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Matthes & Seitz Die Menschen zum Denken bringen

Am Wochenende feiert Matthes & Seitz Berlin sein zehnjähriges Bestehen am Ort: Verleger Andreas Rötzer über die richtige Verlagsgröße, die berühmte Mischkalkulation und angstfreies Arbeiten.

„Oft ist es das Buch daneben, das den Erfolg hat“, sagt Andreas Rötzer, hier vor Ort bei Matthes & Seitz Berlin, Prenzlauer Berg. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Herr Rötzer, Matthes & Seitz pflegt das Schwierige.

Was bedeutet schon „schwierig“? Ist das nicht nur eine Ausrede, nicht denken zu müssen? Sich nicht auf Neues einlassen zu müssen? Sich nicht verunsichern zu lassen? Wenn dem so ist, dann ja, dann pflegen wir mit Überzeugung das Schwierige. Das war es, was mich schon als Teenager an den Büchern von Matthes & Seitz interessierte. Der Verlag hat mich in einer gewissen Weise geprägt. Jetzt präge ich ihn. Eine Konstante dabei ist vielleicht der Wunsch, die Menschen zum Denken zu bringen. Das ist manchmal anstrengend, aber wenn es gelingt, passiert etwas Großes.

Sie haben als Buchhalter des Verlages begonnen?

Genau.

Sie lasen die Bücher, liebten sie, und nun sollten Sie für Axel Matthes die von ihm verachtete Buchhaltung machen.

Buchhaltung kann man erlernen, das habe ich getan.

Wie haben Sie das ertragen?

Ich fand es schön. Buchhaltung muss aufgehen. Tut sie es nicht, haben Sie einen Fehler gemacht. Aber dieser Fehler ist auffindbar. Sie können ihn korrigieren. Das ist etwas sehr Schönes.

Ohne diese Erfahrung wären Sie wahrscheinlich kein Verleger geworden.

Es ging dem Verlag damals schlecht. Axel Matthes – das war ja bekannt – wollte verkaufen. Ich war dann damit beschäftigt, die Bilanzen und Unterlagen für potenzielle Käufer aufzubereiten. Ohne Erfolg, alle Verhandlungen scheiterten. Dann hatte ich meine Dissertation abgeschlossen und dachte: Versuch es doch mal. Ich machte Matthes ein Angebot. Die Berliner Bank und die Berliner Wirtschaftsförderung unterstützten das Vorhaben, und so wurde ich Verleger und kam nach Berlin.

Sie machen ein großartiges Programm. Aber bei keinem Titel denke ich, dass man damit dicke Gewinne einfährt. Zum Beispiel „Die Erzählungen aus Kolyma“ von Warlam Schalamow (1907–1982), das beeindruckendste Werk über den Archipel Gulag, eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts.

Fünf Bände der Gesamtausgabe sind bereits erschienen, knapp zweitausend Seiten, aber die Ausgabe ist noch nicht abgeschlossen, wir bereiten gerade den sechsten Band vor. Insgesamt bringen wir im Jahr 50 bis 60 Bücher heraus. Dieses Programm ist sehr vielfältig und setzt sich aus unterschiedlichen Elementen zusammen. Es gibt Titel, von denen man weiß, dass sie Verluste bringen werden, aber man möchte sie trotzdem machen. Dann macht man andere, bei denen man annimmt, dass sie helfen werden, die Verluste auszugleichen. Die berühmte Mischkalkulation.

Wie erkennen Sie den Titel, der Ihnen über die Verluste hinweghilft? Sie haben ja keine Rosamunde Pilcher im Programm.

