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Marcel Proust Die wiedergefundene Zeit

Der Mann mit Bowlerhut und in perlgrauer Kleidung: Erstmals sind Filmbilder mit dem Schriftsteller Marcel Proust aufgetaucht.

In jenem Herrn mit dunklem Bowlerhut haben Literaturexperten jetzt den Schriftsteller Marcel Proust ausgemacht. Foto: screenshots

Eine Hochzeitsgesellschaft, anno 1904, vor der Pariser Pfarrkirche La Madeleine. Schaulustige säumen die Treppe, ein Gendarm hält sie zurück. Amtskettenträger gehen voraus, werden von zwei eilenden Fotografen überholt, dann folgen prächtig livrierte Diener und hinter ihnen das Hochzeitspaar, er im Frack, den Zylinder in der linken Hand schwenkend, sie an seinem Arm, weiß verschleiert. Dahinter weitere Paare, die Herren in festlichem Schwarz, die Damen von riesigen, blumenbeschmückten Hüten beschattet.

Nur einer geht allein. Da, in der 37. Sekunde des stummen Filmdokuments. Ein eleganter Mann von rund 30 Jahren, mit akkurat gestutztem Oberlippenbärtchen, dessen Bowlerhut und heller, perlgrauer Mantel ihn dandyhaft aus der Menge herausstechen lassen.

Es handelt sich, glaubt Jean-Pierre Sirois-Trahan, Professor an der Laval Universität im kanadischen, um Marcel Proust (1871-1922). Trahan hat den nur eine Minute und zwölf Sekunden langen Film im Nationalen Filmarchiv Kanadas entdeckt. Es wäre das erste und wohl auch einzige Bewegtbild des Autors von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, eine kleine Sensation.

Führende Proust-Experten, vom französischen Nachrichtenmagazin „Le Point“ befragt, stützen Sirois-Trahans Vermutung. Dass Proust in jenen Jahren nach englischer Façon Bowlerhut und perlgraue Kleider trug, sei aus zahlreichen Quellen bekannt, sagt Luc Fraisse, Leiter der „Revue d’études proustiennes“. Und dass man nun von sich behaupten könne, zu den Ersten seit seinen Zeitgenossen zu gehören, die den Dichter in Bewegung sehen, sei doch sehr bewegend, „wenn er nur die Stufen nicht so schnell heruntersteigen würde!“. Auch der Sorbonne-Professor Jean-Yves Tadié ist angesichts von Silhouette und Profil des einsamen Hochzeitsgastes überzeugt, dass es sich hier um den hoch verehrten Autor handelt. Dafür spricht nicht zuletzt, dass der kurze Film die Eheschließung von Armand de Gramont, des Herzogs von Guiche mit Élaine Greffulhe zeigt, er galt als Freund des Dichters, sie als Vorbild der fiktiven Oriane de Guermantes, der Tochter der alten Adelsfamilie aus den Kindheitstagen des „Auf der Suche“-Erzählers, welche die untergehende Welt des Fin de Siècle versinnbildlicht.

Ob dieser wiedergehobene Schatz es uns allerdings erlaubt, noch tiefer in jene verlorene Zeit einzutauchen, die Proust so feinnervig vorm geistigen Auge seiner Leser wiedererschaffen hat? Ob also das flüchtige Filmbild von den Treppen vor der Kirche La Madeleine, durch den Sehnerv geleitet, eine längst vergangene Epoche wieder ins Gedächtnis heben könne, als eine Art Zeitlupe in die Vergangenheit? Ähnlich jenes weltschöpfenden Bewusstseinsstroms, zu dem der Geschmack einer in Lindenblütentee getunkten Madeleine berühmterweise den Proust’schen Erzähler anregt?

Der Autor selbst hätte das wohl verneint. Marcel Proust war zwar ein fanatischer Sammler von Fotografien, häufig soll er sich Porträts jener gesellschaftlicher Größen erbeten haben, denen er in den Pariser Salons begegnete, und er ließ sich auch selbst oft und gerne in geschliffenen Posen ablichten. „Die Vergangenheit entflieht nicht“, schreibt er, „sie bleibt und verharrt bewegungslos.“ Wie eine Fotografie, möchte man ergänzen.

Doch dem bewegten Bild stand der Schriftsteller höchst kritisch gegenüber. Das Flimmern aus dem Projektor zeigt in seinem Verständnis gerade nicht, wie es wirklich gewesen war. Denn, „was wir die Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Verbindung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die uns gleichzeitig umgeben“, so schreibt Proust in „Die wiedergefundene Zeit“, dem abschließenden Band seines monumentalen Werkes. „Eine Verbindung, die bei einer einfachen kinematographischen Wiedergabe verloren geht, je mehr sie sich auf sie zu beschränken vorgibt – eine einzigartige Verbindung, die der Schriftsteller wiederfinden muss, um für immer in einem Satz die beiden verschiedenen Glieder miteinander zu verketten.“

Kurz: Der Film, zumindest in der dokumentarischen Tradition der Brüder Lumière, entbehrt für Proust der subjektiven Sicht, des Innenlebens, in dem eine Epoche erst zu ihrem Bewusstsein findet.

Die Geschichte der Verfilmungen nach Proust’schen Vorlagen scheint ihm recht zu geben. Sie besteht in der Hauptsache aus nicht realisierten Projekten, im Ansatz gescheiterten Versuchen und nur ganz wenigen vollendeten Werken, keines davon völlig gelungen.

Nun aber gebührt ausgerechnet diesem Fundamentalkritiker des Kinos ein eigener Eintrag in der Filmdatenbank „imdb.com“. Als eleganter Statist der von ihm beschworenen Ära, als Solitär inmitten gesellschaftlichen Trubels

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