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Luna Al-Mousli Glück in Damaskus

Hinein ins Labyrinth der Vergangenheit: „Eine Träne. Ein Lächeln“, das feine, wunderlich gestaltete Erinnerungsbuch der in Syrien geborenen Grafik-Designerin und Autorin Luna Al-Mousli.

Damaskus' Schönheit. Foto: © epd-bild / Egmont Strigl

Als die 1990 geborene Autorin Luna Al-Mousli mit ihrer Familie in Damaskus wohnt, tobt in Syrien noch kein Bürgerkrieg. Damals, um die Jahrtausendwende, führt zwar Präsident Baschar Al-Assad bereits das repressive und autoritäre System seines Vaters fort, an alltäglichen Momenten des Glücks fehlt es aber in der Familie Al-Mousli nicht: Im heißen Sommer schwimmen Wassermelonen zum Kühlen und Frösche auf dem Pool im Garten, der Duft nach Minze und Lavendel durchströmt die weiten Räume des Elternhauses, wenn die Kräuter auf einer weißen Decke im Salon trocknen. Das Kind Luna staunt zu den mächtigen Kristallleuchtern hinauf, die in jedem Zimmer hängen und sitzt auf den riesigen orientalischen Teppichen auf der Suche nach kleinen Fehlern im Ornament.

Heute wagen Millionen syrischer Flüchtlinge die gefährliche Flucht nach Europa, um den Zuständen in ihrem Land zu entkommen. Al-Mousli nahm schon 2004 Abschied von ihrer Kindheit, als sie nach 14 Jahren in Damaskus mit ihrer Familie nach Wien kam. Im neuen, ganz anderen Österreich wurde der jungen Frau Syrien schnell fremd, erst während des Arabischen Frühlings besann sie sich wieder auf ihre Damaszener Kindheit, von der ihr nur die Erinnerungen und Fotoalben geblieben waren.

In ihrem Debüt „Eine Träne. Ein Lächeln“ vertieft sich die Autorin und Grafik-Designerin noch einmal mit dem Blick des Kindes in ihren damaligen Alltag in der syrischen Metropole. In 44 Prosaminiaturen und mithilfe von Fotoausschnitten aus dem Familienalbum beschwört sie eine Kindheit in Syrien herauf, in der das Schöne und das Hässliche, Sanftmut und Gewalt schon damals eng beieinander lagen.

Idyllische Szenen verschränken sich mit einer düsteren politischen Gegenwart, der das Kind mitunter in naiver Unschuld begegnet: „Ich liebte unsere Wohnung im ersten Haus vor der Assad Bibliothek. Was ich noch mehr liebte, war die Aussicht aus dem Schlafzimmer. Ich sehe den Berg mit der weiß leuchtenden Aufschrift ,Syrien al-Assad‘. Es war das Erste, was ich in der Früh sah, und das Letzte, was ich vor dem Schlafengehen bewunderte.“ An Vorboten der unglücklichen Zukunft fehlt es nicht: Soldaten stehen auf den Straßen, die Kinder lernen Assad-Zitate auswendig, die sie nicht verstehen, in der Schule wird der Umgang mit Waffen gelehrt. Al-Mouslis Buch beschwört mit knappen Sätzen ein Land herauf, das schon lange auf die politische Katastrophe zuzusteuern schien.

Dem Erinnern als einem komplexen Vorgang nähert sich Al-Mousli auf plastische und raffinierte Weise. Ihr Buch ist nicht nur ein Zeitdokument, sondern auch ein Kunstwerk: Sie kombiniert suggestiv Miniaturtexte mit scheinbar auf nebensächliche Details fokussierten Fotoausschnitten und bildet so das Fragile und Fragmentarische des Erinnerns ab. Al-Mousli ist auch ein kleines buchkünstlerisches Wunder gelungen. Mehrere Seiten hängen zusammen und bilden durch Aufklappen einzelne Erinnerungsräume, Momente der Kindheit spannen sich auf wie die Falten eines Fächers.

Als Leser bahnt man sich fast ein wenig mühselig den Weg durch das Seitenlabyrinth, erfährt so aber auch etwas über den Prozess des Erinnerns selbst: das Undurchdringliche, das Rätselhafte, das an der Vergangenheit haftet, einzelne Augenblicke, die intensiv und vereinzelt vor Augen stehen, sich aber der Kontinuität einer lückenlosen Erzählung verweigern.

Der Philosoph Walter Benjamin kam bei seinem Nachdenken über das Erinnern einmal zur Erkenntnis, das Eigentliche liege nicht im Entfalten der Vergangenheit, sondern es sitze eben in den Falten – in jenem Bild, jenem Geschmack, jenem Tasten. Al-Mouslis Erinnerungen glätten diese Falten nicht, sie machen sie buchstäblich begreifbar.

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