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"Ludwigshöhe" Welcome to the Club!

Zeitgeistsatire mit einer Prise Moral: Hans Pleschinskis Altersheim-Roman "Ludwigshöhe".

14.10.2008 00:10
BARBARA VON BECKER

Dass man mit einer Erbschaft auch mitunter lästige Verpflichtungen übernimmt, ist keine Seltenheit. Aber die Geschwister Clarissa, Ulrich und Monika Berg haben doch etwas zu kämpfen mit den Bedingungen, die Onkel Roberto vor ihre Verfügungsgewalt über seine Mineralwasserquellen, Hotels, Bürotürme, Meeresentsalzungsanlagen, Gazpromanteile und eine verwunschene alte Villa am Hochufer des Isartals gesetzt hat.

Ganz offensichtlich fordert eine Klausel im Testament, aus eben jenem herrschaftlichen Anwesen auf der Ludwigshöhe einen letzten Zufluchtsort für Todessehnsüchtige zu machen, ihnen diskret in möglichst wenig anheimelndem Ambiente und ohne einfühlsame Betreuung Mittel und Wege für den Abgang aus dieser schnöden Welt zur Verfügung zu stellen.

Der Andrang ist beträchtlich. Eine Domina mit Liebeskummer, die immerhin mal ein florierendes Studio ihr eigen nannte, eine in die "Lärminvalidität" getriebene Kioskpächterin vom Münchner Mittleren Ring, eine Realschullehrerin mit Burnout-Syndrom und Panikanfällen wegen einer Schüler-Scherenattacke auf ihre Wade; ein Bühnenbildner mit Phallusproblemen und lähmendem Lampenfieber, ein Hörfunkredakteur, der "keinen Kommentar mehr weiß zur Welt" angesichts des Dilemmas, dass zwei Minuten Sendezeit für die Vernichtung tibetanischer Kultur bedeuteten, dass der Beitrag zum Drogenkrieg in Kolumbien noch kürzer ausfällt; ein bankrotter Buchverleger, der zwei geschiedene Ehefrauen namens Gisela samt insgesamt sechs Kindern zu alimentieren hat, ein Wissenschaftler, der nach seinen populär aufbereiteten Artikeln zur Manganverwendung in der FAZ und Süddeutschen von den Kollegen als "Boulevardgeologe" geschmäht wurde, was seine Chancen im akademischen Postenschacher auf Null gebracht hat, eine junge Syrerin, die sich in einen Italiener verliebt hat und vor ihren, die Familienehre rächen wollenden Brüdern auf der Flucht ist, bis hin zum gealterten, Theater-und-Film-Star, der von vergangenem Ruhm zehrt. Sie alle und noch einige mehr füllen die heruntergekommene Villa mit ihren gescheiterten Biographien und dem Drang zur endgültigen Problemlösung.

Im von ihm gewohnten ironisch-kultivierten Parlando, das auch steile sprachliche Manierismens nicht scheut, bewegt sich Hans Pleschinski elegant zwischen einer Chronique Scandaleuse des Weltbefindens, beißender Zeitgeist-Satire und abgründiger Comédie Humaine.

Die diversen Spielarten des Scheiterns am Alltäglichen, an der sogenannten Normalität der Lebensanforderungen, geben reichen Stoff. Auf den ersten Blick wirken die Kümmernisse der Selbstmordkandidaten allesamt eher geringfügig. Aber wie sehr permanente Kränkung, Selbstzweifel, Gefühle der Ausweglosigkeit oder eine kleine Manie Menschen in Grenzbereiche ihrer Existenz treiben kann, verraten die sogenannten "Finalisten" nach und nach im polyphonen Stimmengeflecht, das unentwegt in der Küche, auf den Gängen und in den Zimmern durch das Haus des Sterbens wabert.

Als erstes nimmt die Zufallswohngemeinschaft mittels Catering-Firmen und großzügigen Einkäufen im örtlichen Supermarkt, die Ernährung selbst in die Hand, da man "mit Unterzucker und einem Gefühl des körperlichen Elends" schwerlich "die Kraft zum Äußersten" finden würde. Der gescheiterte Bühnenbildner wittert die Chance seines Lebens, mit der ehemaligen Theaterdiva eine eigene Inszenierung auf die Beine zu stellen. Der aus der Sendung geflüchtete "Anchorman der Vormittagsmagazine" tauscht mit dem ruinierten Verleger philosophische Gemeinplätze aus und die kleine Syrerin kocht ein arabisches Buffet und lernt Italienisch.

Derweil müht sich das Geschwistertrio in der Geschäftsleitung des eigenwilligen Hospizes, seinen Kunden eine promptere Erledigung ihrer suizidalen Vorsätze in blumig abgefassten Aushängen nahe zu legen - es ist ein gewisser prämortaler Schlendrian eingerissen. Erst drei Verblichene ruhten in den extra angeschafften Kühltruhen im Keller. Die meisten hatten sich mittlerweile in ihrem Hintrudeln aufs Ende recht gemütlich eingerichtet.

Dem Allzumenschlichen in den permanenten Gesprächen seiner Todesklientel entflieht der Autor immer wieder wie mit langsamen Kameraschwenks in die Totale der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Eine Tour d'Horizon durch Kultur- und Weltgeschichte, bayerische Lebensart, Naturschönheiten und Globalisierungsdefekte, eine Überfülle von Wissensanhäufung, die dann doch bisweilen im gebildeten Eklektizismus zu stranden droht. Trotz der leisen Süffisanz des Tons und der satirischen Zuspitzung der Beschreibungen ist in Pleschinskis Prosa ein moralischer Grundtenor immer spürbar. Er wendet sich gegen eine Welt, in der "der Tod zum Programmfehler heruntergekommen ist", die nicht erkennen will, dass "erst durch den Tod ... das Leben zu einem befristeten Wunder" wird.

Das angeschlagene Pathos konterkariert der Autor immer wieder mit Abgründen des Banalen, stellt Lächerlichkeit, etwa von selbstmitleidigem Elend gegen begründete Seelenqual, mischt Farce mit Tragödie, reiht als Stilprinzip Disparates gleichwertig nebeneinander.

Als Moralsatire funktioniert der Roman auch, ohne dass der Autor seine Geschichte in allem nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit richten müsste. Und so kann er das Ganze in heiterer, unverbindlicher Nonchalance enden lassen. Ein weiteres Buch, das dem literarischen Credo Pleschinskis Recht gibt: dass Ironie die einzig mögliche Methode ist, sich mit dieser Welt auseinanderzusetzen.

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