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Lyrik Die Augen der Welt

José F. A. Olivers Lyrikband "fahrtenschreiber". Von Artur Becker

07.07.2010 00:07
Artur Becker

José Oliver ist ein hochrangiger deutschsprachiger Dichter, obwohl er literarisch auch im Spanisch-Andalusischen zu Hause ist und keine Schwierigkeiten hat, fremde Kulturräume zu betreten, zu beschreiben und zu bestaunen. "fahrtenschreiber", der neue Gedichtband des 1961 in Hausach im Schwarzwald geborenen Lyrikers, Essayisten und beliebten Lesungsmoderators, ist so eine Liebeserklärung an die Magie und Poesie fremder Orte und auch der Heimat, die nie zu kurz kommt.

Gleich das erste Gedicht des Bändchens gibt die Reiserichtung an: Wir landen in Czernowitz, dem Geburtsort Paul Celans und Rose Ausländers: "vom silber der dächer / kraucht lärm / ein laut-/ fall der spatzen & verse / die sind / biographische lotsen". Solche Bilder, Metaphern und Geschichten entstehen bei intimen Begegnungen mit Geburtsstätten, mit Wahlheimaten oder von uns erträumten fernen Reisezielen.

In dieser Sichtweise - einer poetologisch-geographischen - ähnelt Oliver großen Kollegen wie zum Beispiel T. S. Eliot, Josif Brodski oder Czeslaw Milosz: Alle drei waren auf der Suche nach dem Arkadien unserer Tage. So auch Oliver: Mit dem feinen Unterschied, dass der Hausacher die Sprache vor allen Dingen wie eine Videokamera benutzt - da nimmt einer lyrisch-buntscheckige Momente auf, da wird nach Bildern gesucht, die unsere Augen und unsere Vorstellungskraft reizen.

Dabei handelt es sich um eine entpersonalisierte, vom Ego des Autors befreite Lyrik, die es dem Leser ermöglicht, die Welt zwar wie gewohnt, aber doch durch eine poetische Brille zu betrachten. Insofern ist José Oliver in erster Linie ein beschreibender und erzählender Dichter, der die Leser und die Welt nicht durch seine eigenen Gedanken und Urteile manipuliert. Mögen sie hier und da auch ans Licht kommen, so sind sie frei vom Schmerz eines enttäuschten Weltverbesserers, eines leidenden Ichs.

In dem wunderbaren Poem "fahrtenbuch Bratislava - Bratis-lava. I straßengedicht" lässt er sich von einer Frau namens Judi-ta ihre Heimatstadt und die slowakischen Landschaften zeigen: "Judita sagt ,Pressburg bis / Bratislava I Stunde: Wir / kippen den wörterrucksack. Der Himmel / klärt ein übriges kippt nacht / in ein unverhofftes tagebuch // wir sehen ihm nach. Leiser".

Zum Glück begreift Oliver die Dichtung wie ein Instrument zum Aufzeichnen des Sichtbaren, Ertastbaren und Konkreten. Darin ähnelt er den Physikern, die sich mit dem Studium der Wirklichkeit und ihrer zahlreichen Dimensionen befassen, und die unsere Realität permanent in Frage stellen. Nichts anderes tut Oliver. In dem Gedicht "der tod nur I verdacht" schreibt er: "& weiß nicht mehr in welcher stadt / ich war ich bin ich werde sein / so wie es jetzt am anfang war / gebet & uhrzeit sind verlegt // I datum hinter glas. So könnte es gewesen". Und all diese schwebenden Bilder unserer zerbrechlichen Wirklichkeit werden eingefangen zwischen Czernowitz, Bratislava, Tunis, Wien und dem Schwarzwald.

Oliver ist als Lyriker auf der Suche nach den Augen der Welt, da nur im "Sichtbargewordenen" der Mensch sich wiedererkennen und dem Sein eine metaphysische Komponente hinzufügen kann, indem er feststellt: "Die Welt ist da, weil ich sie sehe." Das Zelebrieren des Seins durch Sehen und Selbst-gesehen-Werden von den anderen wird in dem schön leichtfüßig daherkommenden "b:lumengedicht" noch einmal deutlich: "habe die nacht / mit tulpen verbracht // im Bett / die streckten / den himmel / am morgen // schloss sich der tag ein / ins welken / wir // waren uns augen / dort im ungesehenen".

Doch Oliver ist auch ein Dichter der Liebe - vor allen Dingen der Nächstenliebe. Auf all den Reisen, die er mit seinem Fahrtenschreiber macht, dem Notizbuch des lyrischen Erzählers, findet er Zeit zum Innehalten und Nachdenken über das Schicksal des Einzelnen, der namenlos in den Abgründen der Weltgeschichte verschwindet. Sein individuelles Schicksal ist ihm nicht unbekannt, es ist ihm sogar teuer, und so schreibt Oliver in "unfall & krebstod": "das schicksal des ein-zelnen sei / ein tumor / der himmel / tätowiert (wolkenwellen). Kein / spiegelbild im Wasser (wellen- / wolken). Wir / hängen ihm nach wie er schläft der tod / wie er seine verschnaufpause einlegt". Diese Gedichte stehen dem Menschen nicht im Wege, sondern erobern ihn mit Leichtigkeit. Bleibt zu wünschen, dass das in Zukunft noch oft passiert.

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