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Marcel Reich-Ranicki zum 90. Die Geschichte eines Triumphs

Marcel Reich-Ranicki war und ist der einflussreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik. Das ist ein Triumph. Nun wird er neunzig Jahre alt. Von Arno Widmann

Marcel Reich Ranicki wird am 2. Juni 2010 90 Jahre alt. Foto: ap

Marcel Reich-Ranicki wird am Mittwoch, 2. Juni, neunzig Jahre alt. Wir wünschen ihm und seiner Frau Tosia, dass es ihm so gut geht, dass er den Geburtstagswunsch "Du mögest 120 Jahre alt werden" mit amüsierter Skepsis und mahnend erhobenem Zeigefinger entgegennehmen kann.

Marcel Reich-Ranicki war und ist der einflussreichste Literaturkritiker der Bundesrepublik. Das ist ein Triumph. Ein Triumph über Hitler und über die Deutschen. Es war ja nicht so, dass die Mehrheit von ihnen nur im NS-Regime sich nicht hatte von einem Juden "ihre Literatur" erklären lassen wollen. Dass sich das änderte, ist unser Glück. So wurde - es dauerte lange, bis man das zu sehen begann - aus dem Triumph Marcel Reich-Ranickis auch ein Triumph der Deutschen. Es wäre Unsinn zu glauben, wir hätten das allein Marcel Reich-Ranicki zu verdanken.

Aber seine Liebe zur deutschen Literatur, das Temperament, mit dem er sich für sie einsetzte, hat viele gerade der Jüngeren beflügelt. Hitler ist Deutschland, hatte der Nationalsozialismus propagiert. Nicht unwichtige Teile der skeptischen Generation, die dem Krieg und dem tausendjährigen Reich gerade entkommen war, waren versucht, sich Hitler zu glauben und die ganze deutsche Geschichte und Kultur als Wegbereiter des Nationalsozialismus zu betrachten.

Marcel Reich-Ranicki zeigte ihr - nicht als einziger, aber doch mit besonderem Furor -, dass es eine deutsche Tradition gab, die - gäbe es denn so etwas - einen Impfstoff hätte abgeben können gegen die Hitlerei. Es waren keine unbekannten Namen, sondern die großen von der Weimarer Klassik bis Thomas Mann. Aber er las sie aufklärerisch, kritisch. Das ist das Stichwort.

In Frankfurt ist man versucht, bei Kritik sofort an Kritische Theorie zu denken. Mit ihr hat Reich-Ranicki nichts zu tun. Er hat wiederholt klargemacht, dass Walter Benjamin kein Kritiker war, jedenfalls keiner im Reich-Ranicki´schen Sinne. "Ein poetischer Denker" ist er in seinen Augen. "Sehen Sie sich an, was er besprochen hat von den großen Büchern seiner Zeit. Nichts, gar nichts. Nein, ein Kritiker war Benjamin nicht." Als ich Reich-Ranicki das das erste Mal sagen hörte, hatte er mich - ich war in der gegenteiligen Auffassung aufgewachsen - sofort überzeugt. Es stimmte, Benjamin hatte keinen Thomas Mann, keinen Musil, keinen Döblin besprochen.

Seine Brecht-Ausführungen waren wenig erhellend. Feuer fing Benjamin bei anderen, meist toten Autoren. Kein Vorbild für jemanden, der von der Kritik verlangt, dass sie im Handgemenge der Gegenwart sich bewege. Reich-Ranickis Argumente sind schlagend. Reich-Ranicki ist ein Meister der Evidenz. Wenn er auf etwas hinweist, dann kann man es sehen. Das ist eine Begabung, die sich voll entfaltet im Gespräch, in der Auseinandersetzung. Reich-Ranickis Kunst ist es, diese schlagende Evidenz auch in seinen Texten sprechen zu lassen. Das gibt ihnen eine Wucht, der schwer zu widerstehen ist.

Das erste Mal hörte ich von Reich-Ranicki von Adorno. "Lauter Verrisse", erklärte er uns im Seminar, sei kein Titel. Der Verriss sei kein eigenes Genre. In einer Sammlung nur Verrisse zusammenzustellen, sei kunstfeindlich. Das Buch war wohl, als Adorno uns davon erzählte, noch nicht erschienen. Wahrscheinlich hatte man im Suhrkamp Verlag über das Projekt, vor allem wohl auch über den Titel, heftig diskutiert. Die Kritik der Kritischen Theorie war eine Kritik, die etwas im Text Verborgenes aufdecken wollte. Die Oberfläche war dazu da, durchschaut zu werden.

Reich-Ranicki gehört dazu

Das ist das Gegenteil von dem, wie Reich-Ranicki Kritik versteht. Sein Anspruch auf Evidenz muss auf die Oberfläche setzen. Was er sagt, muss zu sehen sein. Wenn Reich-Ranicki schreibt, dass bei Martin Walser die Details genial seien, das Ganze aber eine Stümperei, dann hat er seine Arbeit getan. Adorno hätte interessiert, warum es sich so verhält. Er wäre nicht beim Konstatieren des Walser´schen Unvermögens stehen geblieben, sondern hätte es gelesen als Fingerzeig über den Zustand einer Welt, in der das Ganze ja tatsächlich das Unwahre sei.

Ich glaube, Adorno nannte damals nicht den Namen Reich-Ranicki. Freunde erklärten mir, wen er gemeint hatte. Ich war überrascht. Nahm Adorno einen Journalisten ernst. Ich las das Feuilleton der FAZ seit meiner Schulzeit. Ich liebte Karl Korn, ja auch Sieburg hatte ich schon geliebt. Karl Korns Besprechung von Rudolf Thieles Film "Wälsungenblut" hatte den 18-jährigen Schüler so sehr erregt, dass er bis heute davon weiß.

Ich hatte also seit Anfang der 60er Jahre auch Reich-Ranicki gelesen, aber ich hatte mir seinen Namen nicht gemerkt. Journalisten waren meines Erachtens keine Autoren. Sie waren Boten. Sie lasen ein Buch, gingen ins Theater oder ins Konzert, in eine Ausstellung, auf eine Pressekonferenz und erzählten, was sie gesehen und gehört hatten.

Ich bin immer noch dieser Auffassung. Aber inzwischen weiß ich, dass es Ausnahmen gibt. Journalisten also, die man nicht liest, weil sie in der Zeitung stehen, sondern um derentwillen man die Zeitung liest. Das sind ganz, ganz wenige. Reich-Ranicki gehört dazu. Ich habe mir gerade - das Internet macht es möglich - nach 45 Jahren noch einmal die Korn´sche Wälsungenkritik angesehen. Ich verstehe, was mich beeindruckte. Aber wie viel freier schreiben wir doch inzwischen! Einer, der uns den Weg ins Freie gewiesen hat, ist Marcel Reich-Ranicki.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Reich-Ranicki das Literatur-Ressort der FAZ übernahm.

Wer Reich-Ranicki sagt, der sagt auch Betrieb. Als er das Literatur-Ressort der FAZ übernahm, legte er Wert darauf, nicht nur für die Literatur, sondern auch für das "literarische Leben" zuständig zu sein. Für die Show also, für das Gewusel und Gewese der Autorinnen und Autoren, für den Kampf der Institutionen, fürs Geld und die Auflagen. Nichts lag Reich-Ranicki damals ferner als die Idee, die Texte verkehrten miteinander und die Autoren wären nichts als die Transportmittel dieser ätherischen Botschaften.

Für ihn war ein Text der Text eines Autors. Dem Kult des Textes, wie ihn die Avantgarde der fünfziger Jahre feierte, begegnete er nur mit Spott. Er mag darin eine Flucht vor der Verantwortung gesehen haben, die neueste Variante der Sakralisierung von Literatur, die er doch darum liebte, weil sie menschlich und nichts als menschlich war.

Zu dieser Menschlichkeit gehört - wer sich das Wort nur als Humanismus übersetzt, nimmt das nicht gerne zur Kenntnis - die Intrige. Der Spaß daran, Einfluss zu nehmen auf die Artgenossen, ihnen auch mal ein X für ein U vorzumachen, ihnen eine Nase zu drehen, gehört zum Betrieb und gehört zum Clownesken des Reich-Ranicki.

Ich erinnere mich, wie er bei einer Tagung der Bestenliste des SWR nahezu allein dastand mit seinem Vorschlag, nicht Peter Rühmkorf, sondern Urs Allemann den ersten Preis zu geben. Am nächsten Morgen teilte uns der Organisator der Veranstaltung mit, eine Mehrheit der Jury habe sich für Urs Allemann ausgesprochen. Wir starrten ihn entgeistert an. Er blickte auf Reich-Ranicki und erklärte uns, eine Telefonumfrage bei den auf der Tagung nicht anwesenden Mitgliedern der Jury habe zu diesem Ergebnis geführt. Ich glaubte ihm kein Wort. Niemand glaubte ihm, aber niemand - auch ich nicht - rebellierte.

Reich-Ranickis Hauptarbeitsinstrument ist immer sein Mundwerk gewesen, dann kommt seine Brille und dann das Telefon. Lange vor der Schreibmaschine. In dem von Frank Schirrmacher herausgegebenen Band "Marcel Reich Ranicki - Sein Leben in Bildern" ist ein Foto, das den Kritiker sich am Ohr kratzend zeigt, an einer Reiseschreibmaschine, telefonierend. Darunter steht "Beim Verfassen der Kritik über die Hundejahre von Günter Grass". Reich-Ranicki sieht keinen Sinn darin, sich an der Schönheit seiner Einsichten zu begeistern. Er muss sie mitteilen und durchsetzen.

Dies ausschließlich der schlagenden Evidenz seiner Argumente zu überlassen, ist er nicht naiv genug. Er hat Netze der Abhängigkeit geschaffen. Mit Charme und mit der Drohung des Entzugs desselben. Über viele Jahre küsste und schlug er. Er war der Dompteur im Löwenkäfig. Jeder Autor war stärker als er. Aber viele konnten es nicht sehen, so machte er sie abhängig von seiner mal peitschenden, mal zuckersüßen Zuwendung.

Den Lesern und mehr noch den Zuschauern und Zuhörern ging und geht es anders. Reich-Ranicki nennt bis heute dumm, was ihm dumm vorkommt. Als er dem Literarischen Quartett vorstand, nahm er kaum Rücksicht auf Gemütslagen des Publikums. Er überschwemmte es mit seiner Emotion. Die halbe Nation liebte es, auf den Wellen der Reich-Ranicki´schen Wallungen zu surfen.

Reich-Ranicki war unser Glück

Er führte vor, dass man nur rückhaltlos man selbst sein musste, um Zugang zu anderen zu gewinnen. Er wurde zum Rumpelstilzchen der Literaturkritik. Wir lachten über ihn und die überbordende Selbstverliebtheit, die drohte der Liebe zur Literatur den Graus zu machen. Dann aber war wieder ein Satz, mit dem er uns die Augen öffnete und wir standen da als die Dummen, die das Offensichtliche nicht gesehen hatten.

Reich-Ranicki war unser Glück. Er konnte es nur sein, weil er auch unser Unglück war. Er hat uns in der Kritik am hehren Kunstideal verstärkt und uns das atmende Leben der Literatur gezeigt. Aber er bestärkte uns auch in der Abwendung von der Avantgarde, von der Lust aufs gänzlich Neue. Intelligent hat ein Text zu sein, sagt er, aber niemals schwierig. Das ist das Rezept fürs Konventionelle. Das ist seit den 80er Jahren das Mantra des Kulturbetriebs. Reich-Ranicki hat dazu ein Gutteil beigetragen. Seine Intelligenz, seine Wachheit haben die Aufklärung gefördert und doch auch die Verdummung gedeckt.

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