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Michael Glawogger „69 Hotelzimmer“ Magie des Heruntergekommenen

Kapitel von der Länge einer Zigarette, Liebeserklärungen an das abgeratzte Leben: „69 Hotelzimmer“, das wunderbare literarische Vermächtnis des großen Filmemachers Michael Glawogger, erzählt vom Reisen mit bedingungsloser Neugier.

24.04.2015 22:59
Sabine Vogel
Sah sich die Herrlichkeit und den Horror der Welt an: Michael Glawogger (1959-2014). Foto: imago stock&people

Zu spät. Michael Glawogger ist einer jener wilden Reisenden, die ich gerne mal getroffen hätte. Irgendwo in einer Bar in Bangkok oder einer überfüllten Wartehalle in Niemandsland. Schicke Hotelzimmer waren ihm ein Graus, touristische Sehenswürdigkeiten langweilten ihn. Statt ins Museum ging er lieber ins Rotlichtviertel, statt eines Individualismus vorgaukelnden Designerlofts zog er immer die Bruchbude vor. Er liebte den verstaubten Glanz mehr als den polierten. In den Kuhlen durchgelegener Matratzen fand er vergangene Erinnerungen aufgehoben, in versifften Nasszellen schimmerten ihm verwunschene Geschichten vom Leben auf.

Vor einem Jahr, am 22. April 2014, starb der 1959 in Graz geborene Filmregisseur Michael Glawogger in Monrovia, Liberia an den Folgen einer falsch diagnostizierten Malaria. Für den Doku-Blog der „Süddeutschen Zeitung“ und in seinen Glawogger-Tagebüchern im österreichischen „Standard“ schrieb er regelmäßig über seine letzte Reise. Sie sollte ihn für einen „Film ohne Namen“ ein Jahr lang um die Welt treiben. Ohne Konzept wollte er – mit seinem Kamera- und Tonmann in einem VW-Bus – mit unverstelltem Blick die Welt einfangen.

Aus seinen Zeitungsbeiträgen und älteren Geschichten haben Glawoggers Frau Andrea und die Schriftstellerin Eva Menasse nun ein wunderbares Buch zusammengestellt. Wie immer in der Reihe der Anderen Bibliothek ist es wie ein Sammlerobjekt gestaltet, also etwas aufdringlich aufwändig – und deshalb zu teuer –, dafür wird man aber auch von der Niedrigkeit eines Inhaltsverzeichnisses mit Quellenangaben verschont.

Für den Transitbereich

Tatsächlich lässt sich das Buch fast wie ein Roman auf einem Transkontinentalflug verschlingen. Aber die Episoden lassen sich auch einzeln lesen in den zehn Minuten, „bis das Boarding ihres Anschlussfluges beginnt“. Die Kapitel haben die Länge einer Zigarette, wie Glawogger im Vorwort schreibt, und eignen sich wie diese für den Transitbereich, das Zwischendrin jedes Wartens.

Wie in einer Slapstick-Szene, in der die Ziffern 69 beim Türzuschlagen zu 96 umspringen, erzählt Glawogger darin nicht von 69 Hotelzimmern, wie der Titel besagt, sondern von 96 minus einem, dem Dreizehnten.

Das geht von Sprachkalauern und lustigen Zufällen bis zu surrealen Traumsequenzen. Es gibt chillende Chilenen, gähnende Ghanaer, schwebende Schweden. Glawogger erzählt von stoischen Zimmerkellnern und der Zumutbarkeit der Fernseh-Bilder von Hinrichtungen, von Ceausescu, Saddam Hussein und Gaddafi. Es gelingt ihm die tänzerische Balance aus witzigen Einfällen und Begebenheiten, scharfskizzierten Nebensächlichkeiten, kafkaesken Filmsequenzen und einem untergründigen Dauersummen der Melancholie. Erst das Lachen macht uns bereit, den Schmerz der anderen (wie den eigenen) wahrzunehmen und anzuerkennen.

Wie in seinen großartigen essayistischen Dokumentarfilmen – „Megacities“ von 1998, „Workingman’s Death“ (2007), zuletzt „Whores’ Glory“ (2011) – nimmt Glawogger die präzise Wahrnehmung der Wirklichkeit als Ausgangsmaterial für ein großes poetisches Kunstwerk. In seinen literarischen Geschichten fiktionalisiert er sein erlebendes oder grübelndes Ich zu einem „Er“. Der Autor stilisiert sich zur tragikomischen Figur des teilnehmenden Beobachters in einem Schauspiel namens Wirklichkeit.

Wenn „er“ als Kurier der Botschaft seines Vaterlandes eine Kiste Frankfurter Würstel (statt, wie es richtiger gewesen wäre, Wiener) im Handgepäck nach Hongkong transportiert und mit der Diplomaten-Limousine durch die Stadt kutschiert wird, gerät die Albernheit der Situation zu einem verspielten Gedankendrehbuch. Die Farbe eines Hotelzimmers in Karlsruhe schlägt ihn in die Flucht, in San Francisco sitzt sein persönlicher Tod in Gestalt einer asiatischen Frau im Aufenthaltsraum. Glawogger setzte sich all dem mit einer unerschütterlichen Neugierde aus.

Das Erzählen in der dritten Person erlaubt ihm ironische Distanz, aber auch das schamfreie Offenlegen der eigenen Schwächen und Fehlbarkeiten. Dieser „Er“ darf als einsamer Wolf durch die Städte streunen, seinen Weltschmerz in Alkohol baden, er darf auf Balkonen rauchen und Sex kaufen in all seiner zwielichtigen Schönheit und Tristesse, er kann in Erinnerungen spazieren oder einfach im Hotelbett bleiben. „Die Welt würde über Nacht einen Riss bekommen.“ Er liebt es zu den Geräuschen der Nacht einzuschlafen und vom Presslufthämmern des Tages zu erwachen.

Überhaupt die Liebe. Eine unbändige Liebe zum Leben und den Menschen, den unfassbar vielen verschiedenartigen, komischen wie tragischen, gewöhnlichen wie einzigartigen, verspielten und beladenen Existenzen war der Antrieb dieses berserkerhaften Genussbärs, der seine eigenen emotionalen Tiefdruckgebiete mit der gleichen Empathie begrüßte wie die das besinnungslos unverdiente Glücks.

„Wer will sich schon beim Denken zuschauen?“

Den Spiegel über den meist viel zu winzigen Schreibtischen hängt er unverzüglich an einen neuen Platz. „Wer will sich schon beim Denken zuschauen?“ Aber er schaut ohnehin viel lieber hinaus. Bei den Fensterausblicken auf zubetonierte Höfe und leere Parkplätze geht er in hochfliegenden Tagträumen verloren.

Beim Austrinken all der kleinen Flaschen der Minibar hört er dem Murmeln des Flusses zu, der von ungestümen Hochwassern und willkommenen Selbstmördern erzählt, und spürt dabei den Adrenalinfluss des Lebens-Junkies durch seine Venen brausen. „Am Schluss würde er beten und Gott würde ihn auslachen.“

Seine Gesichten sind eine Liebeserklärung an die Magie des Heruntergekommenen, das ihm die perfekte Umgebung für seine Einsamkeit bot. Im Zustand dieser geliebten Verzweiflung erkannte er das Funkeln des Lebens. Beim Frühstück im Garten einer Pension zwitschert eine Blaumeise und die Katze lauert. Im nahen KZ sind gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Hunderttausende von Hand hingerichtet worden.

Ein Beobachtung öffnete die Sinne für andere – ein hinkender Hund, ein behinderter Bettler und die Kiesgruben, Staudämme, Straßen sehen aus wie Narben der Welt. Singapur reimt sich auf Diktatur, er wohnt „wie im Adventskalender“, kauft sich einen touristischen Hilfiger-Tarnanzug, der ihm „Toleranz und innere Größe“ verleiht. Im Kosovo bemerkt er überall türkisfarbene Schwimmbecken, die ihm als „Blaupause des Eigentlichen“ vorkommen. Oder er freut sich an einem Strauss Pfingstrosen, die jemand zurückgelassen hat. Eine Frau? Welche Geschichte hat hier stattgefunden, welcher Moment wurde von der gefräßigen Zeitmaschine so unerbittlich der Vergangenheit anheim gegeben, wie alle anderen auch?

Wie viele mehr dieser zauberisch leichten, analytischen und traumdichten Geschichten von der Herrlichkeit und dem Horror der Welt hätte Michael Glawogger noch aufspüren, erfinden und uns erzählen können. Den Verlust macht dieses Buch, über das man umso glücklicher sein darf, schmerzlich klar.

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