschen in dem Roman „Brenntage“ antreibt, jedes Jahr mit geradezu religiösem Eifer Möbelstücke, Gummiwaren, Essensreste oder Matratzen in die Feuer ihrer weltabgeschiedenen Waldsiedlung zu werfen. Misten sie aus? Vertreiben sie böse Geister? Helfen sie wirklich nur der vom Müll überforderten Ortsverwaltung?

In jedem Fall markieren Rituale wie diese Übergänge, in denen sich etwas verändert – oder besser: jemand. Mit dem 1972 geborenen, in Wien lebenden Autor und Übersetzer Michael Stavaric treten wir im Schein dieser lodernden Feuer, aber trotzdem sehr leise über die Schwelle ins Kindheitsland. Sofort scheint durch sein Erzählen eine Pendelbewegung einzusetzen, der man sich gerne überlässt.

Der namenlose Ich-Erzähler wächst nach dem Tod seiner Mutter bei Onkel und Tante auf. Nachts schlagen Äste gegen das Haus, und in den Birken vermutet man Geister. Tagsüber nährt die Tante die kleine Familie nach alten Rezepten mit Gerichten, die „Scheiterhaufen“ heißen. Der Onkel rüstet fürs Leben draußen. Früh lernt der Neffe klettern, Geheimschriften auf Fensterscheiben hauchen oder Tiere im Keller präparieren; später, dass Mädchen nach Waldtümpeln duften.

Es blieben einfach Szenen einer Kindheit, wenn Stavaric sie nicht zugleich aus den modrigen Tiefen einer von Aberglauben geprägten Gegend herausgebrochen hätte. Aus den Wolken leitet man dort die Zukunft ab. Durch die rituellen Feuer während der „Brenntage“ erhofft man sich insgeheim erhellende Blicke in die Vergangenheit, zurück gar bis in die Zeit der Höhlen und Felle, als die Menschen noch Reisig verbrannten, um sich aufzuwärmen. Und auch auf die Kinder der Siedlung übt das Spiel mit dem Feuer Faszination aus. Sie erfinden eigene Rituale am Waldteich, nicht immer ganz ungefährliche.

Merkwürdig entrückte Zeit

Stavaric zieht uns mit allen Sinnen in die merkwürdig entrückte Zeit um die Pubertät, und so dauert es eine Weile, bis wir an seinen märchenhaften Welten leise zu zweifeln beginnen. Bisweilen glaubt man sich in einer Welt à la Peter Pan; dann wieder ist die Präsenz der Erwachsenen unerlässlich für das innere Erleben des Erzählers. Die Magie, die von dieser Prosa ausgeht, ist nicht nur eine der Inhalte. Sie wohnt einer Sprache inne, die Klang hat. Jede Penetranz ist ihr fremd; die variierende Wiederholung lieber als der eine, abschließende Satz. Statt Handlung bilden Leitmotive Konturen: das Knistern der Flammen; die nicht verstandenen Bewegungen der Soldaten und Jäger im Dickicht des nahen Waldes; nachgelassene Briefe der toten Mutter.

Kindheit wird hier zur rauen Auseinandersetzung mit den Elementen, mit Feuer, Wasser, Erde, Luft. Angelegt als dauerbewegter Kreisel aus Erzählfragmenten, versickert der Roman auf den letzten Seiten in einer sich dreimal wiederholenden Erzählsequenz. Er verschwindet wie der letzte Wasserstrudel im Badewannenabfluss – ein Endlosgedenken, das keinen Schlusspunkt kennt. Seinen inzwischen jugendlichen Helden lässt Stavaric einfach in den unterirdischen Bergwerksminen zurück, wohin sich der Onkel mit ein paar Überlebenden der Siedlung geflüchtet hat – denn die Feuer haben doch einmal auf die Häuser übergegriffen.

Kindheit, so Novalis, sei die erste Stufe der Bildung – und fortan der Sehnsuchtsort. „Brenntage“ spielt so leichtfingrig auf der Klaviatur des romantischen Bildmaterials, dass man es kaum merkt. Und doch ist sie im Hintergrund präsent: die Novalis-Figur des Heinrich von Ofterdingen, der erst durch drei Höhlen ins Berginnere eindringen muss, wo ein Einsiedler ihm das Buch seines Lebens zur unmittelbaren Anschauung bringt, Heinrich aber keine Silbe davon versteht.

Auch Stavaric geht es um Anschauung, nicht um rationale Analyse. Seine Fragmente folgen einer inneren Ordnung. Sie respektieren die unsichere Balance einer Lebensphase, die verwirrend zwischen heiliger Erwartung und apokalyptisch wirkenden Umbrüchen angesiedelt ist. Vielleicht ist das der Grund, warum diese literarische Reise ins Kindheitsland nichts Besserwisserisches hat und tatsächlich berührt. Sie berücksichtigt die Naivität der Wahrnehmung, die vieles monströs verzerrt, anderes wieder wundersam auflädt. Die surreale Welt, die dabei entsteht, ist deshalb keine künstlich konstruierte, sondern Teil eben dieser Wahrnehmung – ein Naturgesetz. Und eben davon handelt der Roman.

Michael Stavaric: Brenntage. Roman. C.H. Beck Verlag, München 2011, 231 Seiten, 18,95 Euro.

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