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Lydie Salvayre „Weine nicht“ Keine Helden im Paradies

Die politische Welt lässt sich nicht so einfach in Gut und Böse einteilen: „Weine nicht“, Lydie Salvayres starker Roman über den spanischen Revolutionssommer 1936.

18.05.2016 17:31
Von Markus Schwering
Madrid im Juli 1936. Foto: © epd-bild / akg-images

Diese Gesellschaft hat es in sich. Als die 15-jährige Montserrat, die „Montse“ gerufen wird, in ihrem katalanischen Dorf heiratet – es ist der 21. November 1936, seit vier Monaten tobt der Spanische Bürgerkrieg –, versammelt das Festmahl Gäste, die einander sofort an die Gurgel fahren müssten: den mit der Militärrevolte mutmaßlich sympathisierenden Hausherrn, dessen Schwester, eine glühende Franco-Anhängerin, den sozialistischen Brautvater, den kommunistischen Ehemann und die Braut, die den anarchistischen Ideen ihres Bruders anhängt. Die Parteiungen der mörderischen Auseinandersetzung sind also allesamt vertreten.

Es handelt sich um eine zentrale Szene in „Weine nicht“, dem neuen Roman der Französin Lydie Salvayre. Roman? Nun ja, die anzunehmenden Fiktionalisierungen verdecken nicht, dass hier im Prinzip die Lebensgeschichte von Salvayres Mutter geschrieben wird. Die erinnert sich kurz vor dem Tod an nichts mehr – abgesehen von jenem kurzen 1936er Sommer, da in Barcelona die anarchistische Revolution ausbricht. Begeistert folgt die junge Frau – es ist niemand anders als Montse, die Hauptfigur – ihrem Bruder in die katalanische Metropole, wo für einen Geschichtsaugenblick das Paradies auf Erden ausgebrochen scheint, wo Klassenschranken und bürgerliche Gewalt zusammengebrochen sind, wo es keine Herrschaft mehr gibt und freie Liebe waltet.

Für die schöne Montse ist er freilich sehr kurz: In einer stürmischen Affäre mit einem Anti-Franco-Brigadisten wird sie schwanger und muss daheim, um der sozialen Schande zu entgehen, eben den ungeliebten Sohn eines örtlichen Gutsbesitzers heiraten. Dieser Diego, der sich in einer Revolte gegen sein Herkommen dem Stalinismus zugewandt hat und als kommunistischer Bürgermeister amtiert, wird dann zehn Jahre später in Frankreich Lydie Salvayres Vater – als die Republik 1939 zusammenbricht, gelingt ihm wie Montse im letzten Augenblick die Flucht.

Eine Distanz, die keinen ungeschoren lässt

Diese atemberaubende Geschichte ist dem Leser nicht unmittelbar zur Hand, denn immer wieder macht die Tochter klar, dass sie es ist, die erzählt – eben das, was die Mutter in ihrem „Fragnol“, einem spanisch durchsetzten Französisch, ihrerseits erinnernd berichtet. Eine dreifache Brechung: Die Autorin erzählt sich als Erzählerin, die wiederum die ihrerseits erzählende Mutter erzählt. So rücken die beschriebenen Ereignisse in eine perspektivische Distanz, die sie nicht ungeschoren lassen. Das gilt sogar für den anarchistischen Sommer, die große Ära in Montses Leben. Zur selben Zeit nämlich wird der Bruder nachhaltig ernüchtert, als er vom lustvollen Massaker an zwei katholischen Priestern erfährt.

Das ist in der Tat einer der Vorzüge von Salvayres Buch: Der offene Blick hebt jede ideologische Fixierung auf, er verweigert sich der Einteilung der politischen Welt in Gut und Böse. Es geht vielmehr um die Dramatik von Lebensläufen, die, grau in grau getönt, sich nicht zu Heiligenlegenden formieren lassen. Interessante Figuren stehen dabei auf: Der kommunistische Funktionär, der mit seiner bürokratischen Kälte lediglich lebenslange Demütigungen kompensiert; der anarchistische Hitzkopf, der auch nur Phrasen drischt; der Grundbesitzer, der eine soziale Ader hat und Franco eher verabscheut.

Auf der „rechten“ Seite des Spektrums allerdings gibt es Heldengeschichten schon gar nicht: Dem paradiesischen Sommer der Anarchie kontrastiert zur selben Zeit die Hölle von Mallorca, wo Franco-Getreue mit dem Segen der Kirche alles abschlachten, was auch nur entfernt im Verdacht steht, die republikanische Sache zu unterstützen. Salvayre bezieht sich dabei auf das Buch „Die großen Friedhöfe unter dem Mond“ von Georges Bernanos, in dem der katholisch-konservative französische Autor angeekelt mit dem „blauen“ Terror abrechnet.

Das Buch ist frisch und fesselnd geschrieben, prall und saftig in der Darstellung von Menschen und Dingen. Und es hält Erkenntnisse über den Spanischen Bürgerkrieg bereit, die zwar auch in der wissenschaftlichen Literatur zu finden sind, hier aber durch eine halbfiktive Handlung eindrucksvoll beglaubigt werden: Die spanische Republik zerbrach nicht nur unter den Schlägen der Militärrevolte, sondern auch an der Uneinigkeit ihrer Unterstützer. Lässt sich daraus eine allgemeine Lehre ziehen?

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