Wir versuchen, jede Veröffentlichung so gut wie möglich zu begleiten. Aber das Wichtigste ist das Vertrauen in die Autoren und ihre Arbeit: Derzeit ist Esther Kinsky mit ihrem grandiosen Roman „Am Fluss“ für den Deutschen Buchpreis nominiert. Übrigens auch ein Buch, das Neues in die Welt bringt; dem deutschen Leser schenkt Esther Kinsky eine ganz bestimmte Form der Weltbetrachtung. Aber am Ende hängen wir, wie jeder Verlag, ab von der Lesergunst, von der Gunst der Buchhändler und derjenigen, die der Welt davon erzählen: den Journalisten. Das können wir alles nicht beeinflussen. Welches Buch dann die Hürde im Verkauf schafft, das ist, trotz aller Vorbereitungen und Mühen, unvorhersehbar und – Glückssache. Oft liefen gerade die Titel sehr gut, von denen wir uns wirtschaftlich wenig versprochen hatten. Schalamow zum Beispiel. Oder Jean-Henri Fabre, fünf Bände seiner „Erinnerungen eines Insektenforschers“ – eine einzigartige Mischung aus Literatur und Wissenschaft – sind bereits erschienen, insgesamt werden es zehn Bände. Aber auch unserer Reihe „Naturkunden“, herausgegeben von Judith Schalansky, sind ein Überraschungserfolg, darüber wirken sie stilprägend nicht nur in Deutschland.

Das nennen Sie also Mischkalkulation, wenn die Titel, die getragen werden sollten, die tragen, die sie tragen sollten?

Dann ist doch die Welt in Ordnung, oder? Man täuscht sich freilich nicht immer. Aber oft ist es das Buch daneben, das den Erfolg hat. Nehmen Sie den kleinen Roman des Norwegers Tomas Espedal, „Wider die Natur“. Das Buch ist ein toller Erfolg, den wir in diesem Frühjahr eher bei dem neuen Buch von Emmanuel Carrères, „Alles ist wahr“, erwartet hatten.

Ab wie viel trägt sich ein solcher Titel?

Das ist sehr unterschiedlich. Lizenzkosten, Übersetzungskosten, Aufmachung, Gemeinkosten, Ladenpreis. Zwischen tausend und viertausend Exemplare sind bei uns nötig.

Bei Schalamow müssen die Kosten doch enorm sein. Wie kamen Sie auf ihn?

Ich hatte ein Auswahlbändchen in einem Antiquariat entdeckt und Jahre später den bei Volk und Welt erschienenen Auswahlband gelesen. Als ich dann den Verlag übernahm, erinnerte ich mich an ihn und wollte ihn weiterlesen. So kam es zu unserer Schalamow-Ausgabe.

Aber Ihren Verlag zeichnet aus, dass Titel, die ich vor gefühlten einhundert Jahren las, immer noch zu haben sind.

Es gibt vierzig bis fünfzig Titel, die seit den siebziger Jahren im Programm stehen. Manche noch in der Erstausgabe wie zum Beispiel die Schriften von Laure, die Bataille so beeindruckte. Aber offenbar die Leser nicht. Einige der Bände von Bataille und Artaud liegen in Nachdrucken der Achtzigerjahre vor. Ich glaube, die Backlist ist wichtig für einen Verlag, der sich über seine Autoren definiert. Die Autoren verweisen auf einander. Es entsteht so etwas wie ein Kosmos. Im Grunde kann der Leser Bücher von Matthes & Seitz Berlin lesen und erfährt alles, was er wissen muss. Das ist mein Traum vom Verlagsprogramm. Sie finden darin das Große und Ganze, das Kleine, das sonst übersehen wird, die Häresie und die Scholastik, die Ekstase und die Disziplin.

Könnte ein Buch, das den Menschen in seinem physikalischen und chemischen Aufbau beschreibt, bei Ihnen erscheinen?

