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Margarita Broich: „Alles Theater“ Die Minuten danach

Die Schauspielerin Margarita Broich fotografiert seit Jahren Kolleginnen und Kollegen direkt nach dem Auftritt. Daraus ist ein wunderbarer, von Leben (und Theaterblut) nur so triefender Porträtband geworden.

Corinna Harfouch nach Heiner Müllers „Der Auftrag“, Marl. Foto: Margarita Broich

Einige sind wie ausgewrungen. Einige sind frisch, als fingen sie gerade erst an. Einige sehen unheimlich glücklich aus. Einige sehen unheimlich empfindlich aus. Einige posieren schon wieder, fidel, ironisch, elegisch, diesmal für die Fotografin. Andere sind so abwesend, als wären sie augenblicklich lediglich eine Hülle und der Mensch müsste erst wieder hineinschlüpfen.

Nicht allen ist etwas anzusehen. Sie sind Schauspieler.

Ihre Kollegin Margarita Broich fing vor Jahren an, sie direkt nach der Vorstellung nicht gerade abzufangen, aber doch um ein spontanes Foto zu bitten. Die besonderen, womöglich magischen Minuten danach wollte sie erhaschen, wobei es den Betrachtern überlassen bleibt, ob sie das auf jedem Bild erkennen. Wenn nicht, ist das nicht schlimm. Der kleinformatige, aber von Leben (und bisweilen auch Theaterblut) triefende Band „Alles Theater“, funktioniert auch als wundervolle Porträtsammlung: rücksichtsvoll und extrem privat zugleich, sympathisierend und neugierig, und mitnichten ungeschminkt.

Broich macht keine Schnappschüsse, das ist ihr wichtig: keine Überrumpelung, keine Indiskretion, jeder guckt in die Kamera und ist auf seine Weise sortiert. Martin Wuttke hat es geschafft, sich schon eine Zigarette anzuzünden, Ulrich Matthes hat bereits eine Zeitung vor sich. Judith Engel hat die Begrüßung mit ihrem Hund hinter sich. Die Bilder sind arrangiert, aber zügig arrangiert. Schauspieler können das.

Sie streife ungefähr eine halbe Stunde vorher hinter den Kulissen umher, um einen geeigneten Platz für das Foto zu finden, erzählt Broich hinten im Band. Neben den Bildern berichten die Schauspielerinnen und Schauspieler in Aufzeichnungen von Brigitta Landes – ausdrücklich nicht in dieser Situation entstanden, sondern bei den Proben, in der Kantine etc. – von ihrer Arbeit.

„Auf der Bühne kenne ich mich aus“, sagt Sophie Rois.

„Du spielst, als gingst du über einen gerade zugefrorenen See: wach und klar und niemals sicher“, sagt Corinna Harfouch.

„Natürlich spielen wir auch in den persönlichsten Momenten“, sagt Ilse Ritter.

„Selbst wenn wir traurig sind, machen wir Quatsch“, sagt Jürgen Holtz.

Es ist ein perfektes Bändlein auch für all jene, die nach dem letzten Vorhang den Zuschauerausgang benutzen müssen. Wie nebenbei lässt Broich unsereinen hinter, über, neben den Porträtierten in Garderoben linsen, in spröde Treppenhäuser, angefranste Gänge.

Nur zum Teil darf man sich dabei wohl die Chicness des Hässlichen vorstellen, meistenteils schaut man in die Arbeitswelt einer Branche, in der nicht jedes Jahr totalsaniert werden kann und deren Protagonisten an unglamouröse Räume zum Umkleiden und Entspannen gewöhnt sind.

Es wird gar nicht viel gelächelt im Buch, aber die Fotografierten sehen aus wie sehr beneidenswerte Menschen.

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