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Maria Theresia Alle Ehre dem Hause Habsburg

Ein Meisterwerk: In ihrer exzellenten Maria-Theresia-Biografie erzählt die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger gleich ein Jahrhundert mit.

Maria Theresa
Maria Theresia feiert 2017 ihren 300. Geburtstag. Foto: imago

Entschlossener, aber sanfter Blick, eine graziöse, aber auch herrische Geste: So thront die Kaiserin mit breitem Becken am Ring in Wien, umstanden und umsessen von allegorischen Tugenden, von ihren klugen Verwaltern und Beratern, ihrem Leibarzt, ihren Feldherren und dem kleinen Mozart. Mit der Einweihung des wuchtigen Denkmals 1888 wurde die Erinnerung an Maria Theresia zu Stein. Jetzt verflüssigt sie sich wieder – nicht zuletzt angesichts einer exzellenten Biografie der münsterschen Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger.

Wer den gewichtigen Band mit seinen mehr als tausend Seiten – nominiert bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch – in die Hand nimmt, könnte fürchten: Da ist die Autorin womöglich selbst dem spätbarocken Hang zur Opulenz erlegen, der Maria Theresia auszeichnete. Aber weit gefehlt. In klarer, eleganter Sprache zeichnet Stollberg-Rilinger ein rundum überzeugendes Porträt der Herrscherin, flott, nirgends weitschweifig, ganz ohne Effekthascherei und frei von wissenschaftlicher Eitelkeit. Wer dem Buch so viele Lesestunden widmet, wie nötig sind, wird reich belohnt: Stollberg-Rilinger nützt die Chance des 300. Geburtstags Maria Theresias, ihren Lesern das 18. Jahrhundert zu erklären und damit die Grundlegung der modernen Staatenwelt.

Dabei kommt sie ganz ohne Kategorisierungen und Schlagworte aus; vom „aufgeklärten Absolutismus“ etwa ist im ganzen Buch nicht die Rede. Es reicht, Maria Theresias Denken und Handeln richtig zu verstehen. Die Begriffe stellen sich dann ganz von selber ein.

Generationen haben die Herrscherin – teils absichtsvoll – missverstanden: als weiblichen Gegenentwurf zu Friedrich dem Großen, dem kalten Zyniker, als bürgerliche Familienmutter, die sich lieber von Hausverstand und warmem Gefühl leiten lässt als von abstrakten Ideen. Aber nicht um das Wohl ihrer Kinder, das Wohl „des Landes“ und schon gar nicht um das Wohl ihrer Untertanen war es der Kaiserin in erster Linie zu tun. Ihr handlungsleitendes Interesse, weist Stollberg-Rilinger nach, war das Wohl des Hauses Habsburg. „Das Land“ gab es gar nicht. Das „allerhöchste Erzhaus“ war eine Art Holding, die das heterogene Imperium zusammenhielt. Es hatte keine gemeinsamen Behörden, keine einheitlichen Gesetze, keine gemeinsame Krone. Nicht einmal einen Namen.

Das Denkmal entstand, als das hoch feudale Haus Habsburg gerade als bürgerlich dastehen wollte. Schon zeitgenössische Besucher freuten sich über die besondere Gunst, wenn die junge Herrscherin sie mit ihren Kindern bekannt machte, sogar den ganz kleinen. Historiker des 19. und 20. Jahrhunderts deuteten solche Gesten als Ungezwungenheit und natürlichen Familiensinn. Stollberg-Rilinger widerspricht kühl: Die Kinder waren dynastisches Kapital und wurden, dem Geist der Zeit entsprechend, vorgeführt.

Noch aus den Briefen an ihre erwachsenen Söhne und Töchter, die anderswo regierten oder an fremde Höfe verheiratet waren, spricht eine überraschende Nähe. Aber auch der Terror der Intimität: Die Übermutter scheute vor keinem Druck, keiner moralischen Erpressung zurück, um die Söhne auf Linie zu bringen und die Töchter an die Dynastie und deren Interessen zu ketten. Maria Theresia spielte die Kinder gegeneinander aus, manipulierte sie, brachte sie mit widersprechenden Anforderungen in Gewissensnöte und äußerte sich gegenüber Dritten nicht selten abschätzig über sie. Ihre Bestimmung war, Habsburg Ehre zu machen. Sie hatten sich dem Wohl des Hauses selbstverständlich so unterzuordnen, wie die Kaiserin selbst es tat, selbstbewusst, standhaft, herrscherlich.