Inzwischen ja. Vor fünf Jahren wäre mir das wahrscheinlich zu materialistisch gewesen. Aber nehmen Sie ein Thema wie die virtuelle Welt. Roberto Simanowski stellt in seinem sehr erhellenden Großessay „Data Love“ eine Verbindung von Geistesgeschichte und den neuesten Entwicklungen von Big Data etc. her. Da verbinden sich Technik und die alten Themen von Matthes & Seitz. Wir leben in einer sehr interessanten Zeit. Dinge, die weit auseinander lagen kommen zusammen, verschmelzen. Ein Verlag ist ein Think Tank, der versucht, die Welt zu verstehen.

Was sind die neuen Themen in Ihrem Kosmos?

Betrachten Sie, was zum Beispiel das Max Planck Institut mit dem Internet der Tiere versucht. Eine digitale Erfassung der gesamten belebten Natur, um ihre Fähigkeiten für den Menschen nutzbar zu machen. Wer das Verhalten von Wasserschlangen beobachtet, kann sich vor einem Tsunami in Sicherheit bringen, einen Tag vor dem Vulkanausbruch laufen Ziegen den Ätna hinunter. Auch in dem Buch von Alexander Pschera, „Das Internet der Tiere“, das diese Entwicklungen zusammenfasst, kommen zwei Stränge unseres Programms zusammen. Technik und Natur, E-Book und Buch, unsere Reihen Naturkunden und Fröhliche Wissenschaft: Alte und neue Welt verbinden sich. Wir wollen verstehen, was derzeit ganz real vor sich geht. Darum machen wir Bücher: um selbst zu verstehen und in der Hoffnung, dass auch andere das verstehen wollen.

Sie haben u. a. den Südkoreaner Byung-Chul Han im Programm. Mich wundert, dass der Verlag nicht unterwegs ist, um andere Philosophen aus anderen bisher nicht wahrgenommenen Weltteilen zu suchen.

Mit den Bücher von Jean François Billeter und Richard McGregors Untersuchung der chinesischen Kommunistischen Partei sind wir derzeit in Richtung China unterwegs. Und mehr ist in Vorbereitung

Das sind Europäer, die über China arbeiten. Chinesen wären wichtig oder Philosophen aus der islamischen Welt. Gibt es keine afrikanischen Philosophen?

Wir sind sehr abendländisch. Das stimmt. Aber man kann nur über das sprechen, worin man sich auskennt, und man kann nur Bücher machen, deren Inhalte man beurteilen kann. Dennoch strecken wir die Fühler aus, derzeit bereiten wir einen Gedichtband mit der südafrikanischen Dichterin Antjie Krog vor. Wir haben lange über die afrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommissionen gesprochen. Das wäre zum Beispiel ein Thema.

Matthes & Seitz München war das Gegengift zur angeblich reinen Aufklärung der 68er. Als es mit 68 vorbei war, war es auch mit Matthes & Seitz vorbei. Man brauchte keinen Gegengift mehr. Sie haben den Verlag neu positioniert, sind ihm aber gleichzeitig doch auch auffällig treu geblieben.

Ich war, als ich anfing, das Programm zu machen, sehr dankbar dafür, dass es bereits Strukturen gab, auf denen ich aufbauen, von denen ich mich absetzen konnte. Jeder Verlag hat eine eigene Identität, die entsteht durch die durch ihn hindurchgegangenen Bücher. Diese Identität muss man als Verleger wahrnehmen, respektieren und entwickeln. Im Laufe der Zeit wird es zu einer gegenseitigen Anpassungsleistung. Aber das ist ein Prozess. Dazu kommt noch der Leser, der Erfolg, die vielen Misserfolge. Als Verleger hängen Sie am Tropf des Marktes.

In christlichen Kreisen wird gerne gesagt, man kann nur dann wirklich tolerant sein, wenn man fest von seinem Glauben überzeugt ist.

So würde ich das auch halten. Wenn man einen Kern hat, kann man sich überall hinbewegen, Ohne Angst. Das ist wichtig. Denken hat ganz wesentlich etwas mit Angstfreiheit zu tun. Und Verlegen mit Denken. Daran glaube ich.

Interview: Arno Widmann

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