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Margherita von Brentano Philosophin mit Schnauze

Akademisches, Politisches, Persönliches: Margherita von Brentanos Schriften zeigen eine Generation in der Frauen in der Wissenschaft schon durch ihre Ausnahmestellung zum Thema wurden. Von Christine Pries

05.07.2010 00:07
Christine Pries
Emanzipiert und trotzdem elegant: Die Philosophin Margherita von Brentano. Foto: Piu Lieck

"Die Überwindung des Antisemitismus", "Die Situation der Frau an der Universität", "Die unbescheidene Philosophie" - Solche Titel klingen unspektakulär, doch wenn man die jetzt wieder zugänglichen Schriften der Philosophin Margherita von Brentano (1922-1995) liest, tritt einem sofort wieder die ganze Person vor Augen: die immer gradlinig argumentierte, aber trotzdem Humor hatte, die völlig emanzipiert war und trotzdem eine elegante Erscheinung, und die, die völlig versunken über das "hen" bei Aristoteles nachdenken konnte und trotzdem in ihrem roten Alfa über die Habelschwerdter Allee in Berlin sauste. Unter den Studenten wurde sie fast ehrfürchtig die "rote Maggie" genannt - wobei die Anspielung auf die britische Premierministerin Margaret Thatcher weder politisch noch optisch zu verstehen war, sondern sich auf die unbestechliche und wenn man so will "eiserne" Haltung bezog, die beide an den Tag legten.

Politisch stand Brentano am entgegengesetzten Ende des Spektrums. Sie war eine Linke und als solche an vielen der großen Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre beteiligt, als es etwa darum ging, den "Pluralismus" an den Universitäten gegen den Versuch von konservativer Seite zu verteidigen, Marxisten von akademischen Positionen fernzuhalten. Brentano war geistige Mutter der 1959 gegründeten Zeitschrift Das Argument, die aus dem Protest gegen die atomare Bewaffnung Deutschlands hervorging und noch heute von ihrem einstigen Schüler Wolfgang Fritz Haug herausgegeben wird. Mit ihrem damaligen Ehemann, Jacob Taubes, bildete Brentano eine Art Power-Paar, das aus den Reihen der Studentenbewegung zumindest Berliner Ausprägung nicht wegzudenken ist. Außerhalb Berlins war die Aristoteles- und Kant-Spezialistin trotz ihres berühmten Namens weniger bekannt.

Wie man aus dem persönlichen Teil von Brentanos Schriften erfahren kann, gehörte sie zu den wenigen Deutschen, denen der Jude Taubes überhaupt über den Weg traute. Die Schändlichkeit des Antisemitismus war schon 1941 für die 19-jährige arbeitsverpflichtete Straßenbahnschaffnerin ein Thema. Später nutzte Brentano ihre Position als Jugendfunkredakteurin beim Südwestfunk für aufklärerische Sendungen. Nach der berühmten Berliner Tagung zur Überwindung des Antisemitismus im Januar 1960, zu der Brentano die Presseverlautbarung schrieb, veranstaltete sie 1961 gemeinsam mit Peter Furth ein nicht weniger legendäres Seminar über "Antisemitismus und Gesellschaft", dessen Ergebnisse nun zumindest teilweise wieder nachlesbar sind.

In enger Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule und Hannah Arendt geht Brentano darin in großer Klarheit und bis heute nicht überholter methodischer Präzision den beiden als zu einseitig befundenen Interpretationsmöglichkeiten des Faschismus nach: einerseits der objektiven oder, wie man später sagen wird, funktionalistischen Sichtweise, die dem einzelnen Subjekt gegenüber dem Apparat keine große Verantwortung einräumt, und andererseits der stärker die moralische Verantwortung des Einzelnen betonenden Lesart, die jedoch Brentano zufolge den Faschismus wie eine "Naturkatastrophe" erscheinen lässt und damit seiner stets möglichen Wiederholbarkeit nichts entgegenzusetzen hat, weil sie seine objektiven Ursachen ausblendet. Noch nach ihrer Emeritierung und am Ende bereits schwer krank engagierte sich die ehemalige Heidegger-Schülerin an der Seite von Lea Rosh für das Holocaust-Mahnmal, dessen Fertigstellung sie nicht mehr erlebte.

Margherita von Brentano gehörte einer Generation an, in der Frauen in der Wissenschaft schon durch ihre Ausnahmestellung zum Thema wurden. Und in der Tat waren in ihren ersten Jahrzehnten an der Universität, von der Philosophie ganz zu schweigen, Frauen dort so selten, wie man sich das heute kaum noch vorstellen kann. Kaum vorstellbar sind heute auch die Dinge, die Brentano, die immerhin mal zwei Jahre Vizepräsidentin der Freien Universität war, in Gremien, Kommissionen und sonstigen universitären Zusammenhängen erlebte, wenn es zum Beispiel um Posten für Frauen ging. Im autobiografischen Teil ihrer Schriften erzählt sie freimütig darüber. "Wir haben doch schon eine Frau habilitiert", zitiert sie da etwa einen wohlbekannten und als liberal geltenden Ordinarius, der damit begründen wollte, dass man ja wohl nicht noch eine Frau habilitieren müsse - woraufhin Brentano, auch das unnachahmlich ihr Stil, sich erst mal einen "Kognak" genehmigen musste. Keine Frage, dass sie den Herrn umzustimmen wusste.

Friedlich ging es dabei nur in den seltensten Fällen zu. Margherita von Brentano ließ sich nichts gefallen, und mehr als ein Zeitgenosse kann sich daran erinnern, dass sie im krassen Gegensatz zu ihrer äußerlichen Damenhaftigkeit in Sitzungen auch gellend schreien konnte.

Vor den Karren des Feminismus mochte sich die aus einer streng katholischen Adelsfamilie Stammende, der immer im Bewusstsein blieb, von welch privilegierter Position aus sie gestartet war, aber ebenso wenig spannen lassen wie vor den "des" Marxismus. Brentanos Vater Clemens war in den 1920er Jahren Botschaftsrat am Vatikan und nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Deutsche Botschafter in Rom, ihr Onkel Heinrich Außenminister unter Adenauer, aber zum illustren Kreis ihrer Verwandten zählen auch Clemens, der Dichter, Franz, der Philosoph, Bernhard, der Schriftsteller, und Lujo, der Sozialreformer. Trotz ihrer Reserve gegenüber dem Feminismus als Bewegung war Brentanos persönlicher Einsatz, den Anteil von Frauen an der Universität zu erhöhen, enorm, wobei es ihr wie vielen ihrer Generationsgenossinnen weniger um theoretische Gender-Gerechtigkeit als um die ganz praktische Teilhabe von Frauen am Arbeitsprozess ging.

Um ihr eigenes "Werk" hat sich Brentano dagegen herzlich wenig gekümmert - weshalb es umso mehr zu begrüßen ist, dass dank des Engagements zweier ihrer Schüler und einer jungen Doktorandin die weit verstreut veröffentlichten akademischen Schriften und unveröffentlichten Manuskripte aus dem Nachlass dieser ungewöhnlichen Frau, ergänzt um Erinnerungsinterviews mit Weggefährten wie Dieter Henrich, Eberhard Lämmert, Michael Theunissen oder Hella Tiedemann-Bartels, jetzt in zwei schönen Bänden wieder greifbar sind.

Margherita von Brentano: Akademische Schriften. Hrsg. v. Peter McLaughlin. Wallstein 2010, 500 S., 34,90 Euro.Margherita von Brentano: Das Politische und das Persönliche. Eine Collage. Hrsg. v. Iris Nachum und Susan Neiman. Wallstein 2010, 542 S., 34,90 Euro.

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