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Lloyd Jones "Geschichte der Stille" Die empfindliche Welt

Der Neuseeländer Lloyd Jones mit einer familiären „Geschichte der Stille“, in der er auch vom großen Erbeben in Christchurch erzählt.

Die Kathedrale von Christchurch am 24. Februar 2011. Foto: REUTERS

Am 22. Februar 2011 bebt unter der neuseeländischen Stadt Christchurch die Erde, „als würde ein Tischtuch ausgeschüttelt“. Lloyd Jones, Schriftsteller, in Wellington lebend, wird von der BBC angerufen, ob er etwas schreiben könne für den Rundfunk. Aber er will nicht der reportierende „Handwerker von der schnellen Truppe“ sein. Erst einige Wochen später reist er nach Christchurch, die Rettungsarbeiten sind vorbei, die Aufräumarbeiten noch lange nicht. Unter den Dingen, die er beobachtet, ist das Nummerieren und Abtragen von Steinen der Kathedrale, auf dass sie in ihrer Originalgestalt wiederaufgebaut werden kann. Auf krummen Wegen, wie sie Gedankenanstöße manchmal nehmen, inspiriert, nein, nötigen Lloyd Jones diese Steine, den Rätseln seiner Familiengeschichte nachzugehen.

Das beschwiegene Leben

Nicht unbedingt leuchtet ein, warum in „Geschichte der Stille. Eine Spurensuche in Neuseeland“ („A History of Silence. A family memoir“, 2013) das eine auf das andere folgt, die Recherche nach dem beschwiegenen Leben der Großmutter auf den Besuch im zerstörten Christchurch. Aber beide Berichtstränge sind doch stark.

In Christchurch also geht Lloyd Jones langsam durch die teils wieder aufgeräumten Straßen, schaut, schaut länger, spricht mit Menschen wie dem Briefträger, der zwei Wochen erst in seinem Job war, als ihn das Beben vom Rad bockte. „Er blickte nach oben, sah die letzte der Freileitungen reißen, und als sie das Sumpfwasser streifte, das so überraschend schnell aufgestiegen war, wurde die Luft elektrisch blau.“

Es gibt kaum noch jemanden, den er nach seiner Familiengeschichte fragen kann. Nach dem angeblich ertrunkenen walisischen Großvater. Nach der angeblich so herzlosen Großmutter, die Lloyd Jones’ Mutter zur Adoption freigab. Nach der Narbe auf der Nase seiner Mutter. Er reist ins walisische Pembroke Dock auf den Spuren des „Ertrunkenen“, des Großvaters väterlicherseits, der sich, so recherchiert es Jones, der Verantwortung für Frau und Kinder entzogen hat und später fidel in Kanada lebte. Er kann schließlich in Neuseeland die Gerichtsprotokolle lesen, in denen es um die Scheidung von Maud, seiner Großmutter mütterlicherseits, von einem gewissen Harry Nash geht.

Das Rätsel löst sich

Und das Rätsel löst sich: Maud gab die kleine Betty – Lloyd Jones kannte seine Mutter, ja, sie selbst kannte sich nur als Joyce – zur Adoption frei, da Nash seine Frau und deren in die Ehe gebrachtes Kind misshandelte („... eine Prellung an Mauds Stirn, Spuren eines Fußtritts gegen das linke Knie und Blutergüsse an Armen, Beinen und am Körper“ bezeugt ein Arzt vor Gericht). Sie, die noch zwei Söhne mit Nash hatte, brachte ihren „Bastard“ aus der Schusslinie. Natürlich verstand das das Kind nicht und fühlte sich ungeliebt. Lloyd Jones erinnert sich, wie seine Mutter vor der Haustür ihrer Mutter im Auto saß und wartete, nur, um sie vorbeigehen zu sehen.

Das Erdbeben in Christchurch bringt den Autor dazu, die Geschichte seiner Mutter aufzuspannen zwischen Kindheit – „und schon entsteht ein Sinn für ein gelebtes und abgelegtes Leben“ – und Tod. Und immer ist die Welt „empfindlich, leicht“. Und immer ist da „etwas, das nicht gesagt werden sollte“, ein „vorsätzliches Vergessen“. Er aber wollte sich erinnern und scheute dafür keinen Aufwand. Entstanden ist ein mit Herzblut geschriebenes Buch.

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