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"Menschenrauch" Der Pazifist als zorniger Gott

In Nicholson Bakers Buch "Menschenrauch" wird der Zweite Weltkrieg zur Freakshow. Die einzigen, so seine These, die das Gute taten, waren britische und amerikanische Pazifisten. Von Michael Rutschky

23.03.2009 00:03
MICHAEL RUTSCHKY
Kasperletheater mit Churchill, Hitler, Mussolini und Stalin. August 1941. Foto: Getty Images

Man meint das Buch zu kennen, jedenfalls dem Verfahren nach. Entlang dem Kalendarium erzählen wechselnde Stimmen, wie die Geschichte in den Zweiten Weltkrieg stürmte. Es war der 27. Februar 1933. Es war der 20. Dezember 1938. Es war der 12. Oktober 1941.

Man meint das Verfahren wiederzuerkennen, das Walter Kempowski seit 1993 für sein Monumentalwerk "Das Echolot" entwickelte, einfaches Nacherzählen der Begebenheiten, ohne Zentralperspektive, vielmehr derjenigen des jeweiligen Sprechers folgend. Marinus van der Lubbe wird mit entblößtem Oberkörper im brennenden Reichstag zu Berlin angetroffen und verhaftet. Charles Lindbergh besucht wieder einmal das Dritte Reich, wetteifert mit Hermann Görings Fliegerkumpan Ernst Udet beim Scheibenschießen und fordert die Lösung des Judenproblems - auch wenn er die deutschen Methoden missbilligt. Gandhi behauptet, Hitlerismus und Churchillismus sei im Grunde dasselbe. Diese Form von Montage erzeugt mittels der Zeit einen ungeheuer weiten Raum; kein menschliches Auge kann ihn wirklich überblicken - das Verfahren entwirft eine Weltlandschaft im Auge Gottes.

Schaut man genauer hin, zeigen sich aber sogleich zentrale Unterschiede zwischen den Chroniken Walter Kempowskis und Nicholson Bakers, Unterschiede, die prägnant hervortreten, weil das Verfahren im Grunde so einfach und so einleuchtend ist.

Kempowski verwandte bei seiner Montage ausschließlich Zitate. Sonntag, 6. Juli 1941 - Freitag, 1. Januar 1943 - Mittwoch, 25. April 1945: Wer an diesen und den anderen Tagen so ausführlich spricht, der Offizier Martin Steglich oder Adolf Hitler oder der US-Lieutenant Albert S. Kotzebue oder Karla Höcker, ihnen ist unbekannt, was am nächsten Tag geschieht. Jedes Kalenderdatum begrenzt der Horizont der Gegenwart - erst der Leser, der Leser von Kempowskis Chronik weiß, wie die Geschichte endet.

Ganz anders Nicholson Baker (der seine Chronik unvermittelt am 31. Dezember 1941 abbricht). Zwar zitiert er hin und wieder wörtlich aus seinen Quellen, doch im Wesentlichen spricht er selbst, mit einer eigenen, unverwechselbaren Erzählerstimme. Und dieser Erzähler verfolgt die gut 500 Seiten hindurch eine klare Pointe, eine unzweideutige Schlussfolgerung über den Zweiten Weltkrieg, nämlich: "War es ein ,guter Krieg'? Hat er irgendeinem Menschen geholfen, der Hilfe brauchte? Nein. Die einzigen, die in jener höllischen Zeit das Gute wussten und taten, das waren die britischen und amerikanischen Pazifisten. "Sie sind gescheitert, aber sie hatten recht."

Da hat man es leicht, anderer Meinung zu sein und von Nicholson Baker eine Confabulatio zu verlangen, wie das Dritte Reich mittels der Methoden Gandhis besiegt wurde. (Harry Mulisch veröffentlichte 1972 mit "Die Zukunft von gestern" eine solche Confabulatio: wie das Dritte Reich Hitlers Tod am 20. Juli 1944 übersteht und letzten Endes den Krieg gewinnt.) Das zentrale Problem, das Nicholson Bakers "Menschenrauch" seinem Leser stellt, ist: dass er der Schlussfolgerung zustimmen muss, auf jeder Seite, in jedem Abschnitt, sonst bleibt das Weiterlesen ohne allen Gewinn. Während Kempowski den Leser mittels puren Zitierens auf die Dauer sogar zur Anteilnahme für Goebbels' Tagebuch und Hitlers Lagebesprechungen bewegt, verwandelt Nicholson Baker die gesamte Szenerie in eine Freakshow. Ob Präsident Roosevelt sich innig seiner Briefmarkensammlung widmet oder Churchill mit Gusto Champagner trinkt oder Julius Streicher, Chefantisemit des Dritten Reiches, die Juden das Gras einer Wiese mit den Zähnen ausreißen lässt: Vor den Augen dieses Gottes ist das alles dasselbe, ausgezeichnet durch denselben Unwert.

Dabei ist dieser Erzähler kein zorniger Gott, schon gar kein barmherziger. Er wird von Hohn und Verachtung für diese Freaks geleitet, die da Weltgeschichte machen. Als fixe Idee durchdringt der Pazifismus jedes Material, das Nicholson Baker präsentiert - der böse Carl Schmitt hat demonstriert, wie dem Pazifisten, der den Krieg als solchen sich zum Feind nimmt, alle Wut des Kriegers zuwächst (eine These, die schön die Leserbriefe an die Zeitung belegen, wenn sie einen aktuellen Krieg im Namen des Friedens kategorisch verwerfen, voller Hass, Hohn und Verachtung…).

Der Hohn und die Verachtung, die Nicholson Baker in seiner Chronik über alle Akteure ausgießt - sofern sie nicht wie Gandhi, die Quäker, Christopher Isherwood et al. den bedingungslosen Frieden fordern - diese einsinnige Stilisierung bringt die Form der Chronik um ihren Effekt. Während die Hunderte und Aberhunderte von Seiten, auf denen Walter Kempowski seine Zeugen ohne Einmischung sprechen lässt, am Ende tatsächlich so etwas wie ein religiöses Gefühl, den Sinn und Geschmack fürs Unendliche entstehen lassen, den metaphysischen Elan vital, der die Menschheit weiterreden, weiterleben macht, im strikten Gegensatz dazu hat man den höhnischen Gott, den Nicholson Bakers Erzähler entwirft, schon nach wenigen Seiten satt und möchte ihm nicht lange folgen.

In seiner Belletristik, in Büchern wie "Rolltreppe" (1988) oder "Norys Storys" (1998) oder "Eine Schachtel Streichhölzer" (2003) hat Nicholson Baker unwiderstehlich gezeigt, welche Wunder sich poetisch mittels fixer Ideen wirken lassen. Mit "Der Eckenknick" (2004) griff er ins Feld des Wirklichen, der politischen Handlungsketten ein: Dass man die Originalbände aller Zeitungen in den Archiven leibhaftig aufbewahren muss, statt sie zu kopieren und so den Stauraum zu vermindern, diese fixe Idee verfolgte Nicholson Baker, als ginge es nicht um bedrucktes Papier, sondern um die wirkliche und wahrhaftige Auferstehung allen Fleisches nach dem Tod. Während der Leser die ganze Zeit erkennen musste, dass ihn diese Idee bei weitem nicht so innig zu bezaubern vermochte wie die Rolltreppe oder Norys Storys oder die Schachtel Streichhölzer.

Nicholson

Baker: Menschenrauch. Wie der Zweite Weltkrieg endete. Deutsch von Sabine Hedinger und Christiane Bergfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 640 S., 24,90 Euro.

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