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Lobo Antunes Anschreiben gegen die Schuld

„Ich gehe wie ein Haus in Flammen“: Der Portugiese António Lobo Antunes legt seinen 28. Roman vor.

Porto
Menschen im Mietshaus, Ort des erneut vielstimmigen Buches „Ich gehe wie ein Haus in Flammen“. Foto: rtr

Es ist ein großer Menschengesang, der sich aus diesem Buch erhebt. Ein Klagelied über das Leben, das, was die Menschen aus ihm gemacht haben, was es aus ihnen gemacht hat. Und wer einen größeren Anteil am Lauf der Dinge hat, ist schwer zu sagen. „Wir sind Herren über so wenig“, schreibt der große portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes, der seit Jahrzehnten schon Aussichten auf den Literaturnobelpreis hat.

Sein neues Buch „Ich gehe wie ein Haus in Flammen“ erteilt einem die schreckliche Lehre, dass Wunden nicht heilen. In der Zeit des Lebens, in der man beschäftigt ist, mag es so scheinen, als blieben nur Narben zurück, die allmählich verblassen. Aber im Alter, wenn es einem der Körper schon schwer macht, brechen sie wieder auf, schmerzen, erfüllen einen mit Gewissensbissen, mit dem Gefühl, Gelegenheiten verpasst, falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Es gibt Tränen, die Jahre brauchen, sich zu bilden. Davon erzählt António Lobo Antunes.

Seine Protagonisten bewohnen ein Mietshaus in Lissabon, es ist ein Mikrokosmos der Melancholie und der Müdigkeit. Man stellt sich die Behausungen allesamt düster vor, von dieser bürgerlichen Düsterkeit, die durch schwere Teppiche und dicke Vorhänge erzeugt wird. Acht Wohnungen, acht Stimmen oder eher ein Lobo-Antunes-typisches Stimmengewirr, das sich zu einem Gedanken- und Erinnerungsstrom formt, in dem sich Vergangenheiten mischen. Persönliches, Kollektives, Historisches – wer kann das schon unterscheiden. Kein Punkt hält ihn auf diesen Fluss, nur Fragezeichen ist es ab und zu erlaubt, einen Satz zu beenden. Dialoge sind eingestreut, manchmal weiß man nicht, wer da jetzt spricht. Es sind keine geringen Forderungen, die Lobo Antunes mit seinem eigenwilligen Stil und der lyrischen Verdichtung an den Leser stellt.

Manchmal dringen verzweifelte Schreie aus anderen Teilen des Hauses in das Solo-Gemurmel desjenigen, in dessen Wohnung man sich gerade befindet. „Salazar, Salazar, Salazar“, schreit es. Wie ein Leitmotiv erscheint dieser Ruf.

Später glaubt man, dass er aus dem Erdgeschoss links kommen muss, wo der alte Kommunist wohnt. – Hat er angefangen zu reden? Einstweilen noch nicht. Die Geheimpolizei des Diktators, der Portugal 36 Jahre lang regierte, kennt sich mit der Folter aus. Ohne Spuren zu hinterlassen,  geht sie vor, kein Messer, kein Blut, lieber ein Nylonfaden. Im Zweiten rechts der alte Mann, einstiger Rechtsanwalt, dessen Frau gerade gestorben ist. Nein, nicht seine Frau, seine Gattin, das ist ein Unterschied. In ihrer Schublade findet er seine Liebesbriefe von einst mit ihren Bleistiftnotizen: mangelhaft. „Der Bleistift, eine Elster, die sich über mich lustig macht.“

 Im Zweiten links die Richterin. Morgens, wenn sie aufwacht, weiß sie nicht, wer sie ist. Sie kennt ihren Geruch nicht, der von den Betttüchern ins Zimmer zieht. Es riecht nach alter Frau. Das Parfüm macht es noch schlimmer. Ihr Klavierspiel ist im ganzen Haus zu hören. Im Erdgeschoss links der Trinker. „Ich bin tatsächlich immer im Weg, ich habe mein ganzes Leben lang gestört.“ Alexandra, seine Tochter, hat ihn verstoßen. „Alexandra, Alexandra, Alexandra.“ Ihr Name ist das zweite Leitmotiv, das durch das Haus geht. Im Erdgeschoss rechts das jüdische Geschwisterpaar, das Rumpeln der Militärlastwagen stört ihre Träume. Den Traum von einem Cousin etwa, der auf die Schaukel im Garten klettert, lacht und dann durch einen Schuss ganz ernst wird. Die Schaukel schwingt noch, aber der Junge liegt im Gras. Dieses Land am Ende der Welt beherbergt nicht nur seine eigenen, sondern auch die Traumata des ganzen Kontinents.

Immer wieder hat sich der 1942 geborene Lobo Antunes in seinem Werk der einstigen portugiesischen Kolonie Angola gewidmet, dem portugiesischen Trauma, das das Trauma des einstigen Oberstleutnants ist, dritter Stock links. „Ich holte mir eine Mulattin ins Haus, nicht weil ich sie mochte, wie kann man ein Geschöpf einer niederen Rasse mögen.“ Und nun, „niemand bei mir, nur dein Name Sofia Rosa, und die Trauer bei der Abreise, die mich seither nicht verlässt.“ Der national vorgeschriebene Rassismus hat sein Lebensglück zerstört.

Lobo Antunes war als junger Mann während des Kolonialkriegs Militärarzt in Angola, er ist ausgebildeter Psychiater. „Ich frage mich, warum ich keine Schuldgefühle habe, wo ich doch an grauenhaften Dingen teilgenommen habe“, sagte er dreißig Jahre später in einem Interview. Doch darüber wolle er nicht sprechen. Das, was er sagen könnte, ergießt sich in seine Bücher, so wie er seine Figuren sich ergießen lässt wie in einem narrativen Verfahren der Traumatherapie.

„Wenn ich nicht schreibe, habe ich Schuldgefühle“, sagte António Lobo Antunes noch. Er tut alles, damit sie nicht über ihm zusammenschlagen. „Ich gehe wie ein Haus in Flammen“ ist sein 28. Roman.

António Lobo Antunes: Ich gehe wie ein Haus in Flammen. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand, München 2017. 444 S., 24 Euro.

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