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Marcel Beyer als Poetikdozent Es geht eine Träne auf Reisen

Euphorie, eine berühmte Frankfurter Adorno-Szene und die Erinnerung eines Augenzeugen auf dem Seziertisch: Der Schriftsteller Marcel Beyer hält seine erste Frankfurter Poetikvorlesung an der Goethe-Universität.

Marcel Beyer hält die Frankfurter Poetikvorlesungen im Winter 2016. Foto: imago stock&people

Das blinde (blindgeweinte) Jahrhundert“ heißt die Frankfurter Poetikvorlesung von Marcel Beyer, die gestern euphorisch begann. So euphorisch sei er beim Schreiben gewesen und bei der Vorstellung, die Frankfurter Poetikvorlesung zu halten, dass er sozusagen beim Zusammenknall der Euphorien zuletzt beim Friseur eingeschlafen sei, so Beyer.

Auch in der ersten Stunde, „Die Waffen von morgen“, ging es um ein physisches Phänomen, das Weinen, verbunden der Überprüfung einer noch dazu in Frankfurt berühmten Szene: der so genannten Busenattacke auf Theodor W. Adorno im alten Hörsaal VI (bis 2009 auch Ort der Poetikvorlesungen). Der bekannte ZDF-Geschichtsexperte Guido Knopp, führte Beyer nämlich aus – ohne den Namen zu nennen, glaube ich, aber um derlei Irrtümer ging es hier –, habe als Augenzeuge Jahrzehnte später berichtet, Adorno seien die Tränen gekommen. Von Jahr zu Jahr (einem Zeugnis zum nächsten) habe sich das gesteigert, zu vergossenen, kullernden Tränen, schließlich heraustropfenden Kullertränen.

Die „Idiotie des Augenzeugegewesenen“ zeige sich dabei also in Reinform, so Beyer unbarmherzig, um dann vielfältig und beziehungsreich zu spekulieren: Ob der mögliche Streich der Erinnerung (immerhin sei all die Jahre zuvor von Adorno-Tränen in dieser Szene nie die Rede gewesen) darin bestehen könne, dass sich Adamos (!) damals erfolgreicher Schlager „Es geht eine Träne auf Reisen“ dazwischen gedrängt habe. Oder ob womöglich eine von Georg Solti überlieferte Szene der Erinnerung des Fernsehgeschichtsexperten fälschlich aufgeholfen habe. Demnach hatte Adorno 1960 nach einem kurzen Vortrag auf der Frankfurter Opernbühne tatsächlich Tränen in den Augen. Auf einer Opernbühne, so Beyer, wundere ihn das freilich nicht.

Es ist hier schwer, nein, nicht möglich zu vermitteln, wie sorgfältig und kühl Beyer den Kasus auseinandernahm (während ihm ja nicht entging, dass das steile Ansteigen im Hörsaal ursprünglich den Blick auf den Seziertisch freimachen sollte). Wie er Adorno auch de facto in Schutz nahm vor den verspäteten Erinnerungen irgendwelcher Leute, ebenso vor dem im Hörsaal damals entstandenen Schnappschuss. Ein Wort, dessen Grauen sich nach und nach entfaltete.

Nächsten Dienstag soll Rilkes Grab besucht werden, in Begleitung Helmut Kohls. Das darf man sich nicht entgehen lassen.

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