Lade Inhalte...

Lyrik Drüben hat man sein Leben im Griff

Safiye Can bleibt auch in ihrem neuen Buch jenseits der Worthülsen und pflegt als Königsdisziplin das Langgedicht.

Safiye Can | Dichterin | Frankfurt | 21.10.2016
Safiye Can auf der Frankfurter Buchmesse 2016. Foto: peter-juelich.com (peter-juelich.com)

Kinder der verlorenen Gesellschaft“ heißt der dritte Gedichtband von Safiye Can. Und man muss über die 1977 geborene Dichterin sagen: Sie wird immer besser! Während die ersten beiden Bücher im Frankfurter Größenwahn Verlag erschienen – das Debüt „Rose und Nachtigall“ von 2014 liegt bereits in vierter Auflage vor, der zweite Lyrikband „Diese Haltestelle hab ich mir gemacht“ von 2015 in zweiter Auflage –, ist die Dichterin nun mit Nummer drei zum Göttinger Wallstein Verlag gewechselt. Obwohl Gedichte ein Nischenprodukt im Buchmarkt sind, verkaufen sich ihre Bücher gut. Safiye Can, die in Offenbach geborene Tochter von Tscherkessen, die aus der Türkei nach Deutschland einwanderten, erhielt im vorigen Jahr den Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis und den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur.

Alle drei Bände schließen mit einem Langgedicht, dessen Titel zugleich dem Buch seinen Namen gibt. Safiye Can beherrscht diverse stilistische Formen von der Miniatur („Wann immer ich Solingen höre/brennt ein Haus vor meinen Augen“) über visuelle und konkrete Poesie bis hin zu dadaesken Collagen. Sie schneidet aus Zeitschriften Worte und Satzteile aus, die neu zusammengesetzt werden. Die Collagen sind in einem eigenen Kapitel namens „Azurblauer Aufbruch“ auch im Original abgedruckt.

Wie in vielen von Cans Gedichte finden sich darin unversehens politische Positionsbestimmungen, durchaus ironisch gebrochen durch die Machart: Es sind ja Fundstücke aus anderen Zusammenhängen, die Can aufliest und zu etwas Eigenem zusammenfügt: „Wir kämpfen für zukünftige Klangfarben/an Geld Macht Gewinne/denken wir später/am Rande der Gesellschaft/sind wir stärker“ („Lesen, was andere verschweigen“).

Das Langgedicht erweist sich einmal mehr als Safiye Cans Königsdisziplin. Das lyrische Ich in „Kinder der verlorenen Gesellschaft“ spricht vom Rande aus, die verlorene Gesellschaft indes ist nicht ganz leicht zu definieren. Wer sind diese „Verlorenen“, von denen die Rede ist? Für wen oder was sind sie verloren?

Der Migrationshintergrund der Dichterin, die zweisprachig aufgewachsen ist und ihre ersten Gedichte auf Türkisch schrieb, legt es nahe, dort anzusetzen. Safiye Can kennt das Milieu der Kinder von Einwanderern aus dem eigenen Erleben, hat Ausgrenzung in der Schule erlebt und musste in ihren Anfängen als Dichterin aufgrund ihres türkischen Namens gegen Vorurteile kämpfen. Die Frage nach Heimat und Zugehörigkeit durchzieht ihr Werk, es finden sich Begriffe wie Integrationszwang und Islamphobie darin.

Doch die „verlorene Gesellschaft“ ist vor allem für die auf Geld und Macht getrimmte Mehrheit verloren. Das lyrische Ich spricht aus dem „Hier“, wo es einsam ist, wo Panikattacken in sprachlosem Grauen erlitten werden, während sie „drüben“ das Wort „très chic“ finden.

„Hier“ erwischt einen die Liebe mit lebensgefährlicher Wucht, man droht verloren zu gehen. „Drüben“ hingegen „hat alles einen Namen“, haben sie „ihr Leben im Griff“. Es gibt die „drübige Sprache“, sie enthält die gleichen Worte, doch die Haltung der Sprecher von „hier“ und von „drüben“ könnte unterschiedlicher nicht sein.

Can sucht und findet die eigene Sprache jenseits der Worthülsen, wehrt sich gegen Assimilationszwänge und kämpft für Poesie als Lebenselixier. „Lest Gedichte“ ist ihr Motto.

Natürlich geht es auch in dem Langgedicht um Liebe. „Jede Liebe sitzt im Riesenrad“ ist eines der Bilder, die sogleich einen Resonanzraum zum Klingen bringen: Die kindliche Aufgeregtheit des Jahrmarktbesuchs, die Fahrt im Riesenrad, das einen wie die Liebe heraushebt aus der Welt, wieder hinabgleiten lässt ins Kleinklein des Alltags, um in einem erneuten Aufschwung über den Dingen zu schweben – und hinterher dreht sich alles.

Safiye Cans Gedichte entwickeln einen Sog, man kommt schnell rein. Ein eigener Ton schafft Atmosphäre. Er speist sich erstens aus dem dialogischen Prinzip. Die direkte Ansprache des Lesers wirkt vertraulich, aber nicht kumpelig. Zweitens hat die Sprache Rhythmus und Drive, sie wirkt ungekünstelt, ohne dass die Verständlichkeit auf Kosten der poetischen Strahlkraft ginge. Es ist also drittens von einem langen Prozess des Feilens am Gedicht auszugehen, an dessen Ende etwas scheinbar Einfaches steht: die lyrische Form, herausgearbeitet aus dem Körper der Sprache.

Safiye Cans Gedichte vermitteln das Gefühl, dass hier jemand von sich spricht, authentisch, ohne sich anzubiedern, persönlich, ohne unnötig ins private Detail zu gehen. Ein wesentliches Element ist der Humor, der auch in der Poesie unbedingt hilft. „Möglicherweise ganz und gar“ erkundet, was Heimat sein könnte, und endet in der sechsten Strophe ganz lapidar: „Vielleicht ist Heimat (…) Frau Grün/vom Erdgeschoss, die über alle schimpft/vielleicht“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum