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Lynne Sharon Schwartz Rückfällig mit Roy

„Alles bleibt in der Familie“, ein vergnüglicher, federleichter New-York-Roman von Lynne Sharon Schwartz.

Children sled on a hill inside of Central Park after a snowstorm in New York
Ein Familienspaß in New Yorks Central Park. Foto: Lucas Jackson (X90066)

Du müsstest mal die Geschichten hören, die mir meine Patienten erzählen“, sagt Psychotherapeut Roy zu seiner Ex-Frau Bea (zu seiner ersten Ex-Frau). „Dagegen sind wir ziemlich nullachtfünfzehn.“

Wie man’s nimmt. Zuerst waren da, nur ganz kurz, Roy und Lien; die nachsichtige Bea hat die Zwillinge ihres Mannes nach dem Tod deren Mutter in die USA geholt und adoptiert, Tony und Jane gehören also längst dazu. Bea und Roy haben aber auch gemeinsame Kinder, Danny und Sara, die sich zwischendurch – voll in der Pubertät – Shimmer nennt. Roy ist dann weitergewandert zu Serena, der Frau eines Patienten. Und dann von Serena zu Sara/Shimmers junger Lehrerin Lisa, indessen Serena sich in May verliebte, Beas Schwester.

Ziemlich leicht fällt es Serena, Roy zu einem weiteren Beischlaf zu überreden, weil sie und May sich ein gemeinsames Kind wünschen. Am gleichen Tag, im gleichen Krankenhaus bringen schließlich Lisa und Serena ihre Kinder auf die Welt, Frau Nummer zwei und Frau Nummer drei; und beide Kinder sind von Roy (am Ende des Buches hat er sechs Kinder von vier Frauen). Und, ach ja, auch Tony, Roys erster, unehelicher Sohn, wird in diesen Stunden Vater.

„Eine Großstadtkomödie“ heißt Lynne Sharon Schwartz’ im Original 1999 erschienener Roman „Alles bleibt in der Familie“ („In the Family Way“) im Untertitel. Und genau das ist er. Die tragischste Entwicklung darin ist, dass Beas Mutter Anna langsam vergesslich wird. Das hindert sie allerdings nicht daran, Hausmeister Oscar zu begehren und mit einem Auftritt in einer Talkshow zu liebäugeln (Bea würde sagen: zu drohen), bei der es um One-Night-Stands gehen soll. „Alles bleibt in der Familie“ ist eine Farce aus dem Leben wohlhabender New Yorker, ein ironischer, manchmal ein wenig sarkastischer, aber doch auch sommerleichter Roman.

Mit einer Übersetzung des messerscharf beobachteten, den Details einer langsamen Liebesabnutzung nachspürenden Eheromans „Für immer ist ganz schön lange“ hat der Verlag Kein & Aber die 1939 geborene New Yorkerin Lynne Sharon Schwartz dem deutschen Publikum vorgestellt (1991 machte rororo schon einen Versuch in der Reihe „neue frau“, „Feldstörungen“ ist aber längst vergriffen).

Nun also diese nach zwanzig Jahren durchaus aktuell anmutende Patchworkfamilien-Geschichte, in deren Mittelpunkt die einen Cateringservice betreibende Bea steht, die die ganze Familie – inklusive der weiteren Ehefrauen ihres Ex-Mannes – in einem Haus zusammenhält. Weil sie es so will. Nebenbei – oder eigentlich: gar nicht so nebenbei – hat sie herrlichen Sex mit Dmitri, auch er Hausmeister in dem Apartmentgebäude, das selbstverständlich in Central-Park-Nähe steht. Bea wird außerdem ebenfalls rückfällig mit Roy – ein bisschen spürt sie da ihr Gewissen zwicken, aber nicht sehr.

Es ist ein wunderbar zeigefingerfreier Roman. Trotz seiner komödienhaften Elemente wirkt er nicht überkandidelt, ist gleichsam geerdet, nicht zuletzt durch Matriarchin Bea. Lynne Sharon Schwartz formuliert nüchtern, aber keineswegs unoriginell (und das ist sorgfältig übersetzt).

Man sieht Bea vor sich, wie sie kocht, organisiert, betüttelt. Sich um ihre Mutter und ihre Kinder sorgt und trotz allem um ihren Ex-Mann. Man sieht Roy vor sich, den egoistischen Charmeur, der seinen Psychotherapeuten-Jargon auspackt, wenn es für ihn eng wird. Man sieht den korrekt-verklemmten Tony vor sich, der mit seinem liederlichen Vater hadert. Danny, der so schüchtern ist, Sara/Shimmer, die heftig pubertiert.

Aber so ist der Mensch hier (und im Leben): Er geht dann doch Kompromisse ein. Aus Liebe oder aus Bequemlichkeit. Das ist nicht das Schlechteste. An den Anfang stellt Lynne Sharon Schwartz ein Zitat von James Kaplan: „Die wahre Erzählform unserer Zeit ist die Sitcom.“ Dieser Roman macht mindestens so viel Spaß wie eine gute Sitcom. Und man muss nicht eine Woche oder länger auf die nächste Fortsetzung warten, man kann ihn in einem Rutsch lesen.

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