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Lyrik Einübung in Tapferkeit

Zum hochambitionierten Gedichtband „Die romantischen Hunde“ von Roberto Bolaño.

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,Als wenn ich Flügel hätte', hier: Schauspielerin Nicole Richie. Foto: Kevin Winter (Getty Images North America)

Spätestens seit der Übersetzung seines Romans „2666“ wurde der gebürtige Chilene Roberto Bolaño auch in Deutschland bekannt und als mitreißender Schriftsteller gefeiert. Er, der in Mexiko-City aufwuchs und mit seiner Familie nach Katalonien auswanderte, stets an Geldmangel litt, unablässig schrieb und mit fünfzig Jahren in Barcelona an Leberzirrhose starb, konnte so herrlich seine Leidenschaft für Literatur, Sexualität und Reisen ebenso wie seine tiefe, immerwährende Verzweiflung zum Ausdruck bringen.

Kürzlich ist bei uns ein Gedichtband von ihm erschienen. Bereits der Titel – „Die romantischen Hunde“ – ist poetologisches Programm. Diese Hunde sind gänzlich instinktgeleitet, aber als Nachfahren der Romantiker für die Unendlichkeit überaus empfänglich wie einst bei Lautréamont, wo sie des Nachts den Himmel anheulten. Bedingungslos irdisch, den Boden erschnüffelnd, führen diese Gedichte den Leser durch verschiedene Szenarien und Erfahrungen. Es geht um das spanische Exil, die politischen und literarischen Hoffnungen der Lateinamerikaner, das wiederholte Motiv der Detektive, die etwas auf der Spur sind, um die seltene Fähigkeit, auf dem Orkan zu reiten. Bolaño will wohnsitzloser Vagabund sein, die Todesnähe beherzt vor Augen. Notieren, wenn der Regen der einzige Gesprächspartner ist. Er weiß, dass die Schönheit nur den Liebenden sichtbar ist, und sucht angesichts der Katastrophen einen Schutzmantel aus Phantasie. Er liebt das Paradox, spricht vom sinnlosen Traum der Tapferkeit und beschreibt die menschlichen Angelegenheiten als „fröhlich, ja, wüst / Aber endlich“. Willig nimmt er die Rolle des Anachoreten auf sich, einer einsamen Figur in der Wüste (Botho Strauß würde das gefallen). Und er beobachtet Menschen, die „ihren Atlantismoment buchstabieren“, den eigenen Untergang zu begreifen suchen.

Das Rätsel von Unlesbarkeit und Lesbarkeit treibt ihn um wie jeden Modernen. Er fühlt sich betroffen von magnetischen Worten, die nicht zu entziffern sind, hält aber die Andeutung einer Geste für möglich, eines Nukleus von Impuls und Sinngebung. Im erloschenen Kohlebecken stochernd, kann er doch Reste von Glut in einzelne Stücke zerteilen.

Ein Poem beschwört ein schwarzes Motorrad, dessen Bedeutung nicht verstanden werden, aber dessen Musik, ein Abschiedslied, gehört werden kann. Derlei ist gar nicht weit von der Lyrik eines Jürgen Becker. Bolaño ist bemerkenswert sensibel für die Aufgaben und Chancen von Dichtung. An einer Stelle hält er fest, dass es zur Erkenntnis permanenter Differenzierung und Verschiebung von Situationen und Sätzen bedarf. Die Dinge sind unprätentiös in ihrer Ausschließlichkeit zu sehen und zu nennen – der Tisch ist bloß der Tisch –, zugleich aber in ihrer Unwiederbringlichkeit zu denken, die der Dichter leibhaftig und widerständig zwischen den Zähnen spürt. Er will sich als inspirierter und unmethodischer Dichter.

Die letzte Sektion des Bandes – wie bereits eine andere zuvor – besteht aus kurzen Prosaeinträgen. An einer Stelle wird der peruanische Lyriker César Vallejo erwähnt, die unbestrittene Gründungsfigur der lateinamerikanischen Avantgarde. Bolaño will dessen waghalsigstes, hermetischstes Buch „Trilce“ als einziges im Rucksack mit sich führen. Um daran anzuknüpfen? Etwas später ist die Rede nur noch von einem unbenannten Buch, das die Wanderung begleitet. „Während ich so ging, fing das Buch plötzlich Feuer … Als ich den verkohlten Rucksack in einen Graben warf, fühlte ich, dass mir der Rücken juckte, als wenn ich Flügel hätte.“ Bolaño lädt dazu ein, dieses Bild zu interpretieren. Wenn die überlieferte Schrift zu lodern beginnt, kommt es zum Absprung, zur Eigenbewegung, die vieles hinter sich lässt, und der Schreibende spürt die Möglichkeit des Fliegens.

Ein erläuterndes Nachwort wäre wünschenswert gewesen, aber das Buch ist kristallin übersetzt. Und vielleicht ist es ja gerade das knappe, nach Worten tastende Gedicht, das eher noch als die ausufernde Narrativik des Autors dessen Intentionen von beständigem Unterwegssein und von Spürsinn für Brüchigkeit, Absurdität und Glanz der menschlichen Existenz zum Ausdruck bringt.

 

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