Das Verhältnis zu ihrem ältesten Sohn und Mitregenten, Joseph II., kann man sich als psychologisch dilettierender Leser des 21. Jahrhunderts lebhaft vorstellen: Der Junge soll erwachsen werden, aber die Mutter, eine überaus starke Persönlichkeit, will ihn nicht wirklich gehen lassen. Sie liebt ihn, aber tief drinnen misstraut sie seinen Fähigkeiten. Psychologisieren jedoch mag Stollberg-Rilinger nicht, wie sie es überhaupt geschickt vermeidet, ihrem Objekt je zu nahe zu treten. Der Hof, erklärt sie uns, hat eben seine eigenen, ganz ausgefeilten Regeln. Wer bis zur Person durchdringen will, muss die Regeln erst einmal alle verstehen – und scheitert am Ende dann daran, dass es zwischen Funktion und Person, öffentlich und privat, bei Hofe keinen Unterschied gab. Nicht Narzissmus ist also die Formel, mit der sich Maria Theresias zähes Festhalten am Thron erklärt. Maria Theresia geht es nicht um ihren Sohn, aber auch nicht um sich selbst. Es geht ihr um die Dynastie.

Auch für feministische Deutungen gibt Maria Theresias Lebenswerk nicht viel her. An der gottgegebenen Unterordnung der Frau unter den Mann rüttelten Maria Theresia und ihre Zeitgenossen keinen Augenblick. Nur gab es für die Menschen des 18. Jahrhunderts eben viele verschiedene Über- und Unterordnungen. Und die Devotion gegenüber dem Herrscher, der ausnahmsweise auch eine biologische Frau sein konnte, ging der in der Ehe eben voran.

Zwar kam es zu Konflikten zwischen Geschlecht und Herrscherrolle, worüber sich besonders das höfische Protokoll den Kopf zerbrach. Aber weil es Gott gefallen hatte, der dominanten Frau mit Franz Stephan einen gefügigen Gatten zur Seite zu stellen, blieb die nächste Umgebung von solchen Konflikten frei. Natürlich liebte es die Mitwelt, jede Entscheidung und jeden Charakterzug der Monarchin (und das Gegenteil) für „typisch weiblich“ zu halten. Das aber konnte ihr egal sein und war es auch. Wenn Maria Theresia sich für ihre „Mütterlichkeit“ preisen ließ, dann war das nichts anderes als das auf sie zugeschnittene Pendant zur Landesväterlichkeit aller anderen Herrscher.

Für die scharfe Unterscheidung schließlich zwischen einer frühen und einer späten Maria Theresia, zwischen der blutvollen, lebendigen, „sanguinischen“ und der bigotten, wankelmütigen, schwarzgalligen, lässt Stollberg-Rilingers Ansatz wenig Raum. Sie lenkte den Blick weg vom Charakter der Kaiserin und den trivialen Verhärtungen des Alters auf die Herrschertugenden. „Représenter par tout“, überall repräsentieren: Mit dieser Maxime ließ sich gegen Ende des Jahrhunderts kein Staat mehr machen, und so war der Generationsbruch zwischen Maria Theresia und Joseph II. zugleich ein Epochenbruch.

Die tausend Seiten sind überraschend schnell gelesen. Nirgends ermüden einen Literaturberichte oder methodische Erörterungen. Man lernt eine Unzahl Leute kennen, aber nie ist es reines Name-dropping, immer bekommen die Gestalten Farbe, erfährt man charakteristische Details. Die Autorin preist sich auch nicht selber für ihren Spürsinn beim Auffinden entlegener Quellen. Weil er so überzeugend in den Zusammenhang gestellt wird, ist man mit einem einzigen Kronzeugen, Maria Theresias Kammerherrn Johann Joseph von Khevenhüller voll zufrieden, und wenn der spröde Protokollant mal ein Kapitel lang nicht auftaucht, fragt man sich, wo er geblieben ist. So meisterlich, wie Maria Theresia die Interessen Habsburgs verteidigt hat, darf man sagen, so meisterlich hat Barbara Stollberg-Rilinger ihre Biografie geschrieben.

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