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Medienrevolution „Wir brauchen eine publizistische Ethik“

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht in der FR über die permanente Gereiztheit der Gesellschaft.

Angela Merkel auf einem Treffen in Berlin
Fließende Grenzen zwischen Partei-Meeting und Party-Treffen: die Kanzlerin im Juni 2017 in Berlin. Foto: rtr

Professor Pörksen, Sie beschreiben unsere gegenwärtige Kommunikationskultur als „die große Gereiztheit“. Wollen Sie Krisenprophet oder Netzoptimierer sein? 
Ich suche nach einer ambivalenzfähigen Haltung gegenüber dem Internet und der digitalen Kommunikation, schon weil ich selber jeden Tag mehrmals von der Position des Apokalyptikers in die des Euphorikers falle und umgekehrt.

Was euphorisiert Sie?
Wie schnell ich an Informationen von höchster Qualität herankomme: Vorträge, Zeitungsartikel, Blog-Einträge ... Ich erinnere mich aus meinem Studium noch gut der Stunden verschwitzten Leidens am Kopiergerät. Oder der Literatursuche: Wie viel Zeit habe ich an irgendwelchen Karteikästen gestanden! Was war das für ein Warten auf Bücher, die sich nach ihrem Eintreffen über die Fernleihe der Unibibliothek als unbrauchbar erwiesen!

Und was verdüstert Ihren Blick am meisten?
Die Macht der Desinformation, die Leichtgläubigkeit, die Kloake aus Hass und die Gewalt eines Mobbing-Spektakels, das neuartige Asymmetrien zwischen Anlass und Effekt, Ursache und Wirkung offenbart. Da begeht jemand einen winzigen Fehler, sagt irgendetwas Unbedachtes, und dann macht man aus ihm eine Horrorgestalt, einen Informationszombie, der in endloser Folge mit seinem eigenen Zerrbild konfrontiert wird.

Gibt es für Sie eine ikonische Geschichte?
Den Fall Lisa. Das war das damals 13 Jahre alte russischstämmige Mädchen aus Berlin, das 2016 einen Tag lang von seinen Eltern vermisst wurde und der Mutter anschließend erzählte, sie sei von drei „südländisch aussehenden Männern“ entführt und stundenlang vergewaltigt worden. In welcher Geschwindigkeit diese Lüge sich über das Netz bis zu einem Konflikt auf Regierungsebene zwischen Deutschland und Russland hochgeschaukelt hat – das hat etwas bleibend Verstörendes.

Wie tiefgreifend ist der „digitale Wandel“, von dem alle reden?
Die Behauptung der „Zäsur“ gehört zur Standardrhetorik im lauten Nachdenken über die Gegenwart. Wer von einer Revolution unseres Lebens redet, macht dieses Leben, aber auch sich selbst interessant und aufregend. Deshalb ist mir das Getöse von einer „Medienrevolution“ zwar verdächtig. Und doch meine ich, dass es in der Tendenz zutrifft. Die gegenwärtige Gesellschaft wird durchgeschüttelt und geplagt von den Wachstumsschmerzen der Medienentwicklung, hin- und hergerissen zwischen Zuständen der Aufregung, Nervosität und Panik angesichts des Ausmaßes von Überreizung, Pöbelei und Hass und dem verzweifelten Bemühen, all das in den Griff zu bekommen. 

Nun wird niemand den Geist mehr zurück in die Flasche bekommen. Umso lauter tönt überall der Ruf nach Medienkompetenz. Stimmen Sie mit Ihrem Plädoyer für eine „redaktionelle Gesellschaft“ darin ein?
Ich kann das floskelhafte Kompetenzgerede mittlerweile nicht mehr ertragen. 

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