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Männerflut

Anna Kaleri hat entweder Erfahrung - oder sie simuliert gut

07.07.2004 00:07
WERNER JUNG

Gezählte 49-mal beginnen die Texte im Erzähldebüt der 1974 geborenen Anna Kaleri, einem schmalen Bändchen mit kurzen Prosatexten, ja kürzesten Miniaturen - Fingerübungen einer liebes- und beziehungsgestörten Erzählerin - , mit der Eingangsfeststellung "Es gibt diesen Mann". Manchmal noch mit diversen Zusätzen und Appositionen, manchmal einfach bloß so - punktum, als Hauptsatz. Immer derselbe und immer ein anderer! Dann gibt es daneben auch noch, nämlich elfmal, eine Bank, einen Albtraum, eine Frau und einen Berg, einen Garten und eine Tür, schließlich - reichlich gegen Ende hin, was poetologisch aufschlussreich sein dürfte, weil die Erzählerin diesen Text Peter Bichsel widmet - fügt sie noch die Feststellung hinzu: "Es gibt diesen Mann. Ich kenne ihn flüchtig und es kann durchaus bezweifelt werden, dass es diesen Mann gibt. Er ist umgeben von einer Wolke des Aftershaves, das Frauen provoziert, und er trägt einen dunkelgrauen Anzug und darunter ein Hemd in der Farbe erfolgreichblau und wenn er auch vom Leben inhaltlich nicht genau weiß, was es ihm bringen soll, so doch formal".

Mal gelungen-witzig, mal schnodderig, mal sehnsüchtig, dann wieder gewollt cool, dabei immer auf der Suche nach dem richtigen und dem geglückten Augenblick mit ihm, was natürlich niemals gelingen kann, aber Ansporn genug ist. Ein Geschichtchen, "Virtuell", beginnt wie gehabt: "Es gibt diesen Mann", der diesmal von der Erzählerin selbst für einen großen Erzähler gehalten wird, "obwohl er noch nie etwas geschrieben hat"; sie endet dami - déformation professionelle aller Intellektuellen -, dass die beiden die Kunst beherrschen, sich "tief zu berühren, ohne uns dabei anzufassen": "jeder hat seine eigene Geschichte im Kopf, und dieser Mann hat überhaupt soviel Kopf, sogar im Schwanz, dass er sich lieber zurückzieht, wenn es zu real wird." In einer anderen Geschichte, "Nackt", steht eben dieser Mann geradeso und ebenso plötzlich vor der Erzählerin. "Sein Schwanz zielte auf mich und sah nicht gerade freundlich aus. Ich hatte erfahren, wie unerträglich und fast schmerzhaft dieser Zustand sei, ich wollte gerade dem Wischmopp die Flusen ausrupfen."

Ach ja, und gäbe es diesen oder einen anderen jener Männer nicht, wer weiß, ob uns die Erzählerin dieses Bändchen überhaupt hätte bescheren können. Wir wünschen uns und ihr jedenfalls, dass sie bei der Suche auf anderen Feldern erneut prosafündig wird: dann hoffentlich auch mit längeren Texten.

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