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Lutz Seiler "Früher dachte ich, Heimat ist etwas Sentimentales"

Zu Besuch bei dem Schriftsteller Lutz Seiler im brandenburgischen Wilhelmshorst. Die Chancen, dass er am Montag in Frankfurt den Deutschen Buchpreis gewinnt, stehen gar nicht schlecht. Im Gespräch geht es nach freundlichem, festen Händedruck bei schwarzem Kaffee aber um andere Zeiten. Und ums Schreiben.

03.10.2014 17:24
Sabine Vogel
Lutz Seiler im Grünen. Foto: Paulus Ponizak

Nach draußen. Die Regionalbahn braucht 38 Minuten von Berlin- Alexanderplatz, dann ist es noch gut ein Kilometer bis zum Hubertusweg 41. Dort steht ein gelbes Haus am Waldrand.

„Der Garten: im Grunde eine mit Waldgras bewachsene Lichtung, hoch umstanden und halb überdacht vom Kieferngewölbe. Francis Ponge nennt den Kiefernwald eine Totholzfabrik. Die an den hoch aufstrebenden Bäumen absterbenden Äste werden abgestoßen und liegen wie dunkle Gliedmaßen überall im Garten verstreut.“

So schreibt Lutz Seiler in der Broschüre zur Geschichte des Peter-Huchel-Hauses. Denn hier lebte der Dichter bis zu seiner Ausbürgerung 1971. Hier redigierte er bis zu seiner Kaltstellung 1962 als Chefredakteur die Zeitschrift „Sinn und Form“, im Schuppen lagerte das Archiv des „Geheimen Journals der Nation“ (Walter Jens), an der Tür war eine Katzenklappe.

In einem Brief an die Wagenbachs schrieb Huchels Frau Monica vom potenziell katzenmörderischen Hund und der Notwendigkeit, „Schleusen“ zu bauen. Die Stasi war alarmiert, „Verdacht Grenzdurchbruch“.

Biermann, Kundera, Frisch, Böll, alle waren sie da gewesen, wie Fotos von Roger Melis belegen. Nach der Ausreise der Huchels nutzte der Dichterfreund Erich Arendt bis zu seinem Tod 1984 das Haus, dann quartierte die Beelitzer Wohnungsgesellschaft zwei Familien ein.

„Bei Huchel eingebrochen“ schreibt Seiler am 8. Oktober 1995 in sei Notizbuch. Legitimiert und angestiftete von der Witwe Monica, die Seiler kurz darauf die Schlüsselgewalt überträgt, stieg Seiler über eine Bodenplatte im Keller ein. „Heizung erneuern, Türen aufarbeiten, Elektrik, Fenster usw.“ notierte er.

Am 3. Oktober 1997 wurde nach einigen Rück- und Umbauten die Peter-Huchel-Gedenkstätte e.V. eröffnet. Der kleine Veranstaltungsraum im Erdgeschoss erinnert mit Foto- und Texttafeln an den Lyriker. Seit 1999 bewohnt der andere Lyriker Lutz Seiler die kleine Villa, 60 qm Privatraum über dem sonntags geöffneten Peter-Huchel-Haus. Eine steile Treppe windet sich nach oben, verwinkelte Kochnische, kleines Arbeits- und Alles-Zimmer, bis auf das großformatige Gemälde einer wilden Kuh ringsum mit Buchregalen bestückt, Couchecke und Blick auf die Bäume, Schlafzimmer unter den Dachschrägen. „In den Eichen, die nach vorne zur Straße stehen, ist der Regen lauter als in den Kiefern, die Kiefern halten still im Regen.“

Eng muss es gewesen sein, als der Schriftsteller mit Frau und zwei Kindern hier wohnte. Die sind jetzt erwachsen und ausgezogen. Seilers jetzige Frau lebt in Stockholm. Er pendelt in lang vorab geplanter Regelmäßigkeit. „Auch in Stockholm verhalte ich mich wie im Dorf, ich geh nicht groß weg, verkrieche mich in die Schreibhöhle, auch dort gibt es Bäume vor dem Fenster.“

