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"Madonna im Pelzmantel" So schüchtern in der wilden Stadt

Sabahattin Alis Liebesgeschichte aus den 20ern geht auch der Frage nach, warum ein kluger Mann sich schikanieren lässt.

17.10.2008 00:10
MAIKE ALBATH

Raif Efendi ist ein stiller, zurückhaltender Familienvater, der in einer Firma als Übersetzer arbeitet und gewissenhaft seine Pflichten erfüllt. Sein stoischer Gleichmut scheint bei den Vorgesetzten Wutanfälle und Drangsalierungen zu provozieren. Aber Raif Efendi lässt sämtliche Beschimpfungen stumm über sich ergehen, beinahe so, als verdiene er die Demütigungen.

Überrascht beobachtet der Ich-Erzähler in Sabahattin Alis Roman "Die Madonna im Pelzmantel" das Verhalten seines Zimmergenossen. Warum lässt sich dieser kluge Mann so schikanieren? Als der ältere Kollege, der hervorragend Deutsch spricht und in seiner Jugend einige Zeit in Berlin gelebt hat, immer häufiger erkrankt, sucht ihn der Erzähler zu Hause auf.

Auch hier ist sein Bekannter der Sündenbock: Frau, Kinder und Verwandte behandeln ihn mit herablassender Verachtung. Sein Zustand verschlechtert sich, und eines Tages bittet der Kranke den jüngeren Freund, seinen Büroschreibtisch auszuräumen und ihm den Inhalt mitzubringen. Dabei findet sich ein schwarzes Schulheft, das verbrannt werden soll. Aber der Erzähler fragt Raif Efendi, ob er es für eine Nacht haben dürfe. In diesem Heft, so spürt er, verbirgt sich das Geheimnis des einsamen alten Mannes.

Was 1940 in Fortsetzungen in der türkischen Zeitung Hakikat erschien und auf den ersten sechzig Seiten wie ein Büroroman im Stile Italo Svevos daher kommt, entpuppt sich als große Liebesgeschichte, Charakterstudie und Metropolenporträt in einem. Hauptschauplatz ist das Berlin der goldenen Zwanziger, und die vibrierende Intensität der Stadt lädt auch die Beziehungen auf. Sabahattin Ali, Jahrgang 1906, als sozialkritischer Schriftsteller starken Repressionen ausgesetzt und mit einundvierzig Jahren auf der Flucht ins Exil unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet, wird in seiner türkischen Heimat erst seit kurzem als literarische Leitfigur wieder entdeckt. Der Autor war in seiner Studienzeit Stipendiat in Berlin gewesen und hatte nach seiner Rückkehr in die Türkei nicht nur als Deutschlehrer gearbeitet, sondern auch Lessing, Chamisso und Rilke ins Türkische übersetzt.

In "Die Madonna im Pelzmantel" wird sein Berliner Aufenthalt zum Kern der Existenz seines Helden. Obwohl der Ich-Erzähler so weitschweifig von seiner Bekanntschaft mit Raif Efendi berichtet, stellt die Büroepisode nur die Rahmenhandlung dar - den größten Teil des Romans nimmt das Schulheft ein, in dem Raif selbst als Erzähler in Aktion tritt. Dennoch haben die ersten sechzig Seiten eine dramaturgische Funktion: Auf die Außenschau, die der Leser aus der Perspektive des jüngeren Kollegen erlebt, folgt die Innenschau, bei der man durch innere Monologe direkt am Gefühlsleben Raifs teilhat. Seite um Seite gewinnt die Figur an Komplexität. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsbogen, da man, ebenso wie der jüngere Bürokollege, in der Vergangenheit den Grund für Raif Efendis Gebrochenheit vermutet.

Raif blättert die Geschehnisse aus der Retrospektive auf. Er geht streng mit sich ins Gericht und entwirft ein ungeschöntes Psychogramm. Es ist das Bild eines typischen Jünglings der Jahrhundertwende, wie man ihm bei Thomas Mann häufiger begegnet: ein beinahe willenloses Geschöpf von krankhafter Schüchternheit, das sich auf keinen engeren Kontakt mit seiner Umgebung einlässt und in einer Art Lebensabstinenz verharrt.

Auch in Berlin, das den 24-jährigen Raif zuerst begeistert, löst sich diese Angststarre nicht auf. Raif lernt die Sprache, geht auf Anweisung seines Vaters in einer Seifenfabrik in die Lehre und stromert durch die Stadt. Eines Tages entdeckt er in einer Galerie das Selbstporträt einer jungen Frau im Pelz und ist wie vom Donner gerührt. Täglich sucht er das Bildnis der "Madonna im Pelzmantel" auf. Als er der Malerin dann begegnet und mit ihr Freundschaft schließt, scheint sein Dasein zum ersten Mal einen Sinn zu haben. Aber Maria Puder ist ebenfalls ein Kind ihrer Zeit, pocht auf ihre Unabhängigkeit und glaubt nicht an die Liebe. Es entspinnt sich ein tragisches Hin und Her, bei dem immer wieder Skepsis und Angst die Oberhand gewinnen, bis das Glück zum Greifen nahe zu sein scheint und doch wieder verfliegt.

Sabahattin Ali versteht es, von den Gezeiten der Psyche zu erzählen. Sein Ton ist ebenso diskret und spröde wie der Charakter seines Helden, und das verleiht dem Roman seine Wirkung. Vor allem Stimmungsschwankungen und kleine atmosphärische Verschiebungen sind großartig beschrieben: wie die Luft eines Zimmers plötzlich kalt wird und der Blick sich abwendet, wie "seine Seele wie ein Holzwurm" an Raifs Selbst nagt und jede Spontaneität abtötet, wie die frenetisch feiernden Menschen in einem Berliner Ballsaal bei Raif Verzweiflung hervorrufen, wie Maria abwechselnd kühl und bedürftig ist.

Die qualvolle Selbstbespiegelung Raifs ist kaum mehr als ein Fluchtimpuls. Trotz ihrer großen Leidenschaft füreinander, die dem Leser indirekt vermittelt wird, findet das Paar zu keinem erlösenden Einklang. Aber die Erfüllung interessiert den türkischen Romancier auch gar nicht; ihm geht es um das Scheitern.

Sabahattin Ali: Die Madonna im Pelzmantel. A. d. Türk. v. Ute Birgi-Knellessen. Dörlemann Verlag, Zürich 2008, 255 Seiten, 19,80 Euro.

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