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Max Annas und Mike Nicol Wenn die Hautfarbe alles entscheidet

In einem blutigen Südafrika spielen zwei neue furiose Thriller: „Die Mauer“ von Max Annas und „Power Play“ von Mike Nicol.

Allseits wird unter Kapstadts Dächern und in Kapstadts Straßen intrigiert, korrumpiert, bedroht, betrogen, erpresst – ermordet. Foto: Reuters

Es könnte auch der Auftakt zu einer schwarzen Komödie sein: Zwei Einbrecher finden in einer Kühltruhe eine Tote (sie ist trotz der Kühltruhe noch warm) und ehe sie sich davonstehlen können, kommen die beiden Täter zurück. Die Einbrecher verstecken sich im Kleiderschrank. Sie huschen rein, sie huschen raus, sie lugen ums Eck, wie gern würden sie endlich durch die Hintertür verschwinden. Indessen sucht ein junger Mann, dessen altes Auto liegengeblieben und Handy-Akku leer ist, Hilfe. Er wird für einen Dieb gehalten, er stößt auf ein Paar, das Sex hat und wird auch noch für einen Vergewaltiger gehalten. Er muss flüchten, sich verstecken und wieder flüchten, denn er kommt nicht einfach über „Die Mauer“.

Max Annas, der wegen eines Forschungsprojekts über südafrikanischen Jazz lange in Südafrika lebte, lässt seinen Thriller in einer Gated Community spielen, in der sich wohlhabende Weiße bewachen lassen und Schwarze meist nur als Dienstboten oder Sicherheitspersonal Zutritt haben. Das Einbrecher-Ehepaar ist schwarz, der junge Mann mit dem kaputten Auto ist schwarz – und sie wissen: Die Weißen trauen ihnen alles zu, der Sicherheitsdienst des Wohnviertels und die Polizei wird sie für Mörder und Vergewaltiger halten. Und im Zweifelsfall schießen, ehe sie fragen.

So geht es bald ums blanke Leben für das Trio, dessen Wege sich unerwartet kreuzen. Nur wenige Stunden sind der Zeitrahmen für „Die Mauer“, rasant wechseln die Perspektiven, filmisch folgt Gegenschnitt auf Schnitt, vom Schrank springt der Leser zum Busch, hinter dem der junge Mann sitzt, vom Busch zur Security-Mitarbeiterin, die auf die Videobilder des Wohngeländes schaut, von den Videobildern zu der Hausangestellten, die versucht, einen rabiaten Bürgerwehrler abzulenken, vom rabiaten Bürgerwehrler zu seinem Kumpel, der darauf brennt, einen Schwarzen abknallen zu können.

Hinreißend elegant

Max Annas Thriller ist hinreißend elegant konstruiert und leichtfüßig, aber nicht leichtgewichtig, ist lakonisch erzählt, ein bisschen sarkastisch. An keiner Stelle macht Annas den Rassismus, der eigentlich ja die fatalen Verwicklungen in Gang setzt, mit erhobenem Zeigefinger zum Thema – und doch ist eben dieser Rassismus durchgängig das Thema. Bis zum überraschenden, furiosen Showdown, bei dem die Hautfarbe alles entscheidet.

Gelegentlich ist eine gewisse rassistische Herablassung auch ein Problem für Mike Nicols zwei Bodyguards Krista Bishop – ihren Vater Mace kennt man aus anderen Nicol-Krimis, er hat sich mittlerweile auf den Caymans zur Ruhe gesetzt – und Tami Mogale. Doch sind sie vor allem mit Sexismus konfrontiert, weswegen sie sich eigentlich auf den Schutz von Frauen spezialisiert haben.

Dann aber werden sie erpresst, chinesische Geschäftsleute zu bewachen. „In Johannesburg hatten wir große schwarze Männer“, sagt einer der Chinesen zur Begrüßung. „Ich bin schwarz“, antwortet Tami. „Das sehen wir. Sie sind sehr nett. Sie sind besser für uns“. Die Herren meinen, den Escort-Service gleich mitgebucht zu haben. Sie werden ihren Irrtum noch erkennen.

Unangenehmer für die Personenschützerinnen ist, dass die Chinesen nicht wegen legaler Geschäfte gekommen sind. Und dass sich gleichzeitig in Kapstadt eine Art Bandenkrieg zwischen rivalisierenden Gangstern entwickelt. Die unteren Chargen schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein oder stechen sich ab. Die Oberen entführen und foltern schon mal den Teenager-Sohn des Konkurrenten. Eine Frau namens Tamora, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und von Gangsterchef Titus Anders über Jahre protegiert, eröffnet die Kriegshandlungen. Sie zielt auf seine Familie, auf die drei Söhne, auf die heißgeliebte Tochter. Aber auch Tamora hat ein Kind, wie Titus Anders wohl weiß.

Es geht bei diesem Machtkampf um den illegalen wie profitablen Handel mit Abalone, auch Seeohren genannt. Der in Kapstadt geborene und lebende Mike Nicol deutet an, dass auch südafrikanische Politiker ein Interesse an den (Schwarzmarkt-)Profiten haben. So mischen bald staatliche Stellen mit, der Geheimdienst sowieso – in Gestalt des Nicol-Lesern ebenfalls bereits bekannten, modebewussten und coolen Mart Velace. Allseits wird intrigiert, korrumpiert, bedroht, betrogen, erpresst – ermordet. Ein Menschenleben zählt nichts, wenn man nur einen Vorteil daraus ziehen kann, es auszulöschen. Und wie bei Max Annas überstürzen sich auch in „Power Play“ zuletzt die blutigen Ereignisse.

Max Annas: Die Mauer. Thriller. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2016, 224 S., 12 Euro.
Mike Nicol: Power Play. Thriller. Aus dem südafr. Englisch von Mechthild Barth. btb-Verlag, München 2016. 420 S., 9,99 Euro.

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