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Lola Arias Nüchterne Poesie

„Mein Leben danach“ und „Liebe ist ein Heckenschütze“ von Lola Arias aus Argentinien, die nicht nur Autorin, sondern auch Regisseurin und Musikerin ist. "Mein Leben danach" ist übrigens als Theaterstück in Frankfurt zu sehen.

Dies ist ein ganz eigenartiges Buch. Ein Buch mit nur wenigen Wörtern, in dem aber sehr viel steht. Ein Lesebuch ist es also nicht. Es ist auch kein Bilderbuch, obwohl es viele Bilder enthält, Bilder von heute und Bilder von damals. Es ist klar wie ein sehr gutes Kinderbuch, gleichzeitig ist es umfassend wie ein großer Roman. Es ist einfach und zeichnet doch das verzweigte Bild einer zerrissenen Gesellschaft: einer Gesellschaft, die sich selbst fremd war.

Lola Arias, argentinische Autorin, Regisseurin und Musikerin, geboren 1976, hat vor zwei Jahren mit sechs Schauspielern eine Aufführung erarbeitet, in der diese sechs Menschen weniger ihr eigenes Leben als das ihrer Eltern erzählen. Geboren sind sie zwischen 1972, ein Jahr bevor in Argentinien die Peronisten gewählt wurden, und 1983, als dort die Militärdiktatur zusammenbrach.

So sind sechs Geschichten aus den siebziger und achtziger Jahren entstanden, als in Argentinien Peronisten und Militär die Bevölkerung terrorisierten. Die sechs Geschichten werden in diesem Buch erzählt, es ist also ein Buch nach einer Aufführung, und doch ist es kein Theaterbuch, sondern ein eigenständiges Geschichts- und Geschichtenbuch geworden.

Es entsteht ein eigner, vollständig wirkender Kosmos des Lebens in und nach der Diktatur. Man kann den begrenzten Raum nachvollziehen, in dem überhaupt Leben in der Diktatur möglich ist, egal ob man nun Verfolgter oder Scherge des Regimes war.

Wir wollen die Geschichten hier nicht referieren, auch nicht in Bruchstücken, man kennt es: Verschleppung, Exil, dunkle Kooperation und Grausamkeit hinter scheinbar frohen Lebensoberflächen, Kampf im Untergrund und dazwischen: sehr viel Normalität. Und doch hat das in jeder Diktatur eine andere Farbe. Obwohl dieses Buch nüchtern und präzise erzählt, entsteht ein phantastischer Raum. Das Leben ist auch unter der Repression nicht wirklich gezähmt worden. Es wuchert. So ist dieses Buch nicht nur sehr informativ, sondern auch sehr lebendig.

Über Deutschland gibt es bis heute kein vergleichbares Buch. Wo findet sich der Autor, der die DDR ähnlich nüchtern, liebevoll und präzise beschreibt? Man braucht keine großen Worte. Man muss nur sagen, was war.

Das tut Lola Arias auch in dem zweiten Buch, das gerade von ihr erschienen ist, der Sammelband „Liebe ist ein Heckenschütze“. So hieß schon eine ihrer Theaterarbeiten. Auch diese Texte, tagebuchartige Notate, Erzählungen, Gedichte, Dialoge, haben eine eigene nüchterne und konkrete Poesie. Arias berichtet aus dem Leben einer jungen Frau in Buenos Aires, die oft allein ist und sich entsprechende Gedanken über die Menschen macht, denen sie begegnet. Meist begegnet sie dabei natürlich sich selbst. Auch hier, wo es um Privates und Flüchtiges geht, ist Arias sehr präzise.

Compania postnuclear heißt das Kollektiv, dem Lola Arias immer noch angehört. „Die Postnuklearen“ heißt einer der Texte: „Ab Mitternacht stehen sie an der Tankstelle, um den Autos auf der Avenida Libertador hinterherzuschauen. Die dickleibige Mutter und der geistig behinderte Sohn sind zwei menschliche Skulpturen“, beginnt sie. Sie denkt über die beiden Figuren nach. „Sie sind wie zwei Philosophen der Geschwindigkeit oder zwei Soldaten auf einem Herointrip oder zwei in Autos verliebte Roboter.“ Sie malt sich mehrere Möglichkeiten aus, geht ihren Gefühlen und Assoziationen nach. Lola Arias flaniert durch eine menschenleere Gesellschaft: „Wenn sie so aufrecht mit dem vom Fahrtwind der Autos bewegten Haar an der Avenida stehen, hat man das Gefühl, dass sie in die Ferne blicken und sich an eine Welt erinnern, die es nicht mehr gibt.“

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