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Michael Rutschky Taktgeber, Entdecker, Inlandsethnograf

Michael Rutschky war eine Art Inlandsethnograf in einer Feldforschung, die sich so aufregenden Dingen wie der Grußordnung im Treppenhaus, dem gesellschaftlichen Ungeschick und der sich ausbreitenden Arbeitslosigkeit am Arbeitsplatz widmete. Zum Tod des Schriftstellers und Intellektuellen.

Michael Rutschky
Michael Rutschky 1997 in seiner Berliner Wohnung. Foto: dpa

Was gibt’s Neues“, fragte er gern, als sei es eine Art rituelle Eröffnung des Lesekreises, den der Berliner Schriftsteller Michael Rutschky in wechselnden Besetzungen über bald 40 Jahre um sich versammelte: Eine kleine Runde von Freunden, akademischen Weggefährten und jungen Autoren, die sich daraufhin über Filme und Bücher, aber auch Geschehnisse des Alltags austauschte. 

Nach der Aufwärmphase aber hieß es: An die Arbeit, und die kleine Wissensgemeinschaft begann, mit heiligem Ernst und fröhlicher Neugier über den Text zu sprechen, den man sich vorgenommen hatte. Bücher, die man für sich allein nicht lesen würde, sollten es sein. Ein anderes Auswahlkriterium bestand darin, dass man nicht gelangweilt werden durfte. War ein Buch nicht ergiebig genug, wurde die Lektüre bereits nach einer Sitzung abgebrochen. Autoren wie Niklas Luhmann, Ralf Dahrendorf, Jean-Claude Kaufman oder Gabriel Tarde aber nahm sich die zwanglose Forscherrunde immer wieder vor. Michael Rutschky war zweifellos der Taktgeber, das Geheimnis der zwanglosen Zusammenkunft aber bestand in der Kunst der konzentrierten Abschweifung.

Ich bin Michael Rutschky erstmals Mitte der 80er-Jahre begegnet, als er nach eher kurzen Anstellungen als Redakteur der Zeitschriften „Merkur“ und „Transatlantik“ gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Autorin Katharina Rutschky, von München nach Berlin zurückgekehrt war, um fortan als freier Schriftsteller zu arbeiten. Er sei für den Innendienst nicht geeignet, hatte Rutschky selbstironisch befunden. Worin dieser Innendienst genau bestand, lässt sich genüsslich nachlesen in dem unlängst erschienenem Tagebuch „Mitgeschrieben“ (Berenberg Verlag), das zugleich ein aufschlussreiches Porträt des Schriftstellers Rainald Goetz als junger Mann ist. 

Die Rutschkys hatten Goetz in München kennengelernt, und man kann ohne Übertreibung sagen, dass die schriftstellerische Karriere von Goetz ohne die beinahe familiäre Anleitung der Rutschkys gewiss anders verlaufen wäre. Aber Michael Rutschky war natürlich nicht nur ein Entdecker von Talenten, auch wenn er den schriftstellerischen Entwicklungen etwa von Stephan Wackwitz, David Wagner, Gerhard Henschel, Kathrin Passig und anderen seine begleitende Aufmerksamkeit lieh.

Sein eigenes Autorprojekt erhielt spätestens mit „Erfahrungshunger“ (1980) unverwechselbare Konturen. In dem stilistisch eigenwilligen Essay beschreibt Rutschky, wie die Herrschaft der Allgemeinbegriffe, die die 70er-Jahre als Jahrzehnt der Theorie auf zwanghafte Weise dominierte, abgelöst wurde von dem Bedürfnissen individueller Selbsterfahrungen. Aus Rutschkys „Erfahrungshunger“ konnte man nicht nur lernen, was das düstere Jahrzehnt nach der 68er-Revolte in seinem Innern beherrscht hatte, das Buch war zugleich auch der Schlüsseltext einer neuen Art von Zeitdiagnostik, die bald zahlreiche Nachahmer fand. 

Nicht wenige von ihnen versammelte Rutschky in der Zeitschrift „Der Alltag“, die in Zürich in Walter Kellers Scalo Verlag erschien, aber durch Rutschky in redaktioneller Heimarbeit von Berlin aus in Umlauf gebracht wurde. Soziologische Feinmalerei nannte Rutschky das, aber auch hier bestand das Betriebsgeheimnis weniger in konzeptionellen Vorgaben, sondern vielmehr im Gewährenlassen der jeweiligen Autorenergien. Helmut Höge, Jörg und Mariam Lau, Harald Jähner, Sabine Vogel, Ina Hartwig, Ulf Erdmann Ziegler, Jochen Schimmang und viele andere bildeten ein lose verbundenes Autorennetzwerk, das heute bisweilen als Rutschky-Schule bezeichnet wird, wobei der Reiz für Lehrer und Schüler gleichermaßen darin bestand, sich einer anmaßenden Schulbildung so gut es ging zu entziehen. 

Michael Rutschky war eine Art Inlandsethnograf in einer Feldforschung, die sich so aufregenden Dingen wie der Grußordnung im Treppenhaus, dem gesellschaftlichen Ungeschick und der sich ausbreitenden Arbeitslosigkeit am Arbeitsplatz widmete.

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