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Malla Nunn „Zeit der Finsternis“ Als die Karten gezinkt waren

Details des Schreckens: Malla Nunns Kriminalroman „Zeit der Finsternis“ spielt im Apartheid-Südafrika.

Festnahme während der Unruhen in East London, Südafrika, 1952. Foto: AFP

In der beeindruckenden Vielfalt und Qualität südafrikanischer Kriminalliteratur hat Malla Nunn eine eigene Ecke: die des historischen Krimis. Bei ihr aber ganz unverstaubt. In den fünfziger Jahren ermitteln Detective Sergeant Emmanuel Cooper, weiß, und Detective Constable Samuel Shabalala, schwarz und von der sogenannten „Native Detective Branch“.

Es ist die Zeit der heute glücklicherweise absurd erscheinenden Rassegesetze, der strikten Trennung, der regelmäßigen Schikane. Es gab, 1952 erlassen, den Group Areas Act, der den Rassen bestimmte Wohnbezirke zuwies. Es gab, nur für nicht-weiße Männer, das „Passbuch“, in dem nicht nur die Gebiete eingetragen waren, die der Träger betreten durfte, sondern auch alle seine Arbeitsverhältnisse. In den 50ern sollte es auch auf Frauen ausgedehnt werden. Es gab sowieso das Verbot gemischter Liebesbeziehungen und Ehen. Es gab ständige Kontrollen, eine Terrorherrschaft.

Der Apartheid wegen emigrierte die Familie von Malla Nunn in den siebziger Jahren nach Australien; mit Mann und Kindern lebt die Autorin in Sydney, wo sie sich auch mit Dokumentarfilmen einen Namen machte. Anders als der große südafrikanisch-australische Krimiautor Peter Temple, dessen Bücher fast ausschließlich in Australien spielen, wirft Malla Nunn einen scharfen Blick zurück in eine schlimme Zeit, von der sicher auch ihre Eltern erzählten (von Nunn ist kein Geburtsjahr im World Wide Web zu finden). Der in südafrikanischer Geschichte unbedarften Leserin öffnet sie – öffnet außerdem ein feines Glossar am Ende des Bandes – die Augen für diese „Zeit der Finsternis“.

Dies ist der deutsche Titel des im Original „Present Darkness“ überschriebenen vierten Roman um DS Emmanuel Cooper; in der Ariadne-Reihe (nur Autorinnen) des Argument-Verlags erschien bereits Band drei, „Tal des Schweigens“. Die beiden Vorgänger brachte 2009 und 2011 Rütten & Loening heraus.

Die Ausgangssituation von „Zeit der Finsternis“ kommt einem bekannter vor, als man möchte: Ein weißes Ehepaar wurde in seinem Haus überfallen, der Mann ist tot, die Frau sehr schwer verletzt, die Tochter gibt an, es seien zwei von den schwarzen jungen Männern gewesen, die ab und zu bei dem Paar zum Essen eingeladen sind. Der Leiter der Ermittlung findet das nur logisch; Cooper und Shabalala aber schon deswegen nicht, weil einer dieser jungen Männer Shabalalas Sohn Aaron gewesen sein soll. Und warum überhaupt sollten sie diejenigen berauben und töten, die doch hochanständig zu ihnen waren?

Die Karten sind, das kann man sich denken, gezinkt. Cooper möchte helfen, muss aber äußerst vorsichtig sein: Er lebt heimlich mit Davida, einer Schwarzen, es gibt ein gemeinsames Kind. Die Angst vor Entdeckung spielt immer mit, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Malla Nunn versteht sich vor allem darauf, die Nuancen der Angst – bis zur Panik – zu schildern. Im ersten Morgengrauen kommt die Staatsgewalt, „drei Männer in schwarzen Anzügen“ und mit „heruntergezogenen Fedoras“, um Cooper mit Davida zu erwischen. Der Vorgesetzte versucht es, da er keine Beweise hat, auch mit Psychoterror.

Thrillerautoren wie Roger Smith, Mike Nicol, Deon Meyer gehen der Gewalt im heutigen Südafrika nach, die immer noch Wurzeln im Rassismus, aber auch in der heutigen Korruption hat. Malla Nunn zeichnet in überzeugendem Detail die Schrecken eines Apartheid-Regimes, einer Gesellschaft der Unterdrückung und Benachteiligung. Ihre Hauptfigur wurde im Weltkrieg, aber auch in einer Kindheit im Slum Sophiatown gehärtet. Cooper ist kein Ritter in blitzender Rüstung, aber korrekt genug in einer überwiegend rassistischen, übergriffigen Polizeitruppe. Zusammen mit seinem Kollegen Shabalala müssen sie vor allem unauffällig sein in dieser „Zeit der Finsternis“.

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