„Zuhause sein ist eigentlich das Schönste“. Das sagt der 51-Jährige mit leicht sächselndem Einschlag. Sein thüringisches Heimatdorf musste dem Bergbau weichen. Die Erinnerung an die verschwundenen Dörfer „aus holz, aus / stroh, aus denen wir kamen, rissig & dünn / mit einem am wind / geschliffenen echo...“ ist in seinen Gedichten aufgehoben. „Pech & Blende“ heißt sein Gedichtband von 2000, ein Geigerzähler tockt als „Stellwerk des Herzens“ in seiner Erzählung „Turksib“, für die er 2007 den Bachmannpreis erhielt. Hier in diesem von einem toten Dichter geborgten Haus in Wilhelmshorst, in der Melancholie der märkischen Ebenen, hat Seiler eine andere Heimat gefunden. „Wenn ich Erde sehe und Bäume, ist eigentlich alles gut.“

„Heimat“, sagt Lutz Seiler, „wird immer wichtiger, vielleicht ist das eine Alterserscheinung. Früher dachte ich, das ist vielleicht etwas Sentimentales, etwas Gemachtes.“ Der Schriftsteller bezeichnet sich auch gerne mal als Hausmeister. Eher ist er der Heizer, der die Seele des Hauses gegen die Fröste des Vergessens warm hält, oder wie jetzt die Fenster und Türen zum Garten hin aufreißt, damit Luft in das Dichtermuseum herein kann.

Ein guter Handwerker war er nie

Der drahtig zierliche Mann hat einen festen Händedruck, aber dennoch glaubt man ihm die immer wieder kolportierte Geschichte von seinen handwerklichen Ungeschick. Obgleich Lutz Seiler Zimmermann lernen musste und zum Studium der „Technologie der Bauproduktion“ nach Cottbus abgeordert worden war, was er zu einem Germanistikstudium umbiegen konnte, soll er bei der NVA haufenweise Sägeblätter kaputt gemacht haben.

Statt sich den Stumpfsinn der Kasernenabende mit Laubsägearbeiten zu vertreiben, fing er an zu lesen – „sehr viel Schrott“ anfangs. Für 50 Pfennig pro Buch versorgte er sich aus einer Kiste aussortierter Bibliotheksbestände. Darunter fand sich ein „Edelstein“: der Gedichtband von Peter Huchel von 1948, eine bibliophile Kostbarkeit. „Das wussten die nicht, das wusste ich nicht.“

Das Höhlenverhalten, sagt er aufgeräumt beim schwarzen Kaffee, sei für das Schreiben ganz wichtig. Für den Einsiedler, als der er hier haust – bis auf die Lesungen mit Schriftstellerkollegen, die er im Geiste Huchels organisiert, die Liste der Namen ist beeindruckend –, ist Seiler ein unkomplizierter, fast meint man, glücklicher Zeitgenosse.

Er lacht leicht, antwortet arglos, erlaubt sich Denkpausen beim Reden, bei dem er immer wieder das „Ich“ durch ein „man“ ersetzt. Der Distanzierung vom Dichter-Ich entspricht sein Herangehen ans Schreiben. Die Erinnerungen müssen abgehangen sein, für Gedichte mindestens sieben Jahre, um als Material für Texte brauchbar zu werden.

In dreißig Leitzordnern sind die zwanzig Fassungen seines Romans „Kruso“ aufbewahrt, mit dem Seiler jetzt für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Die Anstrengungen des Begriffs, die Mühen des unentwegten Herumfeilens an den Sätzen und Formulierungen ist dem Romandebüt des Lyrikers Seiler nicht mehr anzumerken.

Die Geschichte von den Gestrandeten in der Arche eines Ausflugsrestaurants auf Hiddensee, ihren Orgien am Rand der Freiheit und die Suche nach dem Ort der toten Flüchtlinge im Archiv der See liest sich wie im Rausch geschrieben.

Am Montagabend wird im Frankfurter Römer bekanntgegeben, ob Seiler für seinen kunstvollen Roman ausgezeichnet wird. Den Marie-Luise-Kaschnitz- Preis und den Uwe-Johnson-Preis erhielt er bereits für seine irre Geschichte über die Helden des Abwaschs, die auf der Insel in der Ostsee fast die Wende verpeilen. Seiler selbst hat im Sommer ‘89 als „Esskaa“, als Saisonkraft, dort gearbeitet.

Im Nachwendejahr stand er „mit schulterlangen Haaren und immer im weißen Hemd“ hinterm Tresen der Kellerkneipe „Assel“ in der Oranienburger Straße. Von diesem Kellerarchiv der Erinnerungen werden wir hoffentlich noch lesen.

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