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Lyriker Albert Ostermaier Metaphern statt Metastasen

Es ist schlicht eine unglaubliche Geschichte, die Albert Ostermaier in seinem Künstlerroman „Schwarze Sonne scheine“ erzählt. Sie ist so unglaublich, dass man schon wieder glauben muss, dass das alles nur wirklich passiert sein kann.

„Ich hatte begonnen, diese Angst wie eine finstere Leidenschaft zu lieben“, schreibt Albert Ostermaier. Foto: dapd

Die Geschichte, die dieser Roman erzählt, es ist der zweite des Lyrikers und Dramatikers Albert Ostermaier, ist so haarsträubend unwahrscheinlich, dass man sie einfach nicht glauben kann und will. Ist es wirklich denkbar, dass ein junger deutscher Mann im ausgehenden 20. Jahrhundert sich so sehr einem katholischen Abt zugehörig fühlt, dass die Befreiung nur unter größten Schmerzen stattfinden kann? Ist es denkbar, dass dieser Abt, aus Gründen, die wir nie erfahren, eine Ärztin mit einer Untersuchung seines Schützlings beauftragt? Und dass bei dieser Untersuchung dann herauskommt, fast wirkt das schon wieder zwingend, dass der junge Mann dem Tod geweiht ist?

Ist es weiter vorstellbar, dass er nie richtig nachfragt, was er eigentlich hat? Ist es wirklich denkbar, dass er, seine Familie und in gewisser Weise sogar seine Freundin bei einem Spiel mitspielen, das da lautet: Wenn du nicht sofort nach Atlanta gehst, um dich dort behandeln zu lassen, wirst du sterben? Ist es nachvollziehbar, dass sich dann irgendwann herausstellt, dass diese Ärztin gar keine Ärztin ist und der Abt mit ihr gemeinsame Sache macht?

So viel abgefeimte Bosheit, aber warum, wofür, mit welchem Ziel? Ist es denkbar, dass der junge Mann sich lange Zeit von keinem anderen Arzt untersuchen lässt? Und ist es dazu wahrscheinlich, dass sich das alles für ihn dann wirklich zu einer gewaltigen, bedrohlichen Lebenskrise auswächst, aus der es keinen Ausweg mehr zu geben scheint?

Es ist also schlicht eine unglaubliche Geschichte, die Albert Ostermaiers „Schwarze Sonne scheine“ erzählt. Es ist so unglaublich, dass man schon wieder glauben muss, dass das alles nur wirklich passiert sein kann.

Ostermaier besetzt in der deutschen Literatur eine bemerkenswerte Position. Er ist der letzte Sänger. Er ist ein überschwänglicher Barde, der fortwährend sein Herz ausschüttet, Wärme und Verzweiflung verströmt und die Welt umarmt. So einer läuft ständig Gefahr, kitschig und peinlich zu sein. Aber Ostermaier ist nicht der Mann, sich davon einschüchtern oder die Sprache verschlagen zu lassen.

In diesem Buch geht es ums Ganze, ums Gelingen des Lebens. Daher die Todesangst

Und er hat ein Gegenmittel. Er verfügt über die metaphorischen Möglichkeiten der Sprache wie kein anderer Dichter seiner Generation (er wurde 1967 geboren). Ostermaier ist ein Schriftsteller, der unentwegt Wörter findet und erfindet. Wer spricht schon von „Bandsalatbalsam“, wenn es um den verwickelten Trost geht, den Anrufbeantworter manchmal spenden können? Ostermaier schöpft aus einem neobarocken Sprachüberfluss, er ist ein echter Übertreibungskünstler. Das macht dieses Buch manchmal ausgesprochen komisch, gerade wenn der Erzähler sich mit Hingabe in Leid und Verzweiflung ergeht.

Dazwischen, das sei nicht verschwiegen, hat das Buch auch Schwächen. Der Sinn der Einsprengsel über den Krieg im Irak und andere politische Ereignisse offenbart sich nicht. Sie stören, da alles was geschieht, Teil des inneren Dramas wird. Das wirkt vor dem Hintergrund eines realen Krieges unangemessen.

Ostermaier weiß aber auch, dass er sich und seine Sprache zähmen muss. Manchmal gelingt ihm das auf wunderbare Weise, dann findet er einen kreisenden, stimmigen Ton. Unter den vielen kleinen Geschichten, die das Buch erzählt, gibt es etwa die von „Blümchen“. Dieser Blümchen lebte ein verträumtes Wagner-Leben in seinem Häuschen, das das Haus der Eltern des Erzählers war. Hier baute Blümchen ein kleines, selbsterbautes Wagnertheater auf, und er „inszenierte er in seinen vier Wänden den Ring, während sich der Ring um ihn immer enger schloss.“

Dieser Mann, der mit Wagner an Krebs starb, wird emphatisch als Künstlerexistenz beschrieben, es ist ein abgeschiedenes, zartes Alter Ego, dem Ostermaier ein berührendes Porträt widmet. Es kulminiert in den Sätzen: „Wenn ich am Schreibtisch saß, dachte ich oft an ihn und wusste, dass ich meinen Kampf nicht verlieren wollte, nicht meine Kunst nach innen treiben wollte, bis sie Metastasen statt Metaphern trieb.“ Das genau ist der Kampf dieses Buches.

So spiegelt sich der Erzähler dauernd in anderen Künstlerexistenzen, das gesamte Buch ist wie eine Wiederholung durchlittener Künstlerleben. In Venedig denkt man an den dortigen Tod, im Jemen an Rimbaud, man denkt dauernd an Kafka, Beckett, Heiner Müller und viele andere.

Hinter oder neben der Krankheits-Story und der Geschichte des katholischen Abts, der den jungen Mann nicht aus seinen Fängen entlassen will, führt Ostermaier so noch ein anderes Drama auf. Er schreibt noch einmal eine große éducation sentimentale, er lässt jenes verschwindende Genre, das einmal die Königsdisziplin aller wirklich Schreibenden war, in offen ausgetragener Todesangst kulminieren.

Die Hypochondrie wird hier Stilmittel. „Aber ich hatte begonnen, diese Angst wie eine finstere Leidenschaft zu lieben, das Besondere, die besondere Krankheit, die mich unterschied, ich war anders als die anderen, und wenn ich das überlebte, wäre das der Anfangsakkord meines Werkes.“

Das Buch ist ganz aus dem Moment heraus geschrieben, wo es ums Ganze geht: das Leben, das gelingende Leben, das Leben als Künstler. Daher die Todesangst. Es ist der große Wortschwall der Künstlerwerdung, ein offen aufgeführtes Psychodrama, eine Operation am offenen Herzen. Es ist der Reflex jener Frage, die bei Ostermaier noch einmal die Welt erschüttert: Darf ich überhaupt Schriftsteller sein? Das ist in der Tat eine Infektion.

So ist „Schwarze Sonne scheine“ ein schönes, trauriges und hochnotkomisches, ein absurdes, ein verzweifeltes und warmes Buch geworden.

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