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Max Goldt "Räusper" Leise blubbern die Denkblasen

„Räusper“: Das erste Buch von Max Goldt mit Erikativ-Titel ist bilderlos, aber beredsam.

01.01.2016 14:54
Ulrich Seidler

Dass man der Zweitverwertung auch Freude und medienanalytische Einsichten abgewinnen kann, davon zeugt das neue Buch von Max Goldt. Und so viele er auch schon geschrieben hat: Es ist das erste Buch, das zu Ehren der Micky-Maus-Übersetzerin Erika Fuchs mit einem „Erikativ“ (scherzhaft für Inflektiv) betitelt ist. Es heißt „Räusper“, und dies, „obwohl das Räuspern aus logopädischer Sicht ein stimmhygienisch bedenklicher Vorgang ist“, wie uns der Autor in der Vorbemerkung wissen lässt.

Dass „Räusper“ als Titel eher geboten ist als andere, auch hübsche, aber unfeinere Inflektive – wie ächz, stöhn, gähn, grins oder grunz –, liegt am Inhalt. Max Goldt hat sich die Katz-und-Goldt-Comic-Strips wiedervorgelegt, die er als Szenarist zusammen mit dem Zeichner Stephan Katz seit Mitte der 90er Jahre in der „Titanic“, der „Zeit“ oder in Buchausgaben veröffentlichte. Und in diesen Comics wird sich sehr viel geräuspert: aus Verlegenheit oder Verdutzung, um Wortfindungsprozesse zu entschleunigen, um Abschweifungen aufzublasen, Rückblenden kollabieren zu lassen oder um Pausen miterlebbar zu machen.

Bildstarke Regieanweisungen

Bei „Räusper“ handelt es sich nun also um „Comic-Skripts in Dramensatz“. Es gibt in dem ganzen Buch kein einziges Bild. Stattdessen aber äußerst beredte und bildstarke Regieanweisungen, die die Haltung des zu sprechenden Textes vorgeben, wie etwa: „patriarchalisch“ oder: „irritiert, aber froh“ oder: „verträumt, die Anwesenheit seiner unfreundlichen Frau einen Moment lang vergessend“ oder: „nicht wissend, dass junge Leute oft nicht die geringste Ahnung haben, wenn es um Fragen der Gegenwart geht“ oder: „interessiert die Fleischtunnel-Einsätze in den Ohrläppchen des hinwegeilenden schönen Kellners betrachtend“. So gespannt wir auf die Umsetzung der Dramolette auf der Bühne sind, so sehr zweifeln wir doch daran, dass es Schauspieler gibt, die das so ausdifferenziert zu spielen vermögen. Die Stephan-Katz-Figuren konnten es.

Ein neben der Bebilderung zweites Ausdrucksmittel des Comics wurde von Goldt ins Drama gerettet: die Denkblase. Inhalte, die den Figuren durch den Kopf, aber nicht über die Lippen gehen, werden satztechnisch mit einem eigens von Buch-Innenausstatter Martin Z. Schröder entwickelten Zeichen markiert. Es besteht aus drei größer werdenen Kreisen, (etwa so „o0O“), die dem Gedachten vorausgehen, so dass man das leise Blubbern, das beim Denken entsteht, mitliest.

Die behandelten Gegenstände und Abläufe der kleinen Geschichten können als bekannt vorausgesetzt werden. Sie gehören zum kulturellen Kernbestand des Gegenwartsteilnehmers – ob es um Figuren wie den von einem Rasurüberfall in Mitleidenschaft gezogenen Hipster geht oder um die schriftstellerartige Person auf dem Weg zur Stiftung Lesehemd oder auch um den Typen in einer anti-heteronormativen Gaststätte, der sich zu einem versehentlich anwesenden Paar an den Tisch setzt und dessen heteronormativen Lebensentwurf zerschmettert, indem er zur Gattin spricht: „Ihr Mann ist doch eigentlich einen Zacken zu hübsch für eine Frau wie Sie.“ Letzter Hinweis: Langsam genießen